07.09.2016

Menschen für Spargel begeistern

Spargelhof Kisters, Geldern-Walbeck

Annette und Stephan Kisters sind leidenschaftliche Spargelanbauer
Foto: Aldenhoff

„Da muss man für sein!“, sagt Stephan Kisters und meint die Aktivitäten, die seine Frau Annette und er schon seit rund 15 Jahren in der Spargelsaison stemmen. Sie haben sich auf Tagesausflüge für interessierte Spargelliebhaber spezialisiert und führen inzwischen eine Vielzahl von Gruppen pro Saison über ihren Hof und auf ihre Felder, um Verbrauchern den Spargelanbau zu erklären.

Damit noch nicht genug, laden sie zu selbst initiierten Events wie einem Abendessen „Spargel & Wein“, einem Sonntag mit dem kulinarischen Thema „Spargel im Burger“, zu einem Familientag in Zusammenarbeit mit einigen Spargelbauern aus der Spargelbaugenossenschaft Walbeck oder jüngst der Eröffnung ihres Hofladens ein. Stets ist etwas geboten, stets kommen viele Gäste, stets präsentieren sich Annette und Stephan Kisters gut gelaunt und vermitteln ihre Passion Spargel.

Der Hof im niederrheinischen Spargeldorf Walbeck ist seit 1840 im Familienbesitz. Bereits Großvater Mathias baute Spargel an und war 1929 Gründungsmitglied der Spargelbaugenossenschaft Walbeck, einer deren Stellvertretenden Vorsitzenden heute sein Enkel Stephan Kisters ist. Nachdem sein Vater Jakob den Spargelanbau auf rund 4 ha fortgeführt hatte, übernahm der heutige Betriebsleiter 1998 das Unternehmen. Inzwischen wird auf 20 ha Spargel der Sorten `Cumulus´, `Gijnlim´, `Backlim´, `Herkolim´ und der Grünspargel `Xenolim´ angebaut. Zur Ernteverfrühung werden Minitunnel eingesetzt. Hier haben sich Kisters seit drei Jahren für das M-Bögen-System der Fa. Engels entschieden.

Klare Aufgabenverteilung

Annette und Stephan Kisters haben sich die Arbeit so aufgeteilt, dass sie für Sortierung und Verkauf und er für die Arbeit auf dem Feld zuständig ist. Allerdings sind beide in der Saison mehrere Stunden am Tag mit der Betreuung ihrer Reisegruppen beschäftigt. Währenddessen können sie sich auf ihre Mitarbeiter voll verlassen. Ein langjähriger Vorarbeiter ist für die Kontrolle auf dem Feld und reibungslose Abläufe bei der Ernte verantwortlich.

Für die Erntearbeiten sind polnische und rumänische Saisonarbeiter beschäftigt. Sie erhalten den gesetzlichen Mindestlohn plus eine Vergütung von 0,50 € für jedes über das Normalmaß von 16 kg/h hinaus gestochene Kilogramm Spargel. Jedem Erntehelfer sind bestimmte Reihen sowie eine Spargelspinne zugeordnet. Die Ertragsfähigkeit der einzelnen Anlagen wird bei der Bonusvergütung berücksichtigt. Jede Erntekiste hat ein täglich wechselndes Klebeetikett, auf dem Parzelle, Erntedatum und Erntehelfer notiert sind. Sobald die Ware vom Feld am Hof ankommt, wird sie verwogen und schockgekühlt. Beim Sortieren, Schälen und Abpacken des Spargels wird Annette Kisters von polnischen Mitarbeiterinnen unterstützt. Auch hier gibt es eine Vorarbeiterin, welche sehr genau weiß, worauf es ankommt.

Stephan Kisters nutzt die Ackerschlagdatei P.A.u.L. und die Arbeitskräfteverwaltung SoF.HiE von der Fa. Agroproject. Am Wochenende bekommen die Mitarbeiter ihre Abrechnung, so dass sie stets ihre Leistung überprüfen können. Jede(r) Mitarbeiter/in hat einen von Kisters selbst erstellten Ausweis stets dabei, mit dem er/sie sich in das Erfassungssystem einscannen kann, der aber auch zur Vorlage bei amtlichen Kontrollen am Feld dient.

Spargelspinne mit GPS

Als Neuerung wurden in diesem Jahr die Spargelspinnen in Zusammenarbeit mit Agroproject und Engels Machines im Rahmen eines Pilotprojektes mit GPS ausgestattet. „Sie müssen Systeme schaffen, damit Sie Ihre Vorgaben auch kontrollieren können und die Ihnen eine hohe Effizienz der eingesetzten Arbeitskräfte möglich machen“, erläutert Kisters seine Beweggründe für den Einsatz dieser Technologie. Per GPS ist nun nachvollziehbar, ob die Spinne im Betrieb ist oder nicht.

Jedes Jahr im Januar fahren die Eheleute Kisters nach Polen, um mit ihren Mitarbeitern die bevorstehende Saison zu besprechen. Als sie dieses Mal das neue System zur Leistungserfassung vorstellten, zeigten sich alle mit der Durchführung des Projektes einverstanden und der Vorarbeiter sagte sofort, das sei eine gute Sache. Die Mitarbeiter wissen, dass sie das bezahlt bekommen, was sie leisten. Ein faires System, das für die Arbeitskräfte transparent ist und so Vertrauen schafft.

Für den während der stressigen Saison so wichtigen Rückhalt vom Personal und den nötigen Respekt sorgen aber auch noch andere Faktoren. Sicherlich, man kennt sich seit Jahren und alle Mitarbeiter wohnen auf dem Hof. Die Verpflegung wird für die Arbeitskräfte komplett im Betrieb durchgeführt. „Wer hart arbeitet, muss auch vernünftig essen“, sind die Eheleute Kisters überzeugt. Außerdem sollen die Mitarbeiter ihre Pausen zur Erholung nutzen und nicht noch mit der Zubereitung des Essens beschäftigt sein. Dafür wurde eigens eine Köchin eingestellt. Es gibt einen Speiseplan für die gesamte Saison, auf dem sich auch polnische und rumänische Gerichte finden. Außerdem können Wünsche geäußert werden. Für Frühstück und Abendessen stellen Kisters ebenfalls die Verpflegung bereit, so dass das Personal eigentlich nicht einkaufen muss. Am Feld gibt es zusätzlich morgens und nachmittags eine Pause mit Kaffee und Butterbroten. Und nach einem arbeitsreichen Tag sitzt man auch schon mal gerne mit den Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen in gemütlicher Runde zusammen.

Neben ihren Saisonarbeitskräften können sich Annette und Stephan Kisters auf ihre Familie verlassen. Stephans Mutter Marga mit ihren 82 Jahren unterstützt das Personal beim Backen und der Verpflegung der Mitarbeiter. Die Kinder Hannah (16) und Paul (15) helfen ebenfalls gerne mit.

Spezialisiert auf Besuchergruppen

Mit Strohhut und Holzschuhen hat Stephan Kisters ein authentisches Markenzeichen für sich als Spargelbauer geschaffen, wenn Gäste empfangen werden. Eine Rolle, die ihm offensichtlich auf den Leib geschneidert ist. Er hat ein Geschick, die Zuhörer zu fesseln und zu begeistern. Mit Leidenschaft erklärt er, wie viel Arbeit im Spargelanbau steckt und streut dabei kleine Anekdoten in seine Ausführungen ein.

Während in den Anfängen die Gästegruppen noch die private Toilette der Familie nutzten, haben die Unternehmer im Laufe der Jahre mit baulichen Maßnahmen ihren Hof auf die Anforderungen der Versorgung von Gruppen mit bis zu 120 Personen angepasst. In einem separaten Gebäude wurden sanitäre Anlagen sowie eine Backküche mit der technischen Ausstattung für die Gruppenversorgung eingerichtet. Das Café „Op de Deäl“ ist eine feste Einrichtung. Für größere Reisegruppen wird zusätzlich die Maschinenhalle hergerichtet.

Ein gern gebuchtes Programm sieht etwa so aus: Gegen halb elf wird die Gruppe auf dem Hof mit einem Walbecker Spargelschnaps empfangen. Bei einer anschließenden Hof- und Feldführung weiht Stephan Kisters die Besucher in die Geheimnisse des Spargelanbaus ein. Die Produktion ist dabei transparent; Ziel ist es, eine Wertschätzung für das Gemüse und seine Erzeuger zu schaffen. Bevor es dann weiter geht zum Mittagessen in einem der Walbecker Spargelrestaurants kann im Hofladen noch eingekauft werden. Der Nachmittag startet mit einer Dorfbegehung eventuell inklusive Besuch der Windmühle unter Leitung eines/r ortskundigen Führers/in, den nicht die Familie Kisters stellt. Sie ist danach wieder aktiv, wenn die Gruppe zur Spargelstecherbrotzeit mit Kuchenangebot zurück auf den Hof in die Straußwirtschaft „Op de Deäl“ kommt.

Die Organisation der Tagesreise für die Gruppe übernimmt Annette Kisters. Es können noch weitere Programmpunkte gebucht werden wie etwa ein Besuch im benachbarten Wallfahrtsort Kevelaer oder im niederländischen Spargelmuseum „De Locht“. „Wir machen keine Werbung, viele kommen schon seit Jahren immer wieder“, sagt Annette Kisters. Ihr jährlich neu aufgelegtes Rezeptheft ist bei einigen Gästen ein begehrtes Sammlerobjekt. Es kommen Kindergärten, Schulgruppen, Behindertengruppen, Vereine, Betriebsausflüge oder Seniorenstifte.

Neuer Hofladen

Die vergangenen Wintermonate nutzte die Familie Kisters, um ihren Hofladen umzubauen. In Zusammenarbeit mit Fachfirmen und mit viel Eigenleistung von Familie und Freunden wurde das Gebäude komplett saniert und sowohl zweckmäßig als auch geschmackvoll neu gestaltet. Federführend waren dabei die Schreinerei Diebels aus Goch und die Fa. Schneider Golze Ladenbau aus Talheim bei Heilbronn. Letztere hatten die Eheleute auf der expoSE in Karlsruhe kennengelernt. Gewählt wurde ein offenes Raumkonzept mit vielen Holztönen. Sogar der Giebel der ehemaligen Scheune wurde freigelegt und sorgt jetzt für eine rustikale Atmosphäre. In die Schiebetüre zum angrenzenden Verarbeitungsraum wurde eine Scheibe eingelassen, so dass die Hofladenkunden das Treiben an Sortier- und Schälmaschine beobachten können. Die großzügige Theke - gepaart mit einer zusätzlichen Eingangstür - bietet jetzt eine wichtige Raffinesse: während der Andrang durch Besuchergruppen groß ist, können Einzelkunden rasch separat bedient werden und den Laden bequem wieder verlassen. Neu ist auch ein elektronisches Zahlsystem, so dass auch mit Karte bezahlt werden kann. Das Sortiment umfasst neben dem eigenen Spargel auch Kartoffeln, Eier, Schinken, Wein, Erdbeeren und weitere Produkte für eine gelungene Spargelmahlzeit.

Aus der Eröffnung des neuen Hofladens am 10. April dieses Jahres machte die Familie Kisters ein großes Fest. Ein renommierter Koch hatte kleine Leckereien rund um den Spargel zubereitet. Rund 250 Besucher waren gekommen und es war genug Spargel für alle da. Der Hofladen ist während der Saison täglich von 7 bis 20 Uhr geöffnet. Pünktlich am 24. Juni ist Schluss. „Die Zeit brauchen wir zum Regenerieren und der Spargel auch“, findet Annette Kisters.

Sabine Aldenhoff