10.11.2017

Juckerfarm: Produktion, Erlebnisbauernhöfe und Eventlocation

Martin Jucker im Gespräch mit Spargel & Erdbeer Profi

Die jährlichen Kürbisevents stehen immer unter einem Thema – in 2017 war es der Wald. Bis zu jeweils 50 verschiedene stabile Gerüste werden mit Kürbissen bestückt

Kürbisfiguren als Kunstobjekte, bis zu 800 Events im Jahr, Hofgastronomie und Direktvermarktung sowie eine Landwirtschaft, die ohne staatliche Fördermittel und ab 2018 sogar teilweise ohne öffentliches Stromnetz auskommt, kennzeichnen die Juckerfarm AG. Wir haben den Juckerhof in Seegräben am Pfäffiker See besucht und mit Martin Jucker gesprochen. Der gelernte Obstbauer gab einen Einblick in den vielseitigen Betrieb und seine zukunftsweisende Betriebsphilosophie.

Spargel & Erdbeer Profi: Herr Jucker, vor knapp 20 Jahren haben Sie begonnen, den elterlichen Juckerhof gemeinsam mit Ihrem Bruder Beat umzustrukturieren. Wie hat sich der Betrieb seither entwickelt?

Martin Jucker: Unsere Eltern hatten einen klassischen Familienbetrieb mit 10 ha Obstbau; die Vermarktung erfolgte über den Einzelhandel. Wir haben Kürbisausstellungen organisiert und viel Freude damit gehabt. So kam die Idee auf, stärker in die Bereiche Events, Gastronomie und Direktvermarktung einzusteigen. Auch die hofeigene Verarbeitung ist zu einem wichtigen Standbein geworden. Heute ist die Juckerfarm eine AG mit  drei Standorten und bis zu 400 Mitarbeitern. Und die Entwicklung hört nicht auf.

Spargel & Erdbeer Profi: Rund 800 Events an zwei Standorten führen Sie jährlich durch – welches Erfolgsrezept verbirgt sich hinter diesem Betriebszweig?

Martin Jucker: Insgesamt versuchen wir, unseren Gästen einen rundum ansprechenden Rahmen für ihre Veranstaltungen zu bieten. Dazu gehört die landschaftliche reizvolle Umgebung der Standorte, die Atmosphäre im Raum, nach Bedarf modernste technische Ausstattung, die Verpflegung in unseren Restaurants und schließlich die Begleitung der Events durch unsere vier Event-Manager. Hochzeiten und runde Geburtstage werden bei uns ebenso gern gefeiert wie Betriebsfeste. Zunehmend nutzen auch Unternehmen unsere Räumlichkeiten, um Seminare und Klausurtagungen durchzuführen. Gerade ist eine Delegation einer Firma aus dem Nachbarort hier. Sie haben einen ruhigen Nebenraum gemietet; im Mietpreis ist eine ganztägige Selbstbedienung bei allen Speisen und Getränken im Restaurant enthalten. Wenn es darum geht, kreative Lösungen für ein betriebliches Problem zu entwickeln, bietet so ein Raum mit „freiem Eintritt ins Schlaraffenland“ eine sehr inspirierende Umgebung.

Spargel & Erdbeer Profi: Hinzu kommen weitere Events, die Sie an Standorten in ganz Europa mit Ihren Kürbis-Figuren beliefern...

Martin Jucker: Durch einen befreundeten Betriebsleiter konnten wir 1999 einen Kontakt zum „Blühenden Barock Ludwigsburg“ herstellen und dort unsere erste außerbetriebliche Kürbisausstellung durchführen. Mittlerweile sind diese Ausstellungen zu einem eigenen Betriebszweig geworden, der von der Landwirtschaft losgelöst ist. In Kooperation mit freiberuflichen Künstlern entwickeln wir jedes Jahr neue Figuren zu bestimmten Themen – in diesem Jahr ist es beispielsweise der Wald. Stabile Gerüste aus Draht und Holz werden mit Kürbissen verschiedener Sorten bestückt und so zu Eichhörnchen, Hirschen und anderen Waldelementen.

Wir verleihen die Gerüste – die Kürbisse beziehen die Kunden von Erzeugern vor Ort. Und dazu bieten wir die Dienstleistung an, die der Kunde wünscht. Vom reinen Verleih dreier Figuren bis zur vollständigen Organisation und Durchführung einer Kürbisausstellung mit 50 verschiedenen Figuren können wir auf Anfrage alles leisten. Bekannte Kunden im deutschsprachigen Raum sind das erwähnte „Blühende Barock Ludwigsburg“, der Europapark Rust und der Spargelhof Klaistow.

Spargel & Erdbeer Profi: Sie bewirtschaften heute rund 100 ha landwirtschaftliche Flächen – dabei verzichten Sie bewusst auf jegliche staatliche Förderung. Wie gelingt es Ihnen, dennoch wirtschaftlich erfolgreich zu sein?

Martin Jucker: Durch unsere Wirtschaftsweise haben wir generell höhere Kosten als andere Betriebe. Im vielseitigen Anbau sind die Lohnkosten hoch, die Gastronomie- und Verarbeitungsküchen haben wir in bestehende Gebäude eingebaut – eine arbeitswirtschaftliche Optimierung war nur begrenzt möglich. Der Verkauf in den Hofläden ist beratungsintensiv und vom persönlichen Kontakt zum Kunden geprägt – auch hier können wir auf der Kostenseite bei anderen Einzelhändlern nicht mithalten. Ich finde, als Unternehmer sollte man immer das Ziel verfolgen, der Beste zu sein. Mein Ziel ist, dass die Produkte nicht nur mehr kosten, sondern auch mehr wert sind. Eine herausragende Produktqualität halte ich dabei für genauso wichtig wie die Werte, für die wir stehen. Wir engagieren uns für eine nachhaltige Produktion, verwenden so viel wie möglich unsere eigenen Produkte. In der Schweiz gibt es genug Menschen, die beim Kauf von Lebensmitteln nicht auf den Preis achten müssen. Diese sprechen wir mit unserem Konzept an.

Spargel & Erdbeer Profi: Welche Rolle spielt die Werbung, um Kunden den Mehrwert Ihrer Produkte zu vermitteln?

Martin Jucker: An der Tür des Büros, in dem unsere Öffentlichkeitsarbeit stattfindet, steht nicht „Werbung“, sondern „Redaktion“; dies veranschaulicht unser Verständnis von Kundenkommunikation. Die klassische Anzeigenwerbung halte ich für ein überholtes Modell aus dem vergangenen Jahrhundert. Wir arbeiten mit sozialen Medien: Facebook, Twitter, Instagram. Kernpunkt unserer Kundenkommunikation ist derzeit unser Blog www.farmticker.ch. Das, was wir nach außen kommunizieren, soll Substanz haben. Ein Team aus zwei Mitarbeitern wählt entsprechende Geschichten aus unserem Betriebsalltag aus und bereitet sie für die Leser auf. Dabei gehen wir mit Misserfolgen genauso offen um wie mit den Erfolgen. Die Texte und Bilder in unserem Blog sehen wir nicht als Mittel, uns selbst besonders gut darzustellen, sondern als Hilfsmittel für begeisterte Kunden, die anderen von uns erzählen möchten.

Schließlich haben auch die Events, die auf unseren Betrieben stattfinden, und die Produkte, die wir unter unserem Namen an den Einzelhandel vermarkten, einen Werbeeffekt; damit reicht ihr Nutzen über die reine Kosten-Einnahmen-Rechnung hinaus.

Spargel & Erdbeer Profi: Welchen Businessplan verfolgen Sie?

Martin Jucker: Wir hatten nie einen Businessplan, der die unternehmerischen Schritte für die nächsten Jahre festlegt. Letztendlich führen die Kunden unseren Betrieb – nicht wir. Sie sind es, die entscheiden, welche Angebote sie annehmen und, welche nicht. Wir achten darauf, dass unsere Produkte möglichst vollständig selbst und dabei ausgesprochen gut gemacht sind. Ein Blick in die Backstube veranschaulicht dies: Getreide von unseren Flächen wird frisch gemahlen und zu verschiedenen Backwaren weiterverarbeitet. Gebacken wird im Holzofen. Wenn alle Lebensmittel, die von Kunden in unseren Hofläden und Restaurants konsumiert werden, ihren Ursprung im eigenen Anbau haben, sind wir zufrieden. An diesem Ziel arbeiten wir noch lange.

Jedes Jahr probieren wir neue Kulturen und neue Produkte aus. Auch unsere Mitarbeiter haben viele Freiräume, Neues auszuprobieren. In unserer Unternehmenskultur gehören Erfolge genauso dazu wie Misserfolge. Kein Mitarbeiter wird bei uns schlecht gemacht, wenn eine neue Idee scheitert. So ist unser Angebot ständig in Bewegung und bleibt für unsere Kunden und vor allem auch für uns selbst interessant.

Spargel & Erdbeer Profi: Bis zu 400 Mitarbeiter arbeiten für die Juckerfarm AG – wie hält man einen solchen Mitarbeiterstamm unter Kontrolle?

Martin Jucker: Gar nicht. Kontrollverlust ist eine der wichtigsten Erfahrungen als Betriebsleiter. Ich achte darauf, dass im Unternehmen bestimmte Werte gelebt werden, und dass die oft diffizilen rechtlichen Rahmenbedingungen eingehalten werden. Darüber hinaus mische ich mich ins Tagesgeschäft nicht ein. Ich bin überzeugt von einer dezentralen Intelligenz: Wir haben Mitarbeiter, die sich von Herzen mit unserem Unternehmen identifizieren und in ihren Bereichen selbständig und kreativ denken und handeln – nicht solche, die nur tun, was ihnen gesagt wird. Am Rande bemerkt: Wir suchen auch immer neue Mitarbeiter und freuen uns über entsprechende Initiativbewerbungen. Aktuell sind landwirtschaftliche Stellen in Rafz und Stellen für Jungköche in Seegräben zu besetzen.

Spargel & Erdbeer Profi: Welche Entwicklungen sehen Sie in den nächsten zehn Jahren?

Martin Jucker: Das Thema Energie ist nicht zu unterschätzen. Unser Betrieb in Rafz ist ab Frühjahr 2018 dank Solarzellen und entsprechender Speichertechnologie vom öffentlichen Stromnetz unabhängig. Noch ist die technische Ausstattung hierfür nicht kostendeckend – doch ich halte es für wichtig, bereits jetzt ein autarkes Energiesystem zu etablieren – nicht erst, wenn alle daran denken.

In der Vermarktung sehe ich die Zukunft stark im Online-Bereich. Zunächst hatte ich die Idee, einen eigenen Online-Shop einzurichten – doch dann bin ich auf das Startup-Unternehmen „Farmy“ gestoßen. Beim Einblick in deren Arbeit habe ich gesehen: So ausgereift hätte ich einen Online-Shop nie selbst hinbekommen. Die Kernkompetenz der Gründer von Farmy liegt im E-Commerce und in der Logistik – beides sind Themen, die in der Direktvermarktung nur äußerst selten auf so hohem, professionellen Niveau behandelt werden. Wir haben Farmy mit unserem Know-How von der Erzeugerseite unterstützt und sehen den Onlineshop, in dem derzeit Produkte von rund 600 Betrieben gelistet sind, auch ein stückweit als „unser Baby“.

Langfristig sehe ich unsere Produkte auch in der internationalen Online-Vermarktung. Der 2017 neu erworbene, bis dato noch nicht entwickelte Betrieb „Römerhof“ befindet sich in unmittelbarer Nähe zum Züricher Flughafen und bietet damit optimale Voraussetzungen, unsere Produkte einem internationalen Publikum vorzustellen.

Schließlich beschäftige ich mich mit künstlicher Intelligenz. Diese spielt auf unserem Betrieb zum Beispiel bei Verkaufsprognosen eine Rolle. Wie viele Brote werden voraussichtlich nächsten Samstag verkauft? Wir erheben die Verkaufsdaten in unseren Läden sehr differenziert und schätzen die Produktionsmenge aufgrund unserer Erfahrung. Eine Software verwenden wir experimentell in Zusammenarbeit mit einem Startup. Denn wenn wir uns erst dann mit der Datenerhebung beschäftigen, wenn entsprechende Software standardmäßig am Markt ist, sind wir zu spät, um weiterhin zu den besten zu gehören.

Spargel & Erdbeer Profi: Vielen Dank für das interessante Gespräch!

 

Die Juckerfarm AG im Überblick

Konzept & Standorte: Die Juckerfarm AG besteht derzeit aus drei aktiven Betrieben: Der Ursprungsbetrieb Juckerhof liegt in Seegräben am Pfäffiker See – hier steht die Gastronomie mit 1 000 Sitzplätzen im Freien und weiteren 400 Innensitzplätzen im Zentrum. Des Weiteren sind hier vier Gruppenräume, Hofladen, Hofbackstube, Verarbeitungsküche sowie 12 ha Anbaufläche angesiedelt.

Der Bächlihof befindet sich im 10 km entfernten Rapperswil-Jona. Auch hier hat die Gastronomie mit 400 Sitzplätzen im Freien und weiteren 400 Innensitzplätzen einen hohen Stellenwert. Drei Gruppenräume für bis zu 500 Personen sind hier angesiedelt, nach Bedarf können mit zusätzlichen beheizten Zelten Events mit bis zu 2.000 Personen realisiert werden. Jährlich finden an beiden Standorten zusammen rund 800 Events statt. Hofladen, Verarbeitungsraum und 9 ha Fläche gehören zudem zum Bächlihof.

Der Spargelhof Rafz ist mit 80 ha Fläche überwiegend der Produktion gewidmet. Zudem ist hier ein Hofladen angesiedelt.

Neu hinzugekommen ist 2017 der Römerhof in Kloten mit einer Fläche von 2 ha. Geplant ist hier eine spezialisierte Produktion sowie die Schaffung einer Einkaufsmöglichkeit mit internationalem Flair – die Betriebsstätte ist nur wenige Kilometer vom Züricher Flughafen entfernt.

Insgesamt stehen auf 100 ha Fläche rund 60 verschiedene Obst- und Gemüsekulturen sowie Getreide im Anbau. Schwerpunkte sind Kürbisse (40 ha) und Spargel (15 ha). Zwei Drittel aller Erträge werden in den eigenen Hofläden und Restaurants vermarktet. Die Verarbeitung zu Backwaren, Säften, Trockenfrüchten und diversem Eingemachten spielen eine wichtige Rolle. Ein Drittel der Produkte wird unter der Eigenmarke „Juckerfarm“ an den Schweizer Einzelhandel vermarktet. In Zusammenarbeit mit dem Startup-Unternehmen „Farmy“ wird die Online-Vermarktung derzeit weiter ausgebaut. Die Produktion auf eigenen Flächen reicht derzeit nicht aus, um die eigenen Restaurants und Hofläden vollständig zu versorgen – fehlende Mengen werden von Kooperationspartnern möglichst regional bezogen.

Über die Schweizer Landesgrenzen hinaus ist die Juckerfarm AG durch ihre Kürbisausstellungen bekannt. Jährlich werden neue Kunstobjekte entwickelt – Figurengestelle, die mit Kürbissen, Äpfeln oder Stroh bestückt werden. Diese werden zu themenbezogenen Ausstellungen mit bis zu 50 verschiedenen Objekten zusammengestellt und als solche europaweit vermietet. Vom mit einer Person besetzten Eventbüro im schwäbischen Ludwigsburg aus werden die internationalen Ausstellungen koordiniert.

Betriebsleitung: Kern der Juckerfarm bilden die Brüder Martin (45, Obstbaumeister) und Beat (46, Landwirt) Jucker, die 1997 mit der Umstrukturierung des elterlichen Juckerhofes begannen. Gemeinsam mit Walter Pfister (44, Landwirt und Produktionsleiter des Spargelhofs Rafz) sind sie die Inhaber der Juckerfarm AG. Zur Geschäftsleitung gehört zudem ein Team von sieben Personen, welche die Führung in den Bereichen Events, Verkauf, Gastronomie, Personal, Betriebswirtschaft und Controlling sowie landwirtschaftliche Produktion und Verarbeitung untereinander aufteilen.

Mitarbeiter: Je nach Saison sind für die Juckerfarm AG zwischen 200 und 400 Personen tätig, die in der Summe rund 250 Vollzeitkräften entsprechen. Die betrieblichen Arbeitsbereiche sind unter den Mitarbeitern nicht streng aufgeteilt – der Blick über den Tellerrand in andere Bereiche gehört zum Betriebsmodell und fördert die Synergieeffekte zwischen den verschiedenen Betriebszweigen. Führungskräfte sind meist mit einer Grundausbildung oder als Quereinsteiger auf den Betrieb gekommen und haben sich die Führungskompetenzen in ihrer langjährigen Mitarbeit erworben. Erwähnenswerte Positionen sind ein Küchenchef, der seit Anfang 2017 ausschließlich für die Produktentwicklung zuständig ist, und zwei Vollzeitkräfte, die sich ganz der Kundenkommunikation widmen. Im Fokus ihrer Tätigkeit steht es, die Essenz der alltäglichen Geschichten im Betrieb für die Kunden aufzubereiten.

Internet: www.juckerfarm.ch, www.farmticker.ch

 

Katja Brudermann