Wenn genau nicht mehr genau genug ist

Wer hätte denn gedacht, dass in nur wenigen Jahren die Mobiltelephonie einen derartig überwältigenden Siegeszug antreten würde, dass es heutzutage in Deutschland bereits weit mehr Handys als Einwohner gibt? Wahrscheinlich niemand - genauso wenig wie irgendjemand nach dem ersten Erscheinen der Option Klimaanlage in den Zubehörlisten der Fahrzeughersteller vermutet hätte, dass diese Komfortmöglichkeit in kurzer Zeit Standard werden könnte. Dennoch lassen sich Gebrauchtfahrzeuge ohne Klimaanlage heutzutage nur mit deutlichen Preisabschlägen verkaufen.


Selbst Landwirte, die sich unter Hinweis auf eine etwaig fehlende akustische Kontrollmöglichkeit des Anbaugerätes oder zur Vermeidung von erhöhtem Spritverbrauch gegen die Anschaffung gesträubt hätten, fahren heute gerne mit geschlossener Kabine über den Acker. Zum einen würden sie nun durchaus die mittlerweile gewohnte Stille in der Kabine genießen, zum anderen hätten sie bemerkt, dass sie durch die Klimatisierung viel länger konzentriert arbeiten und nach getaner Arbeit wieder deutlich besser gelaunt absteigen könnten. Dies alles seien allerdings keine Dinge, die einem beim ersten Blick auf die Zubehörliste auffallen, so Alfred Lübbering, Spezialist für Agrarmanagement-Systemlösungen (AMS) bei Josef Greving Landmaschinen in Ahaus-Wüllen.

Und genauso verhalte es sich auch mit der Präzisionslandwirtschaft. Schon lange gehe es nicht mehr nur darum, mit dem Traktor möglichst gerade Striche auf die Felder ziehen zu können. Schließlich trüge die von John Deere unter dem Namen Agrar-Management-Systemlösungen vertriebene Technologie ihren Namen nicht zu Unrecht.

Und so wie die Klimaanlagen zu Beginn die Zweifler erst einmal überzeugen mussten, gibt es auch heute noch viele Landwirte, die unter Präzisionslandwirtschaft die Nutzung von Satelliten, Sensoren und Karten zur Erledigung von Arbeiten verstünden, die ihr Großvater mit scharfen Augen, einer Prise Erde zwischen den Fingern und einem guten Gedächtnis erledigen konnte. Dabei seien die Möglichkeiten, die Präzisionslandwirtschaft biete, letztendlich nur durch die eigene Vorstellungskraft begrenzt, so Lübbering. Schließlich würden die modernen Systeme genau das möglich machen, was die Großväter lang vor der Mechanisierung der Landwirtschaft zwangsweise noch in Eigenregie machen mussten: die Betrachtung kleiner Schlagparzellen als separate Geschäftseinheiten.

Präzisionslandwirtschaft macht es also zum Beispiel möglich, Düngemittel, Kalk, Herbizide, Pestizide und Saatgut teilflächenspezifisch auszubringen. Dies hilft Verschwendung zu vermeiden und trägt so zu erhöhter Effizienz bei. Ein Vorteil, der vorletztes Jahr auch Landwirt Robert Cluse im münsterländischen Heiden überzeugt hat. Schließlich ist es gerade beim Spinatanbau wichtig, zu vermeiden, dass zwei Pflanzen einander bedrängen. Und auch beim Häufeln der Kartoffeln sollte nicht zu weit in die eine oder andere Richtung abgewichen werden. Nicht vermarktbarer gelber Spinat oder wertlose grüne Kartoffeln wären sonst die Folge.

Nur mehr wenige Millimeter Abweichung vom vorgegebenen Kurs erlaubt die Elektronik seit der technologischen Aufrüstung den beiden Schleppern von Robert Cluse. Um diese Genauigkeit erreichen zu können, reichte die Qualität des gratis verfügbaren Sattelitensignals allerdings nicht aus. Ein technischer Trick half Cluse im ersten Jahr, auch ohne zusätzliche Installationskosten die benötige Präzision auf dem Feld zu erreichen. Anstatt das Korrektursignal, das zusätzlich zum GPS-Signal für allerhöchste Genauigkeit benötigt wird, vor Ort selbst zu erzeugen, griff er auf ein Dienstleistungsangebot zurück. Dieses speist sich aus der kostenpflichtigen Verwendung von Daten, wie sie von Landvermessern bei der Ausübung ihrer Tätigkeit verwendet werden. Diese Technik des Signalempfangs für die landwirtschaftlichen Anwendungen wird von John Deere als Mobile RTK angeboten.

Ein deutschlandweites Netz von Korrekturstationen stellt sicher, dass diese Daten im Prinzip überall verfügbar sind. Standleitungen sorgen bei diesem System für den Datenaustausch zwischen den Servicestationen und den Nutzern dieser Daten. An diesem Funktionsprinzip lässt sich jedoch auch eine Einschränkung dieses Systems erkennen, erklärt Robert Cluse. Um die Daten nutzen zu können, muss das Mobiltelefon in der auf dem Traktor angebrachten Empfängereinheit eben auch die ganze Zeit empfangen können. Überall dort, wo Funklöcher sind und kein Handyempfang möglich ist, beginnt die Genauigkeit zu leiden. Tritt so ein Funkloch auf, fällt die Signalgenauigkeit automatisch in normalerweise kostenpflichtigen SF 2 Status mit einer Signalgenauigkeit von 5 cm zurück. Ein zweiter Nachteil, so Cluse, ist, dass dieses Signal kostenpflichtig ist. „Auch wenn die Preise stetig fallen, kommt da im Laufe der Zeit einiges zusammen, besonders wenn mehr als ein Empfänger genutzt werden soll.“

Da Robert Cluse das Signal in der zweiten Anbausaison auf zwei Schleppern nutzen wollte und auch sein Nachbar nach den durchweg positiven Erfahrungen aus dem ersten Jahr Interesse zeigte, wurde nach einer günstigeren Möglichkeit Ausschau gehalten. Schnell wurde klar, dass dabei kein Weg an einem RTK-System vorbeiführen würde. Doch auch die Verwendung einer RTK-Basisstation ist nicht ganz ohne, wie Cluse erklärt. Schließlich dauert es einen Tag, bis sich die Station eingemessen hat und dann sollte sie noch jedes Mal noch am genau gleichen Ort stehen. „Am Einfachsten war es deshalb, die Basisstation an einem festen Punkt zu installieren“, so Cluse. Er suchte den höchsten Punkt seines Anwesens und fand ihn an der windabgewandten Kaminseite.

Wenn nun aber das Korrektursignal von diesem Punkt aus auch verschickt werden würde, würde das zwar in eine Richtung gut funktionieren, auf der anderen Seite würde dann aber im wahrsten Sinne des Wortes Funkstille herrschen. „Als Faustregel lässt sich sagen, dass nur dort, wo freie Sicht auf den Sender ist, das Signal in guter Qualität empfangen werden kann“, so Cluse. Warum aber nicht Basisstation und Sender trennen? Cluse musste nicht lange suchen, um einen Punkt zu finden, der in und rundum Heiden von beinahe überall sichtbar ist. Zwischen zwei Blinklichtern wurde die Sendestation in über 100 m Höhe auf das Turbinengehäuse einer Windkraftanlage gesetzt.

Cluse erklärt, warum denn nicht auch gleich die Basisstation mit auf die Windmühle gesetzt wurde: „Sobald ein bisschen Wind geht, schwankt die Spitze mehrere Meter. Diese Schwankungen würde dann auch der Traktor auf dem Feld nachfahren.“ Und da der Telefonanschluss der Windmühle sowieso in Cluses Büro endete, war es auch kein Problem eine Standleitung zwischen Turbinengehäuse und Kamin zu schalten. Eine Repeaterstation auf einer einige Kilometer entfernt liegenden Windkraftanlage vergrößert den Senderadius noch einmal beträchtlich. „Wenn man diesen Gedanken einmal weiter spinnt, erkennt man, welches Potential noch in dieser Technologie steckt“, erklärt Alfred Lübbering. „Was spricht denn dagegen, dass dieses Korrektursignal irgendwann einmal flächendeckend empfangbar sein sollte?“

Auch Cluse ist sich sicher, dass er zwar das Potential der Technologie noch nicht zur Gänze ausnutzt, dennoch aber bereits stark davon profitiert. „Je weniger Pflanzenschutzmittel zur Verfügung stehen, umso interessanter wird es werden, Pflanzenschutzmaßnahmen noch effektiver durchzuführen.“ Und genau dabei helfe die Technologie genauso wie bei der Erfüllung der Dokumentationspflicht einzelner Arbeitsschritte, die besonders im Vertragsanbau eine große Rolle spielen. Mit dem von Cluse verwendeten System ist es beispielsweise ein Leichtes, genau zu dokumentieren, wo wie viel Spritzbrühe gelandet ist. „Irgendwann wird es mit Sicherheit so sein dass in die Planung der einzelnen Bewirtschaftungsmaßnahmen dann auch beispielsweise Daten aus der Kartierung der Erträge eingehen werden.“

Bis es einmal soweit ist, freut sich Cluse auch daran, dass er Beete anlegen kann, ohne Gefahr zu laufen, den Anschluss zu verlieren oder wegen zuviel Überlappung unnötig Ressourcen zu verschwenden. „Es ist eben schon ein bisschen wie mit der Klimaanlage. Wenn man sich einmal dran gewöhnt hat, möchte man es nicht mehr missen.“ Wie komfortabel das System ist, zeige sich laut Cluse auch daran, wie schnell dessen Benutzung selbstverständlich wird. „Wenn es die Witterungsbedingungen erfordern, können wir nun beispielsweise auch in den Abendstunden beginnen auszusäen, um so die Feuchtigkeit im Boden besser ausnutzen zu können.“

Schlechte Sicht und Dunkelheit erforderten genauso wenig den Abbruch von Feldarbeiten wie dringende anderweitige Verpflichtungen. „Wenn das System einmal läuft, kann mit ein bisschen Praxiserfahrung im Prinzip jeder einen solchen Schlepper auf dem Feld bedienen“, so Cluse. Soweit entfernt von der Wirklichkeit ist der Fernsehwerbespot von John Deere also gar nicht, indem ein Landwirt statt seiner selbst einen Spaziergänger auf den Traktor setzt, um das Hochzeitstagsgeschenk für seine Frau besorgen gehen zu können.

Lübbering denkt noch einen Schritt weiter: „Theoretisch wäre es ja möglich, in der Schlagkartei am heimischen PC bereits die Nullspur und die Reihenfolge der weiteren Abarbeitung des Schlags festzulegen.“ Einer praktischen Umsetzung dieser Idee schiebt der Gesetzgeber jedoch einen Riegel vor. Schließlich lasse sich der Sitzkontaktschalter ja bereits mit einer schweren Aktentasche überlisten. „Und wenn der Schlepper dann nur noch vorgezeichnete Linien nachfährt, würde es nicht allzu lange dauern und die ersten Schlepper würden selbstständig zum Feld und wieder zurück fahren“.

Angesichts der rasanten Entwicklung auf dem Gebiet der Präzisionslandwirtschaft scheint dies zwar wie Zukunftsmusik zu klingen, aber keinesfalls unmöglich.

Tim Jacobsen

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