06.06.2014

Keine Null-Acht-Fünfzehn Erdbeeren

Erdbeeren werden in den Folientunneln ab Mitte April

Erdbeeren und Äpfel sind das Hauptstandbein des Obstbaubetriebes von Stefanie und Michael Häger aus Wachtberg-Fritzdorf.

„Wind haben wir hier eigentlich immer", erzählt Michael Häger bei der Rundfahrt über seine Betriebsflächen und lacht. Hier oben auf der höchsten Erhebung von Wachtberg-Fritzdorf bei Bonn, ganz in der Nähe der alten Windmühle, weht es tatsächlich ordentlich. In den Folientunneln merken
die Erdbeerpflücker davon aber nur wenig. Sie sind eher dankbar über den kleinen Lufthauch in der gestauten Luft. Auf einem Hektar hat der Obstbauer mehrere feste Folientunnel stehen. Die Besonderheit: die Erdbeeren stehen in einer Rinne auf Kokossubstrat. „Es ist nicht immer einfach Tauschland zu bekommen“, begründet der 44-jährige Gartenbaumeister den Schritt. Und er
überlegt, diesen Bereich noch auszuweiten. Hier wächst die frühe Erdbeersorte `Clery´, die bereits Mitte April geerntet wird. Derzeit baut Michael Häger auf einem Drittel seiner Betriebsfläche Erdbeeren an. Meist auf Dämmen mit weißer oder schwarzer Mulchfolie. „Erdbeeren kommen bei mir schon seit mehr zehn Jahren nicht mehr einfach nur in den Boden“, sagt er. Und er leistet sich den `Luxus´ mit Wartebeetpflanzen zu arbeiten. „Viele machen das nicht mehr, denn es ist teurer“, erklärt er. „Wir wollen aber eine vernünftige Frucht, die an unseren Verkaufsständen auch einen vernünftigen Preis
erzielt.“ Bei Erdbeeren machen die Hägers eben nicht „08/15“, darauf legen sie Wert.

Betriebe im Ort kooperieren

Zweites Hauptstandbein des Obsthofes ist neben den Erdbeeren das Kernobst. Der Apfelanbau macht etwa zwei Drittel der etwa 50 ha Anbaufläche aus. Dazu kommen noch einige wenige Hektar Birnen, Himbeeren, Pflaumen und Süßkirschen. Die Flächen sind nicht arrondiert, sondern liegen um den Hof
herum in jede Richtung bis zu 7 km weit weg. „Die Schlepper fahren ja schnell“, sagt Michael Häger und lacht. „Und wenn man schon mal Hagel hatte, dann weiß man das zu schätzen.“

In Fritzdorf gibt es mehrere Obstbaubetriebe. Das Verhältnis untereinander ist gut. Michael Häger kooperiert beim Flächentausch und auch bei der Lagerkapazität. In den vergangenen Jahren haben sich die Betriebe im Ort ganz unterschiedlich entwickelt. „Früher hatten fast alle nur Kernobst, inzwischen haben sie Kulturen dazu genommen und sind Spezialbetriebe geworden, mit Brombeeren,
Himbeeren, teilweise in Töpfen, aber auch Johannisbeeren, Stachelbeeren oder mit Baumschule“, erzählt er. Das war auch möglich, weil die Wasserversorgung kein Thema ist. Die Betriebe haben sich zu einem Wasser- und Bodenverband zusammengeschlossen und ein eigenes Wasserleitungsnetz
gebaut. „Das klappt gut“, betont Michael Häger, der 2. Vorsitzender des Verbandes ist. „Alle acht Stunden kann man acht Stunden lang bewässern.“

Weite Wege

Die Vermarktung hat Familie Häger auf verschiedenen Säulen gestellt. Ein Großteil, insbesondere des Kernobstes, wird über den Großhandel (Frutania GmbH) vermarktet.

Auch Direktvermarkter und Markthändler Beziehen Produkte vom Obstbaubetrieb Häger. Für sie baut Michael Häger extra einige „Rand-Apfelsorten“ an. `Elstar´, `Braeburn ´ und `Gala´ sind aber die Hauptsorten des Betriebes. Erdbeeren, Himbeeren und Süßkirschen vermarkten Stefanie und
Michael Häger zum Teil über ihre sechs Verkaufsstände. Mit im Programm haben sie zur Spargelzeit auch Spargel vom Betrieb eines Kollegen. Verkauft wird an den Ständen bis Ende Juli/Anfang August. „Wir kündigen lange vorher an, wann wir zumachen. Unsere Stammkunden nehmen das sonst übel“, so
die Erfahrung des Betriebsleiter-Ehepaares. „Als wir vor 15 Jahren mit den Verkaufsständen angefangen haben, waren die Standplätze schon ziemlich abgegrast“, bedauert Stefanie Häger. Deshalb liegen, bis auf einen Verkaufsstand, alle in Rheinland-Pfalz. „Einige Fahrer müssen hier morgens um 7 Uhr los fahren, damit sie um 9 Uhr den Stand öffnen können.“ Auch wenn es schwierig ist neue Standplätze zu finden, diesen Bereich würden die Hägers gerne ausweiten.

Die Weichen für die heutige Betriebsausrichtung hat Michael Hägers Vater gelegt. Karl-Heinz Häger entschied sich Anfang der 1960er Jahre für den Obstbau, er begann mit Äpfeln und Sauerkirschen „Damals stellte sich die Frage aufgeben oder weiter machen“, erzählt der 69-jährige Seniorchef.
„Und ich hatte Interesse am Obstbau.“ Bis dahin war es ein kleiner landwirtschaftlicher 10 ha-Betrieb mit etwas Ackerbau, Milchkühen und Hühnern. Erst 1978 verließen die Tiere endgültig den Hof und Karl-Heinz Häger stellte komplett auf Obstbau um. Es folgten auch mehrere Umbauten an den  Gebäuden. Nach seiner Ausbildung stieg 1989 dann Sohn Michael in den elterlichen Betrieb
mit ein. Erst in Form einer GbR später dann als Einzelunternehmer. Er hat die Arbeit seines Vaters in den vergangenen Jahren erfolgreich fortgesetzt und den Betrieb sukzessive weiterentwickelt. „Mein Vater hat mir immer Raum zur Entwicklung gegeben“, ist der 44-jährige dankbar. „Zu seiner Zeit hat er entschieden – zu meiner Zeit konnte ich entscheiden.“ Das Betriebswachstum ist vorerst  abgeschlossen. Wie überall sind auch in dieser Region die Flächen knapp. „Jetzt geht es darum, Betriebsabläufe zu optimieren und den Anbau zu intensivieren“, sagt der Gartenbaumeister.

Verantwortung übertragen

Die Eheleute Häger sind dabei ein eingespieltes Team. Während er sich hauptsächlich um den Obstbau kümmert, macht seine Ehefrau die Einteilung der Erntehelfer und Verkäufer. Die 41-jährige gelernte Rechtsanwaltsgehilfin ist außerdem für die Lohnbuchhaltung zuständig. Sie ist auch Geschäftspartnerin
ihres Mannes im Vermarktungsbetrieb. Trotzdem sind die Hägers natürlich auf viele helfende Hände angewiesen. Für die Pflanzenschutzarbeiten hat Michael Häger einen Landwirtschaftsmeister fest angestellt. Ein weiterer Landwirt hilft auf Aushilfsbasis aus. Bis zu 120 Saisonarbeitskräfte haben sie
etwa pro Jahr beschäftigt. „Mehr als 50 sind aber nie gleichzeitig da“, erklärt Stefanie Häger. „Das wäre sonst zu viel für den Betrieb.“ Und sie haben Glück mit ihren Mitarbeitern. Ein fester Stamm von  Mitarbeitern kommt meist über mehrere Jahre hintereinander aus Polen. „Das sind Leute, auf die ich mich verlassen kann“, betont der Betriebsleiter. „Sie kommen Sonntagabend an und wenn sie montagsfrüh anfangen, dann wissen sie genau was zu tun ist, da muss ich nicht dahinter stehen und kontrollieren. Da wird das gemacht, was besprochen ist.“

Eigene Wasserversorgung

1993 gründeten 25 Landwirte den „Wasserund Bodenverband Meckenheim“. Ihr Ziel: eine Wasserversorgung ihrer Flächen über Brunnen. Weil dies in einigen Orten nicht möglich war, schlossen sich 1998 dann 21 Landwirte unter Vorsitz von Karl-Heinz Häger zum „Wasser- und Bodenverband Wachtberg und Umgebung“ zusammen. Um das Wasser direkt von der Wahnbachtalsperre beziehen
zu können, bauten sie mit GMO-Zuschüssen ein eigenes großes Wasserleitungsnetz. Nach zwei Jahren hatte es 35 km Hauptund Nebenleitungen. Vertraglich erlaubt ist eine Maximalabnahme von 180 m³ Wasser pro Stunde. 2012 wurde in Fritzdorf ein 25 000 m³ Wasser fassender Zwischenbehälter gebaut. Im gleichen Jahr wurden laut Jahresbericht des Wahnbachtalsperrenverbandes vom Wasser- und Bodenverband fast 232 000 m³ Wasser aus der Talsperre entnommen. In anderen Jahren waren es bis zu 300 000 m³.

Ohne dieses selbständige Arbeiten ginge es in dem Familienbetrieb auch nicht. Die meisten Stamm-Mitarbeiter waren vorher ein Jahr lang als Praktikanten auf dem Hof und haben so alle Arbeitsbereiche kennengelernt. Viele haben eigene Betriebe zuhause in Polen und diese mit der Zeit, auch
durch das hier kennengelernte Know-How, weiterentwickelt. „Demnächst kommt ein Praktikant, dessen Vater schon als Praktikant hier war“, erzählt Michael Häger stolz.

Den Hägers ist wichtig, dass sich ihre Mitarbeiter hier wohlfühlen. Dass sie vernünftig wohnen und auch vernünftig behandelt werden, das steht oben an. „Dazu gehört auch, dass man Verantwortung  überträgt“, ist sich der Obstbauer sicher. „Dann haben sie Spaß bei der Arbeit und dann kommt auch etwas Vernünftiges für den Betrieb herum.“ „Inzwischen hat sich schon so etwas wie ein familiäres
Verhältnis entwickelt“, pflichtet ihm seine Ehefrau bei. Vor drei Jahren waren sie gemeinsam mit ihren Kindern in Polen und haben ihre Mitarbeiter besucht, deren Familien kennengelernt, gesehen wie sie leben und wie ihre Landwirtschaft dort aussieht.

Auszeiten wichtig

Durch die zuverlässigen Mitarbeiter kann es sich die Familie auch erlauben über Silvester und Ostern in den Skiurlaub zu fahren. Der verfrühte Start der Erdbeerernte hätte der Familie in diesem Jahr beinahe den Urlaub vermiest. „Weil mein Vater und die Mitarbeiter eingesprungen sind, ging es“, erzählt
Michael Häger. „Auch wenn ich mental nicht ganz abschalten konnte, war es wichtig um Kraft für den langen Sommer zu tanken. Man muss sich Zeit für sich nehmen.“ Um die Zukunft seines eigenen Betriebes macht sich der dynamische Betriebsleiter wenig Sorgen. Er ist gut aufgestellt. Und obwohl
die Betriebsnachfolge noch viel Zeit hat, haben seine beiden Söhne bereits Interesse geäußert. Besonders der ältere der beiden war schon von Klein an von der Landwirtschaft begeistert. „Als der Kindergarten anstand, hat er direkt gesagt, da geh' ich nicht hin, ich will hier bleiben und nur im Betrieb
helfen“, erzählt Stefanie Häger lachend. Ihr und ihrem Mann wäre es am liebsten, wenn beide Söhne den Obsthof einmal gemeinsam übernehmen würden.

Kirsten Engel


 

Ausgabe 01/2020

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