07.02.2019

Spargel-Spezialist aus der Lüneburger Heide

Seit mehr als 200 Jahren wird der Hof in der Lüneburger Heide durch die Familie Niemann bewirtschaftet – hier auf dem Foto Hinrich Niemann mit seiner Frau Gunda sowie den beiden Söhnen Joost und Peer
Foto: Gaul

Etwas abseits der großen Verkehrswege, aber in landschaftlich schöner Lage liegt der Spargelhof der Familie Niemann. Seit mehr als 200 Jahren wird der Hof in der Lüneburger Heide bewirtschaftet. Schon früh wurde mit dem Anbau von Spargel begonnen: 1968, als der Spargel noch als absolutes Luxusgemüse galt, setzten die Eltern des heutigen Betriebsleiters die ersten Pflanzen. Vom Jagdpächter kam der Tipp, es doch einmal mit Spargel zu probieren, erinnert sich Inge Niemann. Die Mutter des Betriebsleiters hilft heute noch mit 82 Jahren im Hofladen aus.

Ohne Erfahrung und Beratung ging es los: Mit vollem Risiko wurden die ersten 0,35 ha gepflanzt. „1970, in meinem Geburtsjahr, wurde dann der erste Spargel gestochen“, sagt Hinrich Niemann. Heute ist er ein Profi auf seinem Gebiet, der mit vielen innovativen Ideen den Spargelanbau weiterentwickelt hat. Inzwischen konzentriert sich der Betrieb ganz auf den Spargelanbau – ergänzt um Erdbeeren, doch davon später mehr. Damals war der Betrieb Niemann ein für das östliche Niedersachsen typischer Hof mit Bullenmast und Kartoffeln, Getreide, Zwiebeln und Zuckerrüben im Anbau.

Aus der kleinen Fläche von einst sind jetzt 16 ha Spargel geworden, davon 0,6 ha Grünspargel. Auch damals war die Landwirtschaft in einer Umbruchsituation und viele Landwirte suchten nach Alternativen zur konventionellen landwirtschaftlichen Produktion. Ähnlich war die Situation 2005, als die Erzeugerpreise sehr niedrig waren, sagt Hinrich Niemann: „Für 100 kg Roggen gab es gerade einmal 6,75 €.“ Zu diesem Zeitpunkt dehnte Niemann den Spargelanbau auf 10 ha aus. Der junge Betriebsleiter hatte den elterlichen Betrieb bereits 1992 übernommen. Die weitere Ausbildung war jedoch eher ungewöhnlich, denn statt an einer der traditionellen Universitäten Agrarwirtschaft zu studieren, wählte er an der Universität Lüneburg den Studiengang Wirtschaftspsychologie. Das hört sich zunächst weit entfernt vom Spargel an. Aber so ist es nicht, wie Niemann erklärt: „Da gibt es viele Schnittmengen.“ Denn in einer Lerneinheit im Studium ging es darum, ein Tool zu entwickeln, anderen etwas beizubringen.

Video zum Thema „Spargelstechen“

Und gemeinsam mit einer Kommilitonin kam er auf die Idee, ein Video zum Thema Spargelstechen zu drehen. Ein professioneller Kameramann half bei der Umsetzung. „Das ist richtig gut geworden“, so Niemann. Da die Kommilitonin aus Polen stammt, wurde es auch in polnischer Sprache produziert. Auch auf Bulgarisch wurde der Film synchronisiert. Der Film wird erfolgreich auf zahlreichen Betrieben bei der Schulung neuer Erntehelfer eingesetzt. Das ersetzt zwar nicht die Unterweisung auf dem Feld, doch die Arbeitskräfte wissen so schon einmal, auf was es ankommt. „Den Film setzen wir auch heute noch zur Schulung ein“, sagt Niemann.

Rückblickend betrachtet Niemann es als sehr positiv, durch das Studium mehr kennengelernt zu haben als nur Landwirtschaft. Nach dem Ende des Studiums hat er zunächst noch an einigen Beratungsprojekten mitgearbeitet. Dann stand für ihn jedoch fest: „Ich bin Spargelbauer, kein Berater!“. Und so stehen seither der Betrieb und die Familie mit den beiden Söhnen (8 und 10 Jahre alt) an erster Stelle.

Vermittlung von Arbeitskräften

Das Thema Erntehelfer beschäftigt ihn aber noch auf andere Weise. 2009 stellte er fest, dass immer weniger Erntehelfer aus Polen kommen, dafür mehr aus Bulgarien und Rumänien. Bei Hinrich Niemann reifte die Idee einer Arbeitskräftevermittlung, berichtet er: „Ich habe ein existierendes Vermittlungsbüro gesucht und bin 2009 für fünf Tage nach Bulgarien geflogen.“ Niemann ging mit den Bulgaren eine Partnerschaft ein. Rund 60 Betriebe gehören hierzulande zu den Auftraggebern. Die Vermittlung erfolgt allerdings über die Firma in Bulgarien, wie Niemann betont. Er selbst ist Ansprechpartner für die Betriebe im Inland. Ohne das Studium wäre es kaum dazu gekommen, ist sich Niemann sicher.

Der Spargelbauer aus Eimke hat festgestellt, dass es für Spargel anbauende Betriebe zunehmend schwieriger wird, an Saisonarbeitskräfte zu kommen. Den wichtigsten Grund sieht er in dem verbesserten Arbeitsmarkt in den Ländern Osteuropas. Auch wenn das monatliche Einkommen dort noch etwas geringer ist, wird es doch durch die Vorteile einer Vollzeitbeschäftigung und der Nähe zu Familie und Wohnort mehr als aufgewogen.

Auf dem Betrieb Niemann sind in der Saison 28 Arbeitskräfte beschäftigt – die Hälfte aus Polen, die Hälfte aus Bulgarien. „Diese Aufteilung hat sich bewährt“, stellt der Betriebsleiter fest. Seiner Erfahrung nach ist es nicht gut, wenn die Arbeitskräfte nur aus einem Land kommen. Bei den Arbeitskräften handelt es sich zu 80 % um Stammpersonal. Untergebracht sind sie in zwei Wohnhäusern, die außerhalb der Saison an Monteure vermietet werden. Die Arbeitszeiten werden weiter „händisch“ auf Zetteln erfasst und von einem externen Mitarbeiter in eine Excel-Tabelle übertragen.

Spargel und Erdbeeren passen zusammen

Die Arbeitskräfte haben nicht nur auf den Spargelfeldern gut zu tun, sondern auch in den Erdbeeren. „Spargel und Erdbeeren passen gut zusammen“, begründet Niemann seinen Einstieg in die Intensivkultur. In der Nähe gibt es keine weiteren Erdbeerhöfe, sodass Niemann mit den selbst produzierten Früchten in hoher Qualität sein Angebot ergänzen wollte. 0,6 ha befinden sich im geschützten Anbau. Zwei Folientunnel stehen direkt am Hofgelände, zwei weitere bei einer Biogasanlage in der Nähe. Die Nutzung der Wärme sorgt für einen frühen Erntebeginn, freut sich Hinrich Niemann: „In 2018 ist es gelungen, am ersten Tag der Spargelsaison Erdbeeren im Angebot zu haben.“ Angebaut werden die Sorten `Flair´ und `Clery´. „Künftig setzen wir aber ganz auf `Flair´, kündigt Niemann an: „Sie ist einfach überragend im Geschmack.“

Durch einen zweiten Satz Erdbeeren, der an der Biogasanlage reift, wird die Saison verlängert. Die Pflanzen stehen in einem Außenbeet, bis der Platz im Tunnel frei wird. Durch die kurzen Wege erhalten die Verbraucher stets frische Früchte. Morgens früh gepflückt, sind sie schon zu Verkaufsbeginn in einem der Verkaufsstände und im Hofladen. In diesem Jahr war die Erdbeerernte allerdings schon früher beendet, weil die intensive Sonneneinstrahlung und hohe Temperaturen die Früchte schneller reifen ließen. „Wir haben zwar mit Schattierung dagegen anzuarbeiten versucht“, erklärt Niemann, doch aufhalten ließ sich der physiologische Prozess letztlich nicht. Seit im Hofladen auch Erdbeeren verkauft werden, hat sich die Zahl der Kunden erhöht, wie Niemann festgestellt hat. So gibt es Kunden, die wegen der Erdbeeren kommen – dann aber doch auch Spargel mitnehmen. Erdbeeren werden übrigens auch zu anderen Zeiten gekauft als Spargel: „In der Spargelsaison lief das Geschäft im Hofladen nur bis mittags. Erdbeeren kaufen die Leute auch am Sonntagnachmittag.“

Nachhaltigkeit auch leben

Wichtig ist für Niemann das Thema Nachhaltigkeit. So stammt der gesamte Strom für die Hofstelle aus regenerativen Quellen. Ein weiterer Ansatzpunkt ist es, den Torfeinsatz im Erdbeersubstrat zu verringern. Deshalb wird ein Torf-Holzfasergemisch eingesetzt. Der Holzfaseranteil beträgt 20 %. Am Ende der Erdbeerkultur dient das Holzfasergemisch der Humusbildung im Spargelanbau, weil es zwischen den Reihen ausgebracht wird.

Diesem Ziel dient auch die Zwischenreihenbegrünung im Spargelanbau. Nach der Ernte wird zwischen den Spargeldämmen ein Kleegrasgemisch ausgesät. Das Bodenleben profitiert davon sichtbar, denn unter den Wurzeln der Begrünung tummeln sich die Regenwürmer. „Die findet man sonst im Spargel fast nie. Ich vermute, sie mögen nicht das Spargelkraut.“, sagt Hinrich Niemann. Die grünen, gepflegten Reihen sind auch etwas fürs Auge. Zugleich schützen sie den Boden vor Starkregen und Erosion. Bei der Saatgutmischung orientiert sich Niemann an den Empfehlungen der LWK Nordrhein-Westfalen, über die in Spargel & Erdbeer Profi berichtet wurde.

Als Spargelbauer ist man auch ein Bastler

Einen eigenen Weg geht der Betriebsleiter auch bei der Pflanzung des Spargels. Statt der üblichen Kronenpflanzung kommen bei ihm vorgezogene Spargeljungpflanzen in den Boden. Ein selbst konstruiertes Gerät stanzt die Pflanzlöcher in den Boden. Im Prinzip handelt es sich um ein umlaufendes Rad hinter dem Schlepper. Überhaupt wurde auf dem Betrieb viel Technik modifiziert, wie Niemann durchblicken lässt: „Als Spargelbauer ist man auch ein Bastler.“ Modifiziert wurde auch die Pflanzenschutztechnik: Ein Hochradschlepper mit Spritze ist jetzt in der Lage, die Zwischenreihenbegrünung auszusäen und gleichzeitig die Dammflanken rechts und links vom Gerät mit einem Herbizid zu behandeln.

Erdpresstöpfe seit 2011

Pflanzenbaulich ist das Verfahren mit den Erdpresstöpfen etwas aufwendiger, wie Niemann einräumt. Da aber nur entwickelte Pflanzen umgepflanzt werden, verschafft das der Kultur einen Startvorteil. Im Betrieb wird das Verfahren seit 2011 eingesetzt. Auf dem Betrieb wurden seit 2016 auch Exaktversuche für die LWK Niedersachsen angelegt, damit das Verfahren Eingang in die breitere Praxis finden kann. In Kooperation mit dem Versuchswesen der LWK Niedersachsen wurden zwei Versuche angelegt: Einen 2017 angelegten Sortenversuch mit fünf Frühsorten im Vergleich. 2016 wurde der Versuch angelegt, in dem das Verfahren der Erdpresstopf-Pflanzung mit der Kronenpflanzung verglichen wird. Niemann findet es wichtig, dass solche Versuche durchgeführt werden, deshalb beteiligt er sich mit seinem Betrieb daran.

„Das Versuchswesen im Spargelanbau wurde sträflich vernachlässigt, wenn man bedenkt, wie viel Umsatz mit dieser Kultur im Vergleich zu anderen generiert wird“, findet er. Bei der Ernte wird der Spargelertrag der Versuchsreihen einzeln erfasst und abgewogen. Beim Vergleich der Pflanzverfahren werden die Spargelpflanzen am Ende des Jahres ausgegraben und gewogen. Erste Ergebnisse deuten darauf hin, dass das Erdpresstopf-Verfahren um 10 % höhere Erträge liefert. „Der Vorteil eines Versuchsbetriebes liegt auch darin, dass die Ergebnisse früher zur Verfügung stehen, freut sich Niemann über den mehrfachen Nutzen.

Leichte Böden erfordern Beregnung

Gepflanzt wird mit einem eigens konstruierten Gerät, einem Rad hinter dem Schlepper, das bei der Vorwärtsfahrt Pflanzlöcher in den Boden stanzt. Die leichten Böden mit 18–45 BP müssen beregnet werden. Dazu wird eine konventionelle Trommelberegnung eingesetzt, zum Teil auch Tropfschläuche. Mit Schläuchen, die unterhalb der Spargelreihe verlegt werden, hat Hinrich Niemann allerdings keine guten Erfahrungen gemacht: „Das Wasser sickert bei unseren leichten Böden nach unten weg, ohne die Wurzeln der Pflanzen zu erreichen.“ Bei schwereren Böden mag das besser funktionieren. Um den Boden richtig zu durchfeuchten, gibt Niemann je Beregnungsgabe 40 bis 45 mm, und das im Abstand von etwa 14 Tagen. Sensoren zur Steuerung der Beregnung sind seiner Einschätzung nach sicher hilfreich, doch „mein bestes Werkzeug ist der Spaten“.

Verkaufsstände sind wichtigster Vermarktungsweg

Neben dem weißen Spargel mit den Sorten `Gijnlim´, `Cumulus´ und `Backlim´ baut Niemann auch Grünspargel der Sorte `Xenolim´ an. Der gefällt durch das Aussehen vor allem den jüngeren Kunden und schmeckt auch hervorragend, jedoch ist der Ertrag um 20 Prozent geringer als bei weißem Spargel. Er muss daher zu einem höheren Preis verkauft werden, was vor allem über die Direktvermarktung gelingt. Diese liegt in den Händen seiner Frau. „Unsere Verkaufsstände sind unser wichtigster Vermarktungsweg“, sagt Hinrich Niemann. Sie sind neben dem Hofladen und den Ständen auf den Wochenmärkten ein wichtiges Standbein in der eher dünn besiedelten Region. „In der gesamten Region Uelzen gibt es nur 90 000 Einwohner. Das macht die Wege für den Spargel mitunter weit. An die Gastronomie wird der Spargel an eine Reihe Restaurants in und um Hamburg verkauft, was eine gute Stunde Fahrtzeit bedeutet.

Und die Pläne für die Zukunft? „Wir überlegen, den Anbau von Erdbeeren auszuweiten. Wir haben uns aber gegen den angedachten Anbau von Himbeeren entschieden. Wir wollen uns nicht verzetteln.“

Thomas Gaul