08.06.2018

Beerenbranche vor Herausforderungen

Die deutschen Erdbeererträge 2017 waren zwar nur mittelmäßig, aber einiges glichen die Preise wieder aus. Für die Erzeuger war das Jahr dennoch eine Herausforderung und manche anstehende Aufgabe zeigte sich deshalb besonders deutlich. Darüber sprach Ludger Linnemannstöns (Landwirtschaftskammer NRW) während der 15. Unternehmertage Spargel & Erdbeer in Stuttgart.

Ludger Linnemanstöns: „Innerbetriebliches Controlling wird immer wichtiger. Entscheidungen wegen mangelnden Überblicks zu verschieben, gefährdet ganze Betriebe“
Foto: Heinz

„Erdbeeren 2017 – was nun?“ hieß das Referat des Experten vom Versuchszentrum Gartenbau der Landwirtschaftskammer NRW in Köln-Auweiler. Es begann mit einem Rückblick auf die zurückliegende Saison, warf einen kritischen Draufblick auf die Lage der Beerenbranche und endete mit einem Ausblick. Anderen Beerenkulturen galt ein Seitenblick.

Rückblick 2017: Geringere Mengen, höhere Preise

„Wir hatten zwei Hauptprobleme“, so Linnemannstöns: „Der September 2016 war sehr warm und bewirkte ein starkes vegetatives Wachstum. Dem setzte der frühe Herbsteinbruch ein abruptes Ende.“ Die durchschnittlichen Erträge im Versuchszentrum 2017 im Vergleich zu 2016: Im Wandertunnel kamen 78 % zusammen, unter Doppelabdeckung 73 %. Die verschiedenen Sorten hielten sich unterschiedlich tapfer: Im Wandertunnel lag `Flair´ dieses Jahr bei 90 % der Vorjahreswertes pro Pflanze, `Malling Centenary´ hingegen nur bei 68 %. Unter Doppelabdeckung brachte es `Dream´ auf 89, `Rumba´ auf gerade mal 55 %. Die Fruchtgewichte lagen mit 115 % unter Doppelabdeckung und 134 % im Wandertunnel höher als 2016.  

Dem Herbst folgten Ende April 2017, nachdem es schon Maximaltemperaturen von 24 °C gegeben hatte, Nächte mit Lufttemperaturen von minus 4 bis 6 °C und enormen Frostschäden.“ Dieses Drama spielte sich aber nicht überall gleichermaßen ab. Stark betroffen waren frühe und mittelfrühe Gebiete, Anlagen mit Doppelabdeckungen, Strohverspätungen, ungünstige und ungeschützte Lagen.                                          

Gute Erzeugerpreise konnten dieses Defizit zum Teil ausgleichen. Bis 8. Mai hatten 2017 die Kilo-Preise oberhalb der Fünf-Euro-Linie gelegen. Um den 12. Juni sanken sie mit durchschnittlich 2,12 € fast auf die Preistiefs der vergangenen Jahre, stiegen danach aber vergleichsweise rasant wieder an auf über 4 € ab Mitte Juli. Linnemannstöns regte das zu der Frage an, ob die Branche nicht von vornherein über geringere Mengen nachdenken müsse.

Geschützte Produktion erweitert

Damit begann schon der Blick auf die deutsche Erdbeerproduktion. Auch hier aussagestarke Zahlen: Bei nahezu konstantem Erdbeerappetit der Deutschen (3,1 kg pro Kopf) und bei zwischen 101 000 t (in 2015) und 115 000 t (in 2016) schwankenden Importen sank die deutsche Anbaufläche in den vergangenen Jahren leicht. Gleichzeitig erfolgt eine deutliche Verschiebung in Richtung geschützter Anbau: Im Jahr 2013 wuchsen bundesweit Erdbeeren auf 15 110 ha im Freiland (143 000 t) und auf 467 ha (6 900 t)  geschützt. Aktuell, so wird geschätzt, wachsen auf 1 600 bis 1 800 ha Erdbeeren im geschützten Anbau. Im Freiland stehen nur noch 12 900 ha zu Buche.

Auch auf die Preisentwicklung warf Linnemannstöns einen Blick. Gegenüber 2013 stiegen die Erlöse 2017 auf 151 % (netto 2,68 €). Die Verbraucherpreise bei Inlandsware lagen mit 5,03 € bei 138 %, bei Importware mit 3,22 € bei 113 % verglichen mit 2013. An einem späteren Zeitpunkt seines Vortrages schaute Linnemannstöns dann auch auf die in anderen europäischen Ländern aufgerufenen Konsumentenpreise der Jahre 2010 bis 2015, die sich lange Zeit – mit Deutschland im Mittelfeld - parallel entwickelten, aber seit 2013 auffächern. In Großbritannien wurden inzwischen Preise über 6 € erreicht, in Belgien und Frankreich bewegen sie sich zwischen 5 und 6 €/kg.

Unter der Fragestellung „Wie geht es weiter?“ schaute Linnemannstöns zuerst auf die Erdbeerproduktion, warf danach aber auch einen Blick auf die anderen Beeren. „Wir müssen analysieren, ob die aktuellen Gegebenheiten, also der Ertragseinbruch 2017, ein wetterbedingtes Einzelereignis war oder als grundsätzliches Problem bestehen bleiben werden.“ Da er zur zweiten Sicht auf die Dinge tendierte, plädierte der Referent dafür, den Anteil gesicherter Produktion zu erhöhen. Er sprach über zahlreiche anbautechnische Trends, wie unter anderem termingerechter Pflanzung, der Nutzung von Wandertunneln und Stellagen, der Begrenzung des Anteils von  Doppelabdeckung, die Abkehr von Remontierern im Freiland sowie über Frostschutzberegnung.

Ausblick: Systematischeres Controlling

„Das wichtigste Problem, vor dem wir jetzt stehen, ist allerdings die Arbeitskräftesituation“, so Linnemannstöns. „Steigende Löhne und die Verfügbarkeit von Arbeitskräften werden die größten Herausforderungen in den nächsten Jahren sein.“ Er belegte dies mit Hilfe zahlreicher Tabellen, in denen die Pflückkosten aufgeführt waren. 2021 werden diese etwa 4 € für 5 kg betragen, um die Hälfte mehr als 2013/14. Und diese Steigerung betrifft nicht nur Saisonkräfte. Die Reaktion kann hier wiederum nur die Steigerung der Arbeitsleistung durch eine Modernisierung der betrieblichen Gegebenheiten sein.

Linnemannstöns sprach in diesem Zusammenhang über die möglichen höheren Pflückleistungen, unterschiedliche Kulturverfahren und eine Sortenwahl, die größere Früchte oder einen verbesserten Anteil an Klasse A bringt. Anhand vieler Zahlenreihen bewies er, dass es notwendig ist, jede einzelne Kostenstelle – also jeden Schlag und jeden Vermarktungsweg - nebeneinander zu legen und zu vergleichen. Diese reichen von Lohnkosten bis zu den oft missachteten ertragsunabhängigen Direktkosten. Innerbetriebliches Controlling wird immer wichtiger. „Entscheidungen wegen mangelnden Überblicks zu verschieben, gefährdet ganze Betriebe.“ Dazu müsse der Datenerhebung eine viel größere Wertschätzung entgegengebracht werden, müssten Zuständigkeiten bestimmt und die entsprechenden Arbeitszeiten eingeplant werden. „Nach Feierabend ist dies nicht zu machen“, warnte der Referent.

Aber nicht nur die Produktivität der Mitarbeiter spiele eine Rolle. Es gehe mehr denn je darum, dass diese erst einmal verfügbar sein müssen. Neben der Lohnhöhe spielen Arbeitsbedingungen, transparente Abrechnung und angemessene Unterbringung eine große Rolle. Führungskräfte müsse man im Wettbewerb mit anderen Arbeitgebern aktiv suchen, gut bezahlen und deren Forderung nach Work-Life-Balance ernst nehmen.

Als eine weitere bevorstehende Herausforderung nannte Linnemannstöns die Bodenverknappung. Auf die könne man nur mit steigenden Hektar-Erträgen und möglichst bodenunabhängiger Produktion reagieren. Auch hier hatte er anschauliche Beispiele parat: Um in einem Betrieb 500 t Erdbeeren zu produzieren benötigt man im Freiland ca. 31 ha (16 t/ha), auf Stellage genügen 10 ha (48 t/ha) und bei einem Gewächshaus reichen 4,6 ha (110 t/ha) aus. Weitere Herausforderungen, auf die reagiert werden muss, sind laut Linnemannstöns die Düngeverordnungen, Pflanzenschutz, die steigenden Qualitätsanforderungen oder die wachsende Konkurrenz unter Direktvermarktern. Auf die Konzentration im LEH könne der Erzeuger nur mit der Lieferung großer einheitlicher stabiler Partien über einen langen Zeitraum und der Kooperation mit leistungsfähigen Vermarktern antworten.

Wachstum bei Heidelbeeren und Himbeeren

Auf zusätzliche Chancen für Beerenerzeuger verwies Linnemannstöns mit dem Blick auf Heidelbeeren und Himbeeren. Die Anzahl der Haushalte, die mindestens einmal im Jahr Erdbeeren (71 %), Johannisbeeren (10 %) oder Stachelbeeren (2 %) kauften, blieb seit 2006 konstant; Brombeeren kamen in 3 % der Haushalte mindestens einmal im Jahr auf den Tisch. Anders bei Heidelbeeren (2006: 14 %/2016: 34 %) und bei Himbeeren (9 %/29 %), wo sich die Reichweite vervielfachte. Ähnlich die Einkaufsmengen: Während der Erdbeerverbrauch von 3 256 g auf 3 930 g pro Haushalt nur überschaubar anstieg, legten Strauchbeeren von 363 auf 970 g zu. Auch einen Preisüberblick über die Jahre 2006 bis 2016 gab der Referent. Augenfällig: Mit dem Anstieg der in Deutschland verkauften Mengen ging dennoch eine Preiseerhöhung einher. Bei Himbeeren waren das 7,26 €/kg in 2006 und 11,48 €/kg in 2015. Für Heidelbeeren bezahlte der deutsche Kunde im Jahr 2006 noch 6,76 €, 2015 – nach Schwankungen - durchschnittlich 8,76 €.

„Die Himbeere hat also einen wachsenden Markt“, so Linnemannstöns, der seinem Publikum allerdings zu bedenken gab, dass die Ware aus Südeuropa bis in die hiesige Hauptsaison hinein eine wichtige Rolle spiele. Wie sieht es also speziell mit der deutschen Himbeer-Produktion aus? Sie steigerte sich von 3 800 t in 2012 auf 5 600 t in 2016. Kennzeichnend ist die starke Ausdehnung der geschützten Produktion und die Reduktion der Freilandanlagen.

Insgesamt bringe die Himbeererzeugung nicht nur hohe Umsätze, sondern auch einige Herausforderungen mit sich. So sei sie für die Direktvermarktung weniger geeignet, was einen leistungsfähigen Vermarkter erforderlich macht. Es schlagen mit 4 000 bis 6 000 Pflückstunden/ha hohe Arbeitskosten zu Buche und nicht zuletzt sind die Investitionskosten erheblich.  

Mit noch mehr Pfunden könne die Heidelbeere wuchern: für sie gibt es einen deutlich wachsenden Markt, denn sie ist robust und ein echtes Convenience-Produkt. Ihre Produktion in Deutschland stieg von 8 800 t in 2012 auf 10 700 t in 2016. Das regte Erzeuger zu einer Flächenausdehnung auch an Ackerstandorten an, mit der das  Mengenwachstum allerdings nicht schritt hält. Erst jetzt startet der geschützte Anbau. Anders als die Himbeere ist die Heidelbeere auch für die Direktvermarktung gut geeignet. Die Arbeitsstunden während der Ernte betragen rund 2 000 h/ha. Die Investitionskosten sind durchschnittlich.

International wenig Chancen

Die sich anschließende Diskussion widmete sich unter anderem der Substituierbarkeit einheimischer Produkte durch Importe. Linnemannstöns richtete das Augenmerk der deutschen Unternehmer insbesondere auf die spürbar preiswertere polnische Ware. In Sachen Exportchancen warnte der Referent das Publikum vor übertriebenen Hoffnungen. „Holland und Belgien liefern unter Glas erzeugte Spitzenware in zwar teure und aber höchst anspruchsvolle Märkte. Diesbezüglich können wir technisch noch lange nicht konkurrieren. Und um Freilandware als preiswerte Alternative zu exportieren, sind unsere Lohnkosten zu hoch.“

Marlis Heinz