14.01.2014

18 ha Erdbeeren und vier Kinder

von Katja Brudermann

Bereits Anfang der 1970er Jahre hat Peter Schwab mit dem Erdbeeranbau in Walperswil im Schweizer Mittelland begonnen. Das hoch professionelle Obst- und Beerenland hat er 2008 an Tochter Barbara Schwab Züger übergeben. Schritt für Schritt ist die Mutter von vier Kindern in die Rolle der Betriebsleiterin hineingewachsen. Als alleinige Betriebsleiterin und (nebenbei bemerkt) Mutter von vier Kindern bewirtschaftet Barbara Schwab Züger heute 18 ha Erdbeeren, davon 4 ha als Hors-sol in Folientunnel.

Die Vermarktung erfolgt an Groß- und Einzelhandel, während der Saison beschickt sie bis zu 20 Verkaufsstände im Umkreis von rund 60 km um Walperswil. Das technische Niveau des Betriebes ist hoch, geprägt von all den Detaillösungen, die Peter Schwab in über 40 Jahren Erdbeeranbau gesucht und gefunden hat. „Den Betrieb an mich zu übergeben war für meinen Vater leichter als an einen Sohn“, glaubt Barbara Schwab Züger, „an mich bestand nie der Anspruch, technisch genauso versiert zu sein wie er. Von Anfang an war klar: Ich würde den Betrieb anders führen, andere Kompetenzen einbringen.“

Wieder zuhause

2004 stieg Barbara Schwab Züger im elterlichen Betrieb ein - zunächst in Form einer Generationengemeinschaft. Sie brachte einiges mit, als sie mit damals 31 Jahren nach Hause zurückkehrte: ein abgeschlossenes Studium der Agronomie, fünf Jahre Erfahrung mit ökologischer Garnelenzucht in Brasilien, Ehemann Dominik und das erste gemeinsame Kind im Bauch. Die junge Familie, die frisch aus Brasilien kam, fand in Walperswil ein leer geräumtes Wohnhaus vor - Peter und Hanni Schwab waren ins Altenteilerhaus umgezogen, das sie bereits zehn Jahre zuvor gebaut und bis dato vermietet hatten - ein Zeichen von vielen, mit dem die Eltern der Tochter zeigen: „Hier ist Platz für dich. Wir unterstützen dich, aber du sollst deine Freiräume haben.“ Schnell fanden alte und junge Generation eine Aufgabenverteilung, von der alle Beteiligten profitierten: Hanni Schwab baute die bereits bestehende Bauernhofgastronomie aus und konzentrierte sich ganz auf diesen Betriebszweig. Barbara Schwab Züger übernahm von der Mutter Buchhaltung, Vermarktung und Mitarbeiterführung. Peter Schwab konzentrierte sich noch stärker als bislang auf die Anbautechnik und die Verfeinerung technischer Lösungen. Dominik Züger baute sich parallel eine eigene Selbständigkeit auf. Als ein Mensch, der die Dinge gern kritisch hinterfragt, gibt er immer wieder wertvolle Gedankenanstöße, ohne selbst im Betrieb involviert zu sein.

Von Verantwortlichen zu Beratern

2008 übernahm Barbara Schwab Züger den Betrieb in alleiniger Verantwortung, damit wurde Peter Schwab vom Co-Betriebsleiter zum Angestellten. 2012 entschloss sich Hanni Schwab, die Bauernhofgastronomie aufzugeben und sich aus der aktiven Mitarbeit im Betrieb zu verabschieden. Peter Schwab mag sich bis heute noch nicht ganz vom Betrieb trennen und genießt mit seinen nunmehr 71 Jahren eine gewisse „Narrenfreiheit“, wie er sagt. Alle alltäglichen Arbeiten sind an Mitarbeiter abgegeben. Er repariert noch immer leidenschaftlich gern Geräte, sucht nach technischen Verbesserungsmöglichkeiten. Gelegentlich ist er auch mit einer Hackmaschine auf dem Feld anzutreffen. Die meisten Dinge, die er im Betrieb macht, sind mit der Betriebsleiterin abgesprochen - doch bleibt diese gelassen, wenn das nicht der Fall ist. Für sie ist klar: was ihr Vater anpackt, ist immer sinnvoll für den Gesamtbetrieb. Das gilt auch, wenn er sich einen Mitarbeiter für ein paar Stunden für sein aktuelles Projekt zur Hilfe holt. Von Mit-Verantwortlichen und Mit-Arbeitenden werden Peter und Hanni Schwab immer mehr zu Beratern.

Verantwortung teilen

„Die gesamte Technik ist nicht meine Kernkompetenz“, gibt Barbara Schwab Züger unverhohlen zu. Bis heute gibt es Maschinenarbeiten, die sie selbst nicht ausführen, viele Störungen, die sie nicht beheben kann. Im Anbau beschäftigt sie drei Fachkräfte in Vollzeit. Alle sind bereits seit vielen Jahren im Betrieb, wurden von ihrem Vater eingestellt, während sie noch studierte oder in Brasilien Garnelen züchtete. Von Peter Schwab haben diese Fachkräfte vieles gelernt - nicht nur den Umgang mit der Technik, sondern auch die Freude am Tüfteln, am Weiterentwickeln bestehender Lösungen. Bei ihnen, nicht bei sich selbst, sieht die Betriebsleiterin das Potenzial, den technischen Standard des Betriebs lebendig zu halten. Entsprechend nimmt sie diese Fachkräfte regelmäßig mit zu Fachveranstaltungen, schickt sie auf Schulungen, gibt ihnen Freiräume, selbst gewählte Fortbildungen zu besuchen. Mariusz Wiatek hat im Sommer 2013 seine Prüfung zum Betriebselektriker absolviert - somit ist er befugt, Störungen in der elektronischen Steuerung der Gewächshäuser zu beheben, was bislang Peter Schwab vorbehalten war. Barbara Schwab Züger ist diejenige, die den Überblick über den Gesamtbetrieb behält. Im Sommer besucht sie fast jede Fläche täglich. Wenn etwas nicht rund läuft, packt sie mit an. „So bekomme ich ein Gefühl für den Arbeitsablauf und kann dann mit meinen Mitarbeitern gemeinsam Verbesserungsmöglichkeiten finden“, erklärt sie. Zudem liegen alle Entscheidungen für die langfristige Entwicklung des Betriebs bei ihr, immer wieder setzt sie neue Ideen um. So hat sie eine neue Bewässerungstechnik eingeführt: In vier Tanks von je 1 000 m³ Fassungsvermögen kann sie Regenwasser sammeln und nach Bedarf mit Grundwasser mischen. „Unser Grundwasser hat einen sehr hohen pH- und EC-Wert und eignet sich nicht besonders gut für die Fertigation. Die Mischtechnik von Regen- und Grundwasser ist ein guter Kompromiss“, erklärt sie.

Kollegiales Miteinander

Fast alle Mitarbeiter, die heute Verantwortung tragen, haben einmal als Pflücker angefangen. Wer die entsprechende Erfahrung und Kompetenz mitbringt, bekommt mehr Verantwortung. Barbara Schwab Züger möchte selbst jedem Mitarbeiter, egal ob Pflücker oder Fachkraft, denselben Respekt entgegenbringen, und dieses kollegiale Miteinander wünscht sie sich auch von den Mitarbeitern untereinander. Bis heute gibt es Mitarbeiter, die Peter Schwab „Chef“ nennen und nicht die „neue“ Betriebsleiterin. In den ersten Jahren hatte Barbara Schwab Züger durchaus Sorgen, dass Mitarbeiter sie nicht akzeptieren, den Betrieb sogar verlassen könnten, wenn ihr Vater sich zurückzieht. Doch die schrittweise Betriebsübergabe hat allen Beteiligten ausreichend Zeit gelassen, sich an den Generationenwechsel zu gewöhnen.

Entlastungen schaffen

Die Sommermonate sind für alle Mitarbeiter eine Belastungsprobe. Wenn Mitarbeiter krank werden - seien es Erkältungen oder Rückenschmerzen - merkt Barbara Schwab Züger auf und sucht so weit wie irgend möglich nach Entlastungsmöglichkeiten. Im Sommer 2013 hat sie erstmals einen Partyservice engagiert, der täglich für die gesamte Mannschaft Mittagessen gebracht hat. Zuerst hielt sich die Begeisterung unter den Pflückern in Grenzen, denn einen Anteil von 10 Sfr pro Tag hat Barbara Schwab Züger ihnen vom Lohn abgezogen. Dennoch will sie das Konzept im nächsten Jahr beibehalten - dass die Pflücker über Mittag eine reale Ruhepause haben, statt die freie Stunde kochend am Herd zu verbringen, sorgt am Ende doch für eine angenehmere Atmosphäre.

Zwischen Beruf und Familie

Die vier gemeinsamen Kinder Jonathan (9), Florian (7), Benjamin (5) und Larina (3) wachsen mitten zwischen den beiden Unternehmen ihrer Eltern auf. Eine Trennung zwischen Familien und Beruf gibt es nicht. Für zehn Monate im Jahr, von Februar bis November, hat Barbara Schwab Züger eine Haushaltshilfe angestellt, die in Vollzeit für die Familie kocht, putzt, wäscht und als zusätzliche Ansprechpartnerin für die Kinder da ist. Dennoch - wenn die Kinder etwas auf dem Herzen haben, kommen sie ins Büro. „Mama ist da, und sie ist doch nicht da.“ So beschreibt Barbara Schwab Züger das Erleben der Kinder, wenn sie mitten in der Arbeit steckt, mal genervt ist und mal kurz angebunden, einfach nicht die Aufmerksamkeit schenken kann, die ein weinendes oder aufgeregtes oder mitteilungsbedürftiges Kind gerade braucht. Doch es gibt auch die vielen wertvollen Momente. Wenn die Kinder beim Zählen der Einnahmen von den Erdbeerverkaufsständen helfen, erklärt Barbara Schwab Züger ihnen: „Das ist jetzt nicht mein eigenes Geld. Davon bezahle ich die Verkäufer, die Erdbeerpflanzen, die Pflücker und vieles mehr.“ Betriebswirtschaftliche Zusammenhänge kann sie so praxisnäher vermitteln als jedes Schulbuch. Die Kinder erleben täglich, wie das Berufsleben der Eltern verläuft, dass Probleme auftreten, deren Lösungen manchmal Zeit brauchen. Im Gespräch mit Eltern und Großeltern können sie das Erlebte verarbeiten.

Winterzeit

Von Dezember bis Februar dauert die ruhige Zeit im Obst- und Beerenland. Die Saisonaushilfen sind weg und auch fast alle Festangestellten sind im Urlaub. Jetzt holt die sechsköpfige Familie manches an gemeinsamer Zeit nach, was im Sommer zu kurz kam. „Der Betrieb hört von sich aus nie auf, einen zu fordern. Es gibt immer etwas, was es noch zu erledigen oder zu optimieren gibt, weiß Barbara Schwab Züger. Dem immer nachzugeben, hält sie nicht für den richtigen Weg. Die Kinder erlebt sie als wertvolles Gegengewicht: „So sehr mich die vier in der Saison an meine Grenzen bringen - sie sind für mich auch Ruhepole und diejenigen, die mich erinnern: es gibt Wichtigeres als den Betrieb.“

Obst- und Beerenland:

Lage:Walperswil, 12 km südlich von Biel (Schweiz)

Kulturen:insgesamt ca. 30 ha, davon 14 ha Freilanderdbeeren, 4 ha Terminkultur im Gewächshaus, 1,5 ha Äpfel, 0,15 ha Himbeeren, 0,6 ha Grünspargel

Vermarktung:20 Verkaufsstände, Automat und Selbstpflücke am Betrieb, Großhandel, Wiederverkäufer

Betriebsleitung:Barbara Schwab Züger (40, Agronomin)
Mitarbeiter: Peter Schwab (71, Landwirt), drei Fachkräfte ganzjährig, sechs erfahrene Mitarbeiter für zehn Monate, zwei Büroaushilfen und ca. 50 Aushilfen im Verkauf, bis zu 90 Saisonkräfte
Internet: www.beerenland.ch