15.06.2015

Mit längeren Ernteabständen die Arbeitszeiten einhalten

Willy Kreienbaum, erster Vorsitzender der Vereinigung der Spargelanbauer Westfalen-Lippe e.V., äußert sich über die diesjährige Saison, Verbraucherwünsche und künftige Herausforderungen an die Spargelbauer
Foto: Aldenhoff

Im Gespräch mit Willy Kreienbaum

Mit einer Vermehrungsfläche von 30 ha gilt Willy Kreienbaum als einer der größten Spargelvermehrer Deutschlands. Außerdem baut er im westfälischen Sassenberg-Füchtorf auf rund 220 ha Produktionsfläche Bio-Spargel an. Weiterhin ist Willy Kreienbaum erster Vorsitzender der Vereinigung der Spargelanbauer Westfalen-Lippe e.V. Spargel & Erdbeer Profi sprach mit dem Spargelbauer über die diesjährige Saison, Verbraucherwünsche und künftige Herausforderungen an die Spargelbauer.

Spargel & Erdbeer Profi: Wie sieht die aktuelle Marktsituation bei Spargel aus?

Willy Kreienbaum: Die Mengen am Markt entwickelten sich dieses Jahr insgesamt etwas langsamer, so dass wir relativ kontrolliert und geordnet mit der Saison beginnen konnten. Die Preise liegen ungefähr auf Vorjahresniveau. Die Hoffnung, sich bedingt durch den Mindestlohn in einem etwas höheren Preisbereich bewegen zu können, hat sich bisher leider nicht erfüllt.

Die Anbauflächen wurden zum Teil stark ausgeweitet. Wie viel kann der Markt verkraften?

Zurzeit haben wir vom Gesamtverhältnis Angebot und Nachfrage ein relativ ausgeglichenes Verhältnis mit dem Problem, dass unser Produkt vom Erntezeitpunkt her stark witterungsabhängig ist. D.h. es wird immer Wochen geben, in denen zu viel oder zu wenig Menge am Markt vorhanden sein wird. Meine Erfahrung lautet: Von neun Wochen Spargelsaison haben wir drei Wochen zuviel, drei Wochen zu wenig Spargel und drei Wochen laufen normal.

Wie können die Anbauer eine höhere Wertschöpfung für ihr Produkt erzielen?

Auf Dauer macht die Steigerung der Produktionsfläche nicht mehr wirklich Sinn. Insbesondere in der aktuellen Kostensituation. In meinen Augen macht ein „inneres Wachstum“ durch eine Kostenoptimierung innerhalb der Kultur, der Ernte, des Verarbeitungsprozesses viel mehr Sinn. Dort müssen wir ansetzen, um unser Produkt noch kostendeckender produzieren zu können. Vor 30 Jahren hatten wir vier Mitarbeiter pro Hektar angestellt. Mit der Einführung der schwarzen Folie reduzierte sich die Anzahl der Angestellten auf zwei Mitarbeiter pro Hektar, weil wir nur noch einmal am Tag ernten mussten. Mit dem Einsatz der Spargelspinne kommen wir heute noch auf einen Mitarbeiter pro Hektar.

Welche Fehler sollten die Anbauer vermeiden?

Innerhalb der deutschen Produktionsbetriebe haben wir ein breites Spektrum an Flächenerträgen. Wir werden uns in Zukunft intensiver mit dem Thema beschäftigen müssen, ob sich Altanlagen noch lohnen. Im Grunde sind Anlagen ab dem sechsten Jahr nicht mehr rentabel zu bewirtschaften. Insbesondere auch im Hinblick auf den Mindestlohn und das Arbeitszeitgesetz.

Sollten die Anbauer mehr Dienstleistungen bieten?

Gerade für einen Direktvermarktenden Betrieb ist es interessant, sich am Markt attraktiv zu machen. In unserem kleinen Ort gibt es beispielsweise weit über 20 Spargelbetriebe. Da versucht man sich von dem anderen abzusetzen. Z.B. über die Hofgastronomie oder durch einen Erlebnishof kann man den Betrieb attraktiver gestalten und dadurch den Kunden mehr an den Hof binden.

Welche Aussichten sehen Sie bei der Vermarktung von Spargel im LEH?

Wir liefern selbst mittlerweile 97 % unserer Ware an den LEH und sehen da auch eine positive Zukunft. Hier ist von Vorteil, dass wir von Montag bis Samstag kontinuierlich ähnliche Spargelmengen liefern können. Bei der Direktvermarktung geht das Mengenpotential zunehmend in Richtung Wochenende und die Ware wird vom Wochenanfang zum Wochenende geschoben.

Wie sehen Sie die Zukunft von Convenience-Spargel?

Da ist ein zunehmender Trend zu erkennen, allerdings im Vergleich zu unseren Nachbarländern noch deutlich verhalten. Die Franzosen sind da viel weiter, da sie auch eher bereit sind, Geld für Nahrungsmittel auszugeben.

Und wie sieht es im Biobereich aus?

Wir produzieren selbst zu 100 % Bio-Spargel und kennen die Probleme. Der Verbraucher möchte Bio-Spargel, ist aber nicht bereit, einen Mehrpreis zu bezahlen. Tatsächlich hat sich der Bio-Spargel schon dem konventionellen Preis für den LEH-Produzenten angenähert. In meinen Augen hat Bio-Spargel aber eine Zukunft. Es dauert nur noch eine Weile, bis der Verbraucher wirklich merkt, dass Bioware einen gewissen Marktanteil haben darf. Wir haben mittlerweile 13 Jahre Erfahrung mit dem Bioanbau und heute die Produktionskosten soweit im Griff, dass wir nur noch minimal erhöhte Kosten im Vergleich zum konventionell arbeitenden Betrieb haben. Allerdings haben wir noch ein deutlich höheres Risiko beim Bio-Anbau. Beispielsweise die Bekämpfung von Insekten ist zum einen deutlich teurer und zum anderen nicht so effizient wie im konventionellen Anbau.

Welche Verbraucherwünsche müssen die Spargelbauern in Zukunft im Auge behalten?

Wir haben in Deutschland seit Jahrzehnten einen relativ hohen Anteil an Verbrauchern im Alter 60+, die unser Produkt kaufen. Wenn man sich die Alterspyramide anschaut, kann man feststellen, dass in den nächsten 20 Jahren im unteren Bereich nicht sehr viel nachkommen wird. Somit sind wir darauf angewiesen, vermehrt die Käuferschichten im Alterssegment 25+ anzusprechen. Dies könnte evtl. mit Convenience-Produkten gelingen, da die jüngere Kundschaft heute am liebsten das fertige Produkt mitnehmen möchte.

Welche Fragen müssen sich die Anbauer die nächsten Jahre stellen?

Primäres Ziel der Produzenten muss sein, den Ernteverlauf der Anlagen gleichmäßiger zu gestalten. Mit dem gezielten Einsatz von Minitunnel, SW-Folien und tiefer gepflanzten Anlagen auf schweren Standorten kann man von Erntebeginn bis Ernteende eine nahezu ausgeglichene Erntekurve erreichen. Mit täglich ähnlichen Erntemengen kann man sich schließlich auf den Markt einstellen. In meinen Augen produzieren noch zu viele Betriebe viel zu unkontrolliert, was dann zu Erntespitzen führt. Da muss man rechtzeitig eingreifen und denen entgegenwirken.

Wie schätzen Sie das Mindestlohngesetz ein? Können die Landwirte noch mit Nachbesserungen rechnen?

Auf Verbandsebene haben wir sehr stark gegen den Mindestlohn gekämpft. Ich selbst war im letzten Jahr viermal in Berlin und habe versucht Einfluss zu nehmen. Kürzlich haben wir zusammen mit dem Bauernverband noch einmal versucht, bei Ministerin Andrea Nahles direkt Einfluss zu nehmen. Aber ich muss nüchtern erkennen, dass es ein hoffnungsloses Unterfangen war. Ich rechne aber trotzdem mit ein paar Nachbesserungen. Die Länder Thüringen, Bayern und Rheinland-Pfalz hatten bereits eine Arbeitsministerkonferenz auf Länderebene und beschlossen, dass die dortigen Ämter für Arbeitsschutz mit einem formlosen Antrag die Saisonbetriebe auf zwölf Stunden maximale Arbeitszeit pro Tag hochsetzen können. Eine ähnliche Möglichkeit erwarte ich bald auch für NRW.

Der Mindestlohn als solcher ist festgeschrieben – damit werden wir leben müssen. Nun muss jeder Betrieb genau prüfen, wie er mit dem Mindestlohn zurechtkommt, beispielsweise durch Produktionsänderungen oder einer anderen Preisgestaltung. Da in vielen Betrieben die direkten Erntekosten 50 % vom Umsatz oder auch noch mehr betragen, ist der Bereich extrem kritisch zu sehen.

Viele Betriebe sehen die Einhaltung der Arbeitszeit mit großer Sorge. Wie kommen Sie in Ihrem Betrieb damit zurecht?

Uns belastet das Arbeitszeitgesetz noch mehr als das Mindestlohngesetz. Wir versuchen natürlich die vorgeschriebenen Arbeitszeiten einzuhalten, doch in Spitzenzeiten kann es da schon mal eng werden. Ich frage mich, ob die Politik da nicht reagieren muss. Gerade in der Landwirtschaft drängt die Zeit je nach Jahreszeit und Wetterlage.

In unserem Betrieb haben wir aufgrund der Arbeitszeitproblematik die Ernterhythmen verändert. Letztes Jahr haben wir noch einmal täglich jede Anlage beerntet. Seit diesem Jahr haben wir den Rhythmus auf alle zwei Tage geändert – mit einer kleinen Ausnahme: Bei hohen Temperaturen ernten wir insbesondere bei den Top-Sorten auch wieder täglich. Mit diesem 2-Tages-Rhythmus kommen wir auch mit einem 10 Stunden-Arbeitstag hin.

Das Interview führte Birgit Scheel