Kopf frei für neue Wege

Erdbeergrubber individuell und passend gebaut

André Fennert ist 37 Jahre alt und hat als junger Unternehmer schon eine 180 Grad Wendung schmerzhaft aber erfolgreich überstanden. Mut gehört dazu, sicherlich, aber vor allem auch ein kühler Kopf. Die Familie Fennert stammt aus Norwegen, siedelte im Jahr 1850 nach Lübeck, um hier in den Gartenbau einzusteigen. Genau im Jahr 1900 entschloss sich der Urgroßvater, in das 5 km entfernte Hamberge zu ziehen und so der Enge der Stadt zu entfliehen. Mit Milchkühen, Feldgemüse und Erdbeeren – wie damals auf vielen Höfen – war die Landwirtschaft vielseitig orientiert.

Jahrzehnte für die Industrie produziert

In den fünfziger Jahren kam die Zeit des Wachsens. Mit nur 10 ha Eigenland und in Spitzenzeiten 300 ha zugepachteter Flächen produzierten die Fennerts viele Jahre Feldgemüse und Erdbeeren vor allem für die Industrie und den Großhandel. Erasco später Campbell`s sowie der Marmeladenhersteller Schwartau gehörten zu ihren Kunden. „Bis 2008 lieferten wir dosenfertige Endprodukte wie z.B. gewaschenen und geschnittenen Porree“, erläutert André Fennert seine Unternehmensgeschichte, „Wir hatten alles: LKWs, Wasch- und Packstraße, Schnittanlage, Kühllager, viele Landmaschinen und in Spitzenzeiten bis zu 400 Saisonarbeitskräfte.“

Über Jahre Verluste eingefahren

Dann kam der Schnitt: „Fünf Jahre lang habe ich Verluste eingefahren, weil die Erzeugerpreise in den Keller sanken und dort blieben. Die Miesen kletterten in einen satten sechsstelligen Bereich. So konnte es nicht weitergehen. Ich musste handeln!“ 2008 fiel alles zusammen. Die Preise für Gemüse lagen auch in dieser Saison weit unter den Deckungskosten. Ausreichend Arbeitskräfte zu besorgen, wurde mehr denn je zu einem nicht zu bewältigenden Problem. Campbell`s wollte nur noch Tiefkühlware und keine Frischware abnehmen und fiel als Kunde weg. „Die Geschäftsbeziehungen zu Schwartau musste ich abbrechen“, berichtet der Jungunternehmer, „wenn man 80 ha Erdbeeren anbaut, um damit größtenteils einen einzigen Kunden zu beliefern, muss man sich auf diesen verlassen können. Nicht nur der vereinbarte Preis muss eingehalten werden, sondern auch die Ware muss sicher abgenommen werden. Keiner kann es sich leisten, mit einer Erdbeerfläche solchen Umfangs in der Ernte sitzen gelassen zu werden.“

Radikaler Schnitt durchgezogen

Fennert verkaufte alles – Maschinen, Geräte, Fahrzeugpark. Er entließ seine festen Mitarbeiter und löste die Pacht- und Lieferverträge auf. „Das war wie ein Befreiungsschlag“, erklärt Fennert. Heute sieht der Betrieb ganz anders aus: 20 ha Erdbeeren inklusive Jungpflanzen sind geblieben, aber heute bewirtschaftet er gemeinsam mit einem anderen Landwirt als Arbeitsgemeinschaft rund 400 ha Ackerland und 100 ha Grünland. Die Erdbeeren werden in Bad Oldesloe, Lübeck, Reinfeld und Bad Schwartau in Verkaufsständen direkt vermarktet. Außerdem wird Godeland/Landgard mit festen Lieferverträgen bedient.

In der Hauptsaison werden bis zu 70 Saisonarbeitskräfte eingestellt. Außerdem übernimmt er Lohnarbeiten in Erdbeeren vom Strohhäckseln über Bodenbearbeitung bis zu Pflanzenschutzmaßnahmen sowie Lohndrusch, Rundballenpressen u.ä. „Ich habe jetzt den Kopf frei, um nachzudenken“, freut sich der gelernte Agrarbetriebswirt, „endlich habe ich Zeit, mich mit der Landtechnik zu beschäftigen. Das war schon immer mein Steckenpferd.“

Kopf frei für neue Ideen

Fennert ist eigentlich ein Tüftler. Viele Standardmaschinen passten eben nicht genau in seine betrieblichen Abläufe hinein. „Maschinen und Arbeitsgeräte von der Stange haben uns zumeist nicht befriedigt. Irgendwo hakte es immer. Also habe ich jedes Arbeitsgerät und jede Maschine für den optimalen Einsatz auf unsere Bedürfnisse angepasst. Das geht aber nicht nur uns so. Jeder Betrieb hat spezielle Anbauprobleme und muss seine vorhandenen Geräte mit alten und neuen Maschinen kombinieren. Das bringt oft Probleme“, so Fennert, „warum also meine Ideen und technischen Erfindungen nicht allen Landwirten zur Verfügung stellen?“

Seine Firma AF Agrarservice  macht Landtechnik passend. Landmaschinen für den Sonderkulturbereich, Spritzgestänge und vor allem Bodenbearbeitungsgeräte sind Fennerts Spezialgebiet. Seine Ideen setzt der findige Landwirt mit der Firma Baarck in Söhren um. Der Geschäftsführer der Firma, ein ehemaliger Lehrer der Deula-Nienburg, und Fennert sind ein optimales Team, das technisches Know-How, praktisches Wissen und Erfindungsgeist miteinander kombiniert.

Erstes Großprojekt: Der Erdbeergrubber

Erstes Großprojekt und ganzer Stolz ist der Erdbeergrubber. Fennert baut seine Erdbeeren im Beetsystem an (Doppelreihenabstand 0,625 m, Abstand zwischen den Doppelreihen 1,25 m). Dies ermöglicht die in manchen Jahren dringend notwendige Bewässerung mit dem Wasserwagen und den Einsatz des neu entwickelten, vielseitig verwendbaren Tiefengrubbers, der die Verdichtungshorizonte insbesondere der Ortssteinschichten auflockert. Das Gerät wird im August nach der Ernte zum Abschlegeln und dann im Oktober noch einmal eingesetzt. Der Tiefengrubber bleibt dabei immer an den beiden stabilen Trägerrahmen angehängt. Mit den beiden Arbeitsgängen wird nicht nur der drohenden Staunässe im Herbst und Frühjahr entgegengewirkt, sondern auch das Stroh eingearbeitet und damit die Empfindlichkeit gegen Spätfröste herabgesetzt, mechanischer Pflanzenschutz betrieben und die Stolonen von der Mutterpflanze abgetrennt.

Das bauen, was der Landwirt braucht

„Das Besondere an diesem Arbeitsgerät ist seine Vielseitigkeit“, betont Fennert. Der Tandemrahmen ermöglicht den Anbau von unterschiedlichsten Bodenbearbeitungsgeräten. „Wir bauen das an, was der Landwirt braucht“, erklärt Fennert. Große und kleine Grubberzinken mit und ohne Federn mit breitem Schar oder ohne sind ebenso möglich wie unterschiedliche Anordnung, Größe und Bauart der Scheiben. „Bezahlbar ist der Erdbeergrubber auch“, meint der Erfinder, „je nach Ausstattung kostet die Maschine um die 8 000 €“.

Josefine Weyen
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