17.10.2020

Offener Brief von Bayer-Geschäftsführer Peter R. Müller an Karl Bär (Umweltinstitut München e.V.)

Peter R. Müller, Geschäftsführer von Bayer Crop Science Deutschland
Foto: Bayer

Ende September hat das Umweltinstitut München zusammen mit dem Bündnis für enkeltaugliche Landwirtschaft eine Studie zu Verwehungen von Pflanzenschutzmitteln in Deutschland vorgestellt. Viel war dabei von „schockierenden“, „besorgniserregenden“ oder „erschreckenden“ Zuständen die Rede. Auf die Frage, welche Mengen denn überhaupt gefunden wurden, reagierten alle Beteiligten ausweichend. Peter Müller, Deutschland-Chef von Bayer Crop Science, hat sich die Studie daher etwas genauer angeschaut, Erstaunliches gefunden und nachfolgenden offenen Brief an das Umweltinstitut geschrieben:

„All Ding' sind Gift und nichts ohn' Gift; allein die Dosis macht, dass ein Ding kein Gift ist.“ Seit der Schweizer Wissenschaftler und Mediziner Theophrastus Bombast von Hohenheim, besser bekannt als Paracelsus, diesen legendären Satz sagte, sind fast 500 Jahre vergangen. Zeit genug, um aus dieser Erkenntnis Alltagswissen werden zu lassen. Doch während die etwa gleich alte Erkenntnis von Kopernikus, dass die Erde sich um die Sonne dreht, in der breiten Öffentlichkeit seit langem angekommen ist, ist die von Paracelsus noch immer nicht verinnerlicht.

Ein wesentlicher Grund dafür ist, dass Organisationen, die in Umwelt- und vor allem Klimafragen gerne und regelmäßig auf die Wissenschaft verweisen, diese in geradezu grotesker Weise ignorieren, wenn Ergebnisse nicht den eigenen Vorstellungen und Zielen entsprechen. Dass Ihr Verein, zusammen mit dem von Unternehmen des Biolandbaus finanzierten Bündnis für enkeltaugliche Landwirtschaft, zu den prominentesten Vertretern dieser Praxis gehört, haben Sie in der vergangenen Woche leider einmal mehr unter Beweis gestellt.

In einer Pressekonferenz, zu der Sie auch Bundesumweltministerin Svenja Schultze begrüßen durften, verkündeten Sie, Pestizide seien „unkontrollierbar“ und die „belastete Luft ein nicht abschätzbares Risiko für die Gesundheit“. Frau Schultze sekundierte und stellte mehrfach „besorgniserregende“ Zustände fest.

Lassen wir zunächst mal die Polemik außen vor und schauen uns die Fakten an: Gefunden hat das von Ihnen beauftragte Institut TIEM Integrierte Umweltüberwachung Spuren von 138 Wirkstoffen, die weltweit in der Landwirtschaft eingesetzt werden oder wurden. Nahezu ein Drittel dieser Substanzen waren zum Messzeitpunkt in Deutschland nicht mehr oder sogar noch nie zugelassen. Das spricht dafür, dass hier Einträge gemessen wurden, die aus dem Ausland, das heißt aus weiter entfernten Regionen, stammen.

Wenn Organisationen wie Ihre an die Öffentlichkeit gehen, um zu verkünden, sie hätten „Pestizid-Cocktails bis in die hintersten Winkel Deutschlands“ gefunden, was „schockierend“ sei, dann fragt sich jeder halbwegs wissenschaftsorientierte Mensch aber natürlich: Ja in welchen Mengen und Konzentrationen denn?

Nur wer diese essentielle Frage beantwortet, kann schließlich Aussagen darüber treffen, ob die gefundenen Stoffe auch nur annähernd Auswirkungen auf die Gesundheit von Mensch oder Tier haben könnten. Der Nachweis allein besagt gar nichts, schließlich können moderne Analysemethoden heutzutage Konzentrationen nachweisen, die einem halben Zuckerwürfel im Bodensee oder einem einzelnen Roggenkorn in einem 20.000 km langen Güterzug voller Getreide entsprechen. Auf diese Weise finden Wissenschaftler heute selbst in der Arktis und Antarktis Spuren von Pflanzenschutzmitteln, Reifenabrieb, Mikroplastik und vielen anderen Substanzen.

Wie schnell sich Stäube und Partikel verbreiten, merken wir schon allein, wenn sich einige Stunden nach einem Sandsturm in der Sahara auf Millionen von Fahrzeugen in ganz Europa ein grau-brauner Schleier bildet. Der gleiche Effekt war erst vor wenigen Tagen zu erkennen, als der Rauch der Waldbrände in Kalifornien innerhalb weniger Tage von der Westküste der USA zunächst über Nordamerika und dann mit einem Tiefdruckgebiet über den Atlantik bis nach Europa transportiert wurde.

Ein Verbot sollte nur fordern, wer auch konkrete Aussagen treffen kann – oder?

In Ihrem mehr als 130 Seiten starken Bericht ist jedoch von Mengen bzw. Konzentrationen kaum etwas zu finden. In der Pressemitteilung zur Vorstellung der Studie wird das Thema nicht mit einem Wort erwähnt. Selbst auf mehrfache Nachfrage während Ihrer Pressekonferenz bekamen Journalisten keine konkrete Antwort.

Ich habe mich gefragt: Warum nicht? Denn ein Verbot der zur Diskussion stehenden Pestizide sollte ja eigentlich nur fordern, wer auch konkrete Aussagen über Auswirkungen auf Mensch und Umwelt treffen kann, oder?

Ein Blick auf die spärlichen Mengenangaben in Ihrem Bericht liefert eine schnelle Erklärung: Ihre Proben sind von so verschwindend geringer Konzentration, dass Sie sich offenbar entschieden haben, das Thema besser überhaupt nicht anzusprechen. Im Sinne von Paracelsus habe ich mir allerdings erlaubt, mal einen etwas genaueren Blick auf die Mengen zu werfen, die Sie in Ihren Passivsammlern gefunden haben – nur exemplarisch, für eine Reihe von Stoffen, die Sie am meisten kritisieren. In einem Satz zusammengefasst lautet das Ergebnis:

Die Mengen, die ein erwachsener Mensch jeden Tag sein ganzes Leben lang ohne Gefahr für seine Gesundheit zu sich nehmen könnte, liegen um das 100-, 1.000- oder gar 10.000-fache über den Konzentrationen, die das von Ihnen beauftragte Unternehmen während der gesamten mehrmonatigen Sammeldauer gefunden hat.

Tatsächlich müssen in Deutschland regelmäßig Lebensmittel zurückgerufen werden, weil sie in gesundheitsgefährdendem Ausmaß mit Giften belastet sind, die vom Acker in die Nahrungskette gelangen. Es handelt sich dabei aber mitnichten um chemisch-synthetische Pestizide, sondern um Schimmelpilzgifte, Mutterkorn- und Tropanalkaloide aus Giftpflanzen. Da Sie sich mit Ihren Verbündeten des Biolandbaus tagtäglich für eine gesunde Ernährung einsetzen, frage ich mich: Warum thematisieren Sie diese um ein Vielfaches größeren Gefahren zu keinem Zeitpunkt?

Um Missverständnisse zu vermeiden: Auch chemische Pflanzenschutzmittel sind bei entsprechender Dosierung selbstverständlich giftig und haben potentiell Auswirkungen auf Umwelt und Biodiversität. Ohne sie würde allerdings auch ein großer Teil der globalen Ernten durch Krankheiten und Schädlinge vernichtet. Bayer unterstützt die Bestrebungen von Politik, Landwirtschaft und Organisationen wie Ihrer, sowohl die absolute Menge an Pflanzenschutzmitteln als auch ihre generellen Umweltauswirkungen deutlich zu reduzieren. Um dieses Ziel zu erreichen, investiert Bayer mehr als jedes andere Unternehmen unserer Branche in die Erforschung neuer Produkte, neuer Züchtungsmethoden und die Digitalisierung der Landwirtschaft.

Eine kontinuierlich wachsende Weltbevölkerung auf möglichst nachhaltige Weise ernähren zu können, stellt eine gigantische Herausforderung dar. Bewältigen werden wir sie nur, wenn alle Beteiligten bereit sind, sachlich, konstruktiv und auf Basis wissenschaftlicher Erkenntnisse über den besten Weg in die Zukunft zu debattieren. Ihre alarmistische Kommunikation, in der die Menge der gefundenen Substanzen keinerlei Rolle spielte, lässt mich allerdings einmal mehr zweifeln, ob das Umweltinstitut an einem solchen Dialog überhaupt interessiert ist.

Wer minimalste Spuren von Pflanzenschutzmitteln, die um ein Vielfaches unter den gesetzlichen Grenzwerten liegen, als „schockierend“ bezeichnet und „sofortige Verbote“ fordert, macht den Menschen Angst, spaltet die Gesellschaft und diskreditiert Landwirte ebenso wie die in der Agrarbranche tätigen Wissenschaftler.
Wer beklagt, dass durch Verwehungen von Pestiziden „ganze Ernten verloren gehen“, zugleich aber verschweigt, dass ohne diese Produkte bis zu 40 Prozent der weltweiten Ernten vernichtet würden, disqualifiziert sich komplett für den eigentlich so wichtigen Austausch über die wirklichen Probleme von Landwirtschaft und Ernährung.

Wir bei Bayer sind jedenfalls der festen Überzeugung, dass sinnvolle Lösungen für die Zukunft nicht durch Gegeneinander, sondern durch Miteinander, nicht durch Polemik und Polarisierung, sondern durch einen faktenbasierten Dialog entstehen.

Sollten Sie daran interessiert sein, stehe ich Ihnen gerne für einen weiteren Austausch zur Verfügung.

Freundliche Grüße

Ihr 
Peter Müller


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