07.09.2016

Geschützter Anbau weiter im Trend

Klassisches Verfahren: Wandertunnel mit Dammkultur im Boden
Foto: Aldenhoff

Die Haupternte 2016 ist seit Wochen vorüber, dennoch werden Erdbeeren im Einzelhandel, auf Wochenmärkten oder in den Hofläden – wenn auch in deutlich geringeren Mengen als zur Hauptsaison – weiter vermarktet. Nach den Wetterkapriolen in diesem Frühjahr und Sommer ist die Frage nach geeigneten Möglichkeiten zum Schutz der Kulturen vor widrigen Witterungseinflüssen bzw. zur Verfrühung oder Verlängerung der Saison aktueller denn je. Spargel & Erdbeer Profi sprach mit Ludger Linnemannstöns, Versuchsleiter am Standort Auweiler des Gartenbauzentrums Straelen/Köln-Auweiler der LWK NRW und dort zuständig für den gesamten Bereich der Beerenkulturen, über die aktuellen Entwicklungen im geschützten Anbau.

Spargel & Erdbeer Profi: Herr Linnemannstöns, wie haben Sie den Einstieg in den geschützten Anbau vor fast 25 Jahren erlebt?

Ludger Linnemannstöns: Schon Mitte der 1990er-Jahre wurden die ersten Tunnelanlagen in süddeutschen Beerenobstbetrieben errichtet. Da zu diesem Zeitpunkt die dringend erforderlichen höheren Erlöse für die Beeren nicht zu erzielen waren, stagnierte die Entwicklung zunächst für einige Jahre. Der Startschuss mit Wandertunneln in unserem Versuchszentrum fiel 2002/2003 mit Wandertunneln nach belgischem Muster.

Heute werden nach Schätzungen in Deutschland Erdbeeren auf einer Fläche von ca. 1 200 bis 1 300 ha in geschützten Verfahren kultiviert. Dies entspricht ca. 10 % der Anbaufläche. Bezogen auf die gesamte Erntemenge liegt der prozentuale Anteil sicher oberhalb dieses Wertes, da die Erträge im geschützten Anbau vergleichsweise höher sind als im Freiland. Weil die Kunden in der Direktvermarktung als auch der LEH erkannt haben, dass Beeren aus geschützten Kulturverfahren qualitativ meist höherwertiger sind als solche aus dem Freilandanbau, konnte in den zurückliegenden Jahren eine Preisdifferenzierung zugunsten der Früchte aus geschütztem Anbau stattfinden.

Nach offizieller Statistik steigt die Fläche geschützter Beerenkulturen, so werden Himbeeren schon auf einer Fläche von 150 ha geschützt kultiviert. Die Forderungen des Handels nach stabiler, haltbarer Ware fördern diesen Trend auch bei anderen Beerenobstarten wie z.B. Blaubeeren oder Brombeeren.

Spargel & Erdbeer Profi: Ist die Entwicklung in Deutschland damit vergleichbar mit anderen Ländern?

Ludger Linnemannstöns: Im europäischen Vergleich gibt es einige Länder, die in diesem Bereich deutlich weiter fortgeschritten sind als die deutschen Anbauer. So fand in England z.B. in den letzten Jahren eine rasante Entwicklung – nicht zuletzt hervorgerufen durch die Forderungen des Einzelhandels – statt. 70 % der Beerenfrüchte in England stammen aus geschütztem Anbau, in den Niederlanden sind es ca. 50 %, in Spanien oder Portugal liegt der Anteil sicher über 90 %. Wenn in Deutschland aktuell ca. 10-15 % der Beeren geschützt kultiviert werden, mag dies im Vergleich bescheiden klingen, doch die Forderungen des Handels sind deutlich vernehmbar und auch in Deutschland ist ein weiteres Wachstum bei diesen Kulturverfahren zu erwarten.

Spargel & Erdbeer Profi: Welche Rolle spielt der geschützte Anbau in der Direktvermarktung?

Ludger Linnemannstöns: Gerade für Direktvermarkter sind Erdbeeren aus geschütztem Anbau ein wichtiger Bereich, denn die ersten Beeren aus dem Tunnel sind ein ideales Instrument, um den Markt zu öffnen. Vor Beginn des Tunnelanbaus begann die Erdbeersaison unter Doppelabdeckung meist nicht vor dem 20. Mai, heute beginnt die Vermarktungssaison spätestens Anfang Mai und die Kunden können ab diesem Zeitpunkt schon die Vorzüge regionaler Ware genießen. Heute muss fast jeder direktvermarktende Betrieb im Tunnel kultivieren, um frühzeitig in die Saison zu starten. Einige Direktvermarkter denken darüber nach, auch im Sommer Ware aus dem geschützten Anbau anzubieten, da diese qualitativ den Freilandkulturen häufig überlegen ist.

Spargel & Erdbeer Profi: Anfang des Jahrtausends ist die Branche meist mit schmalen Wandertunneln gestartet, welche Tunnelarten sind heute in der Praxis verbreitet?

Ludger Linnemannstöns: Neben dem klassischen Wandertunnel nach belgischem Muster sind im Laufe der Jahre eine Reihe weiterer Typen und Modelle mit höheren Spannweiten auf den Markt gekommen, je nach Modellreihe nutzbar als Wandertunnel bzw. - in meist stabilerer Ausführung - als feststehender Tunnel. Wer mit Wandertunneln arbeitet, muss diese jährlich bzw. im Zweijahres-Rhythmus auf- und abbauen. Ein gutes Handling ist nur dann möglich, wenn die Tunnel eine gewisse Breite nicht überschreiten. Wandertunnel erreichen heute eine Breite von bis zu maximal 8 m und eine Höhe von 3,30 bis 3,40 m. Im Handling am einfachsten ist dabei nach wie vor noch der kleine Tunnel mit einer Breite von ca. 5,50 m.

Auf der anderen Seite hat die Entwicklung hin zur Substratkultur im Substratdamm, auf Rinnen oder Stellagen bzw. bei Strauchbeeren in Töpfen dazu geführt, auf fest installierte, stabile Tunnel zu setzen, die nicht mehr umgebaut werden müssen. Welches System das geeignete ist, muss jeder Betriebsleiter nach individuellen Gegebenheiten entscheiden. Diese festen Tunnel sind aufgrund der verwendeten Rohrdurchmesser und Materialien entsprechend widerstandsfähig gegenüber Sturm oder Schnee, die Folie bleibt im Winter meist aufgezogen. Im Vergleich zu einfachen Wandertunneln sind die Aufwendungen zur Anschaffung solcher festen Tunnel natürlich höher, abhängig von der Ausführung liegen die Anschaffungskosten bei ca. 8-9 €/m² für diese feststehenden Tunnel in einfacher Ausführung ohne Automatisierung der Lüftung.

Der Übergang hin zu Folienhäuern mit automatischer Lüftung ist nahezu stufenlos und in der Ausstattung bis hin zur kompletten Automatisierung der Lüftung und Klimaführung sind kaum Grenzen gesetzt. Damit verbunden ist natürlich eine bessere Anpassung der Klimabedingungen an die Bedürfnisse der Beerenpflanzen und der möglicherweise eingesetzten Nützlinge, die oftmals ein mildes Klima bevorzugen. Geboten wird auch eine Entlastung beim Handling, da z.B. das Lüften nicht mehr manuell vorgenommen werden muss.

Spargel & Erdbeer Profi: Der Aufwand für den Umbau und die begrenzte Verfügbarkeit geeigneter Böden sind für einige Betriebe Anlass für einen Wechsel zur Substratkultur. Welche Aspekte sind dabei zu bedenken?

Ludger Linnemannstöns: Das „Wandern“ konnte in den zurückliegenden Jahren durch technische Entwicklungen wesentlich vereinfacht werden, dennoch ist der logistische Aufwand nicht zu unterschätzen. Ein gut ausgebildetes Team von sechs Personen ist heute mit Unterstützung moderner Technik in der Lage, eine Fläche von ca. 2 ha Wandertunnel (ohne Aufziehen der Folie) aufzustellen. Die Verfügbarkeit geeigneter Böden ist in intensiven Anbaugebieten jedoch mehr und mehr ein Problem. Aus diesem Aspekt heraus treffen manche Betriebe die Entscheidung, auf hofnahen Flächen, überdacht mit festen Tunneln oder Folienhäusern im Substratdamm bzw. auf Stellagen zu kultivieren.

Die Investition in diese Techniken ist natürlich viel höher als beim Wandertunnel und die Vor- und Nachteile müssen individuell abgewogen werden. Letztendlich muss ein Kulturverfahren in den Betriebsablauf und zur Vermarktung passen, beim Einstieg in die Substratkultur ist die Unterstützung durch eine Fachberatung zu empfehlen.

Bei einer reinen Frühjahrsernte kann auf einer Stellagenkultur mit 30-35 t Ertrag/ha kalkuliert werden, die Investitionssumme für Stellagen, Tunnel/Folienhaus sowie weiteres Equipment beträgt ca. 200 000 €/ha. Beachtet werden sollte, dass der Rückfluss der Investitionssumme im Vergleich zur Investition im Wandertunnel langsamer verläuft.

Natürlich sind in diesem Zusammenhang auch die Vorzüge der Stellagenkultur aufzuführen: Die Pflückleistung liegt bei minimal 20 kg/Std. und um die gleiche Erntemenge zu pflücken, benötigt man im Vergleich zum klassischen Wandertunnel nur noch halb so viele Erntekräfte. Darüber hinaus ist der gesamte Betriebsablauf besser planbar. Ein Nachteil ist der Verlust an Frühzeitigkeit um ca. eine Woche bis zehn Tage im Vergleich zur Kultur im Wandertunnel. Die Kultur auf Substratdamm ist ähnlich frühzeitig wie die Bodenkultur im Wandertunnel, die Ernteleistung aber deutlich geringer im Vergleich zur Stellage.

Spargel & Erdbeer Profi: Hat der Wandertunnel damit ausgedient?

Ludger Linnemannstöns: Mit Sicherheit nicht! Obwohl bei steigenden Lohnkosten die Lukrativität der Stellagenkultur steigt, ist der Anbau im Wandertunnel gegenwärtig noch eindeutig das Verfahren, das die bessere Rendite verspricht. Dennoch muss man Aspekte wie die Planung der Arbeitsabläufe und die Witterungsunabhängigkeit mit berücksichtigen. Der Wandertunnel wird in den nächsten Jahren weiterhin eine gute Zukunft haben, wenn ausreichend geeignete Flächen zur Verfügung stehen.

Spargel & Erdbeer Profi: Welche Entwicklung hat in den zurückliegenden Jahren bei den Bedachungsmaterialien stattgefunden?

Ludger Linnemannstöns: Auf den Tunnel werden die verschiedensten PE-Folien eingesetzt, die entsprechend dem Anbau unterschiedlich konfiguriert werden können. So empfiehlt sich z.B. bei Himbeeren die Verwendung einer milchigen Folie, um im Sommer Sonnenbrandschäden soweit wie möglich zu vermeiden, Gleiches gilt auch für remontierende Erdbeeren. Ist eine extreme Frühzeitigkeit das Ziel, wird eine klare Folie (Thermofolie) empfohlen. Dann gibt es z.B. UV-durchlässige Folien, deren Verwendung die Ausfärbung und den Geschmack der Früchte verbessern sollen. Wichtig bei der Auswahl der Bedachungsmaterialien ist, die jeweils individuellen Anforderungen und Rahmenbedingungen zu berücksichtigen – die Hersteller bieten meist entsprechende Lösungen an.


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Ausgabe 01/2017

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