07.11.2016

Gesellschaft im Wandel

Eine Herausforderung für die Spargel- und Beerenanbauer

Thomas Kühlwetter

Wir leben im Zeitalter der zweiten industriellen Revolution. Was vor Jahrzehnten noch als Fiktion galt, zieht als Realität in unser (Alltags-)Leben ein. Automatisch steuernde Autos, Wohnungen und Häuser, die unter dem Stichwort „der vernetzte Haushalt“ vollgesteckt sind mit Elektronik oder hoch technisierte Produktionsabläufe in der industriellen Fertigung, die den Menschen zunehmend ersetzen.

Mit dem Einzug der Smartphones hat die Kommunikation vieler Menschen eine völlig neue Form gefunden. Deutlich wird, wie in unserem Alltag immer tiefer eingreifende Veränderungen in zum Teil beängstigend hohem Tempo ablaufen. Und wie (re)agieren wir als Branche, die es einer Gesellschaft erlaubt, preiswert wie niemals zuvor nach hohen Standards erzeugte Lebensmittel einzukaufen?

Die Landwirtschaft ist momentan in vieler Munde, leider häufig im Zusammenhang mit negativen Meldungen. Dabei genießt der Veredlungssektor – und hier insbesondere der Bereich der Geflügel- und Schweinemast – eine im wahrsten Sinne des Wortes „traurige Spitzenposition“. Heimlich gedrehte Szenen in den Ställen namhafter Bundestagsabgeordneter oder Branchenvertreter verdrehen auch dem durchaus Landwirtschaft zugewandten Betrachter ein wenig den Magen. Wie solche Szenen auf eine nicht zu unterschätzende Gruppe von Menschen wirken, die eh schon recht landwirtschaftskritisch eingestellt ist, kann man leicht erahnen. Im Zusammenhang mit solchen Bildern geht der Verweis darauf, dass die gezeigten Szenen einen Ausnahmezustand widerspiegeln oder dass sie rechtswidrig gedreht wurden, völlig unter.

Die gemeinsam von Erzeugern, Berufsstand, der Schlachtbranche und den Einzelhandelsunternehmen gegründete „Initiative Tierwohl“ hat mit dem Ausstieg der Tierschutzorganisation „ProVieh“ einen herben Rückschlag erlitten, und dies in einer Phase, in der Einigkeit ein Gebot der Stunde wäre.

An dieser Stelle ist die Frage nach dem Zusammenhang der vorgenannten Beispiele mit dem Bereich der Spargel- und Beerenerzeugung durchaus angebracht. Schließlich genießen wir mit unseren „Lifestyle-Produkten“ eine hohe Anerkennung in breiten Schichten der Gesellschaft. In kaum einem anderen Bereich der Landwirtschaft gelingt es, die Menschen so nah an die Produktion und auf die Höfe zu führen, wie es auf zahlreichen Spargel- und Beerenhöfen schon lange gelebte Praxis ist. Unsere Branche erfüllt damit in gewisser Weise gemeinsam mit den Winzern eine „Vorreiterrolle“ innerhalb der Landwirtschaft.

Dies darf aber keinesfalls über die am weiten Horizont schon erkennbaren dunklen Wolken hinwegtäuschen. Der Klimawandel schreitet augenscheinlich voran, wobei es wissenschaftlich sicherlich nicht korrekt wäre, das Jahr 2016 mit seinen vielen extremen Witterungssituationen, die unsere Branche mehr als gefordert haben, als generelles Beispiel heranzuziehen. Den Forderungen nach qualitativ hochwertigen und haltbaren Produkten folgend, die über eine möglichst lange Phase aus regionalem Anbau angeboten werden können, schreitet der geschützte Anbau ebenfalls in gesteigertem Tempo voran.

Damit einher geht auch, dass weitere Flächen mit Hochtunneln überdacht und punktuell das Bild der Landschaft verändern werden. In Fachkreisen brauchen wir nicht darüber zu diskutieren, dass der geschützte Anbau ökologische Vorzüge bringt und im Sinne der Nachhaltigkeit und des Ressourcenschutzes ein sinnvolles Kulturverfahren darstellt. Die Beerenfrüchte aus regionalem Anbau genießen bei dem Konsumenten hohe Wertschätzung, Hochtunnel in der Landschaft – zumindest, wenn sie in größeren Formationen aufgestellt sind – rufen hingegen Kritik hervor.

Die Konflikte sind vorprogrammiert, ebenso wie bei der Abdeckung größerer Spargelflächen mit Folien, bei der Frage zum Einsatz von Weichmachern als Bestandteil dieser Folien oder bei der Frage nach dem Einsatz von Pflanzenschutzmitteln.

Wir sollten die Bedenken der Menschen, die auch – und das ist ein wesentlicher Moment – unsere Kunden sind, ernst nehmen und offen kommunizieren, wie und warum die Abläufe so gestaltet werden. Noch ist unsere Branche in der glücklichen Lage, agieren zu können und nicht reagieren zu müssen, wie die Kollegen im Veredlungssektor.

Das Thema der Außendarstellung und Kommunikation ist auch einer der Schwerpunkte unserer diesjährigen Unternehmertage Spargel & Erdbeer, die vom 4. bis 6. Dezember stattfinden. Werfen Sie doch einmal auf Seite 7 einen Blick auf unser Programm.

Zitat:

Wir sollten die Bedenken der Menschen ernst nehmen und offen kommunizieren, wie und warum die Abläufe so gestaltet werden.