12.11.2019

Erster internationaler „DLG-Dialog Agrar“ skizziert Zukunft der Agrarbranche

Foto: DLG

Die Landwirtschaft steht heute nicht mehr nur vor der Aufgabe der Ernährungssicherung einer wachsenden Weltbevölkerung, sondern muss zusätzlich globale Aufgaben wie den Klima- und Umweltschutz bewältigen und dabei ihre Position in einer sich verändernden Gesellschaft finden. Der Veranstalter der Weltleitmesse für Landtechnik, die DLG (Deutsche Landwirtschafts-Gesellschaft) hatte Top-Entscheider aus der Branche zu einer Podiumsdiskussion zum Leitthema der Agritechnica „Global Farming – Local Responsibility“ eingeladen. Im Fokus standen die aktuellen Herausforderungen und die strategischen Fragestellungen von Branche und Gesellschaft und welche Lösungen die Landtechnik bietet. Moderiert wurde der „DLG-Dialog Agrar“ von dem britischen Agrarjournalisten Martin Rickatson.
 
DLG-Präsident Hubertus Paetow sieht die Branche gefordert, den Zielkonflikt Versorgungssicherheit und nachhaltige Produktion durch mehr Innovationen zu lösen. „Um die Landwirtschaft nachhaltiger zu gestalten, bedarf es eines hohen Maßes an Engagement, Innovationsimpuls, Know-how, Kreativität und Veränderungsbereitschaft“, so Paetow. „Die Herausforderungen betreffen alle an der Landwirtschaft Beteiligten weltweit, insbesondere aber die in den fruchtbaren landwirtschaftlichen Gebieten Europas. Die Landwirtschaft ist heute gekennzeichnet durch global vernetzte Anbausysteme mit ihren Produkt- und Warenströmen. Die Verantwortung für das eigene Handeln vor Ort zu übernehmen, liegt aber in der Verantwortung jedes lokalen Landwirts und ist von Betrieb zu Betrieb unterschiedlich. Der Handlungsspielraum ist global – der Spielraum für Reaktionen auf die Herausforderungen ist nur lokal. Innovationen und Technologien müssen standortspezifische Lösungen für die gleichen globalen übergreifenden Herausforderungen bieten.“
 
Vincent Gros, Leiter des Unternehmensbereichs Agricultural Solutions bei BASF SE, sieht alle Unternehmen der Wertschöpfungkette gefordert: „Wir wissen, dass es eine echte Herausforderung ist, die steigenden Verbraucheranforderungen, regulatorischen Anforderungen und Nachhaltigkeitsmaßnahmen zu erfüllen und in Einklang zu bringen, und gleichzeitig als Landwirt ein angemessenes Leben zu führen. Der Klimawandel trägt zusätzlich dazu bei, die Herausforderung zu meistern. Wir bei BASF bekennen uns zu einer modernen und nachhaltigen Landwirtschaft. Wir haben gemeinsam mit führenden Unternehmen der Agrarindustrie die geschlossene Transfersystemtechnologie für europäische Landwirte eingeführt - das easyconnect-System. Wir glauben, dass easyconnect das Risiko von Verschüttungen beim Umgang mit Produkten deutlich reduzieren wird. Das intelligente Smart Spraying von Bosch und xarvio konzentriert sich auf die präzise Anwendung von Herbiziden im Feld zur Unkrautbekämpfung. Mit der intelligenten Sprühlösung bieten Bosch und xarvio ein intelligentes System, das ein Unkraut von einer Kulturpflanze unterscheiden und Herbizide gezielt einsetzen kann. Wir müssen gemeinsam nach Lösungen suchen. Deshalb arbeiten wir mit Unternehmen entlang der Wertschöpfungskette und Maschinenanbietern zusammen, die hier auf der Agritechnica vertreten sind.“
 
Hubertus M. Mühlhäuser, Chief Executive Officer von CNH Industrial, stellte den Ressourcenschutz in den Mittelpunkt: „Für unsere Kunden ist Nachhaltigkeit heute ein greifbares Konzept, denn jede Entscheidung, die sie treffen, hat Auswirkungen auf die Zukunft ihrer Existenzgrundlage. Die Erhaltung knapper Ressourcen wie Bodenfruchtbarkeit und Wasserverfügbarkeit wird sicherstellen, dass auch die kommenden Generationen wirtschaftlich Landwirtschaft betreiben können. Wir setzen uns dafür ein, dass die Landwirte ihre Ressourcen schonen und unterstützen sie beim Übergang zur Nutzung von On-Farm-Lösungen wie Biogas, was zu einer Verringerung der Treibhausgasemissionen führt.“ Mühlhäuser stellte nachdrücklich für sein Unternehmen fest: „Nachhaltigkeit ist für uns viel mehr als nur ein Wort, sie bestimmt unser Denken und Handeln im Alltag.“
 
Dr. Wilfried Aulbur von Roland Berger Consulting wies nachdrücklich auf die Schwierigkeit hin, mit den etablierten Anbaumethoden mehr Lebensmittel für mehr Menschen zu erzeugen. „Es wird nicht möglich sein, mehr Lebensmittel durch die Anwendung etablierter Anbaumethoden herzustellen. Die Wassernutzung in der Landwirtschaft zum Beispiel ist nicht nachhaltig. Uns wird in den nächsten 5 bis 10 Jahren nach UN-Prognosen das Wasser für die Landwirtschaft ausgehen, das heißt wir sprechen von sehr unmittelbaren und massiven Herausforderungen für die Industrie und uns alle. Wir benötigen erhebliche und sofortige Investitionen von Unternehmen, Universitäten und Regierungen in neue Technologien, die es uns ermöglichen, diese knappe Ressource viel effektiver zu nutzen.“ Weiter führte er aus: „Heute wird die Landwirtschaft als „Big AG“ angegriffen. Mit einem signifikanten Beitrag zu den globalen Treibhausgasemissionen und negativen Nachrichten über die Abholzung von Regenwäldern, Abflüssen, schädlichen Auswirkungen von Pestiziden usw. muss die Landwirtschaft ihren Beitrag dazu leisten, diese Herausforderungen anzugehen. Transparenz, offene Kommunikation und Stakeholder-Engagement sind entscheidend, wie die Branche diese Krise meistert. Precision Farming und andere technologische Fortschritte sind Schlüsselkomponenten, die es den Landwirten ermöglichen, die Weltbevölkerung auf eine nachhaltige Weise zu ernähren, die aber auch von allen Beteiligten akzeptiert wird.
 
Dr. Alexey Ugarov, CEO Agrokultura-Holding / PRODIMEX-Unternehmensgruppe, schilderte die Herausforderungen, vor denen landwirtschaftliche Unternehmen in Russland stehen. So würden insbesondere die Klimaveränderungen dazu führen, dass das Wetter unberechenbarer und instabiler wird, und Dürre und Hitzestress für die Pflanzen sich häufen. „Die betriebliche Logistik ist immer noch eine große Herausforderung, eine oft fehlende Infrastruktur und deren kostenintensive Entwicklung sowie ein fehlender Zugang zu moderner Technologie, hemmen die Entwicklung der Betriebe“, sagte Dr. Ugarov. Weiterhin nannte er folgende Punkte, die für die landwirtschaftlichen Unternehmen in Russland große Herausforderungen darstellen:
 
- Marktregulierung der Aus- oder Einfuhr von Agrarprodukten oder -inputs (Zugang zu Bio- oder Technologiefortschritten),
- Beschränkungen und Hindernisse für den Verkauf und den weltweiten Handel, die von Regierungen verschiedener Länder im Zusammenhang mit politischen Spannungen geschaffen wurden (Sanktionen, Antidumpinguntersuchungen und Steuern, Veterinär- und Gesundheitskontrollmaßnahmen usw.),
- unzulässige Produktion und fehlende Kennzeichnung von Lebensmitteln mit billigen importierten Zutaten/Produkten (z.B. Palmöl als Ersatz für Milchfett),
- organisierter Betrug und Diebstahl (Wirtschaftskriminalität).
Innerhalb der Agrokultura/Prodimex-Gruppe versucht man die dadurch entstehenden Risiken folgenderweise zu minimieren:
- Aufteilung der Produktion auf verschiedene Regionen (Kursk, Woronesch, Lipetsk und Tambow),
- Investitionen in die Infrastruktur auch ohne staatliche Unterstützung (Feldstraßen, lokaler Internetzugang und RTK-Stationen),
- Zusammenarbeit und Beziehungsmanagement mit dem besten Lieferanten und Händler (über Verbände), bevorzugte Lieferverträge mit dem zuverlässigsten Lieferanten,
- Optimierung der internen Logistik,
- Reduzierung der Transportkosten, der ineffektiven Motorstunden und des Kraftstoffverbrauchs pro Hektar für jede Kultur und dadurch Zeitersparnis.
- Verringerung der Intensität der Inputs pro Hektar (Anbau in großen Blöcken - ein Block ist eine Fruchtfolge in großen Landwirtschaftsbetrieben) durch den Einsatz von Karren während der Ernte - vernetzte Kettenmähdrescher - Karren vom Feld bis zum Aufzug in einem Managementsystem - Reduzierung des Dieselverbrauchs und der CO2-Emissionen.
- Implementierung integrierter Überwachungs- und Kontrollsysteme - wie GIS, Avtograph in Verbindung mit 1C (Feldüberwachung - Buchhaltung - automatische Dokumentation und Betriebskontrolle).

Quelle: DLG