09.04.2015

Spargelanbau in Zeiten des Mindestlohnes

Das Mindestlohngesetz ist seit Anfang des Jahres in Kraft. Keine der betroffenen Branchen zeigte sich bisher begeistert, vielmehr herrscht noch viel Unklarheit über die konkrete Umsetzung und die Auswirkungen in bestimmten Bereichen. Was bedeutet das neue Gesetz für die Zukunft des deutschen Spargelanbaus? Wie lässt sich der bürokratische Aufwand stemmen? Können Preise angepasst werden? Wir sprachen mit Franz-Peter Allofs, dem Vorsitzenden der Landesfachgruppe Spargelanbau im Provinzialverband Rheinischer Obst- und Gemüsebauer e.V. und zugleich Vorsitzenden der Spargelbaugenossenschaft Walbeck e.V., über seine Einschätzungen zu dem brisanten Thema.

Spargel & Erdbeer Profi: Herr Allofs, wie geht es jetzt weiter im deutschen Spargelanbau?

Franz-Peter Allofs: Es nutzt ja nun nichts, wir müssen alle mit dem neuen Gesetz leben und sitzen da alle im gleichen Boot. Der Mindestlohn an sich stellt für uns weniger ein Problem dar, den haben wir bisher ohnehin schon bezahlt. Aber was das ganze Drumherum mit den Vorgaben und Dokumentationen angeht, so kommt doch eine ganze Menge Mehrarbeit auf uns zu. Halten Sie mal wöchentlich die Stundenzettel von 120 Mitarbeitern nach! Außerdem müssen alle Stundenzettel und alles andere exakt mit den Angaben beim Steuerberater übereinstimmen, da darf einem kein Fehler unterlaufen. Man wird auf diese Weise immer gläserner. Das Schlimmste ist, dass wir zwar Vorgaben haben, aber nicht klar geregelt ist, wie diese auszulegen sind. Ich hoffe sehr, dass die Kontrolleure in der Anfangszeit bei solchen Auslegungssachen großzügig sind und uns auch sagen, wie es richtig zu machen wäre. Wenn wir das Mal ein oder zwei Jahre lang gemacht haben, wird es vielleicht einfacher. Dennoch hoffen wir sehr auf die von der Politik in den letzten Wochen ins Gespräch gebrachten Nachbesserungen.

Was hören Sie von Ihren Gärtnerkollegen zum Thema Mindestlohngesetz?

Es ist aktuell das Thema. Egal mit wem ich Kontakt habe, immer kommt das Gespräch darauf. Jeder hat seine Probleme damit und fragt beim anderen nach, wie er es macht.

Gibt es Kollegen, die das Thema auf die leichte Schulter nehmen?

Nein, davon ist mir nichts bekannt. Das kann man auch wirklich keinem empfehlen. Die angedrohten Kontrollen und die drastischen Sanktionen bringen die Betriebe doch dazu, lieber kein Risiko einzugehen.

Wie setzen Sie die neuen Regelungen in Ihrem Betrieb um?

Wir haben mit Hilfe des Provinzialverbandes Formulare für die Arbeitszeitdokumentation sowie neue Arbeitsverträge entworfen. Was die Begrenzung der Arbeitszeit auf maximal 60 Stunden in der Woche angeht, so stellt das für uns weniger ein Problem dar, aufgrund unserer internen Arbeitsorganisation haben die Leute auch bisher bei uns nicht mehr gearbeitet. Aber gerade bei Spargel, der bei schlechtem Wetter wenig Ertrag bringt und bei Temperaturen über 20 bis 25 °C das drei- bis vierfache an Menge bringen kann, fehlt uns für diese Arbeitsspitzen Flexibilität. Sicherlich müssen wir unser Personal etwas aufstocken, damit jedem ein freier Tag in der Woche gewährt werden kann. Das erfordert auch eine sorgfältige Planung, wer wann frei bekommt. Ich finde das gar nicht mal so schlecht, denn so ein freier Tag dient ja der Erholung und das Spargelstechen ist nun mal eine sehr schwere körperliche Arbeit. Wenn die Mitarbeiter sich also etwas erholen können, sind sie in der übrigen Zeit doch umso leistungsfähiger. Wie die Leute ihren freien Tag gestalten, bleibt ihnen überlassen. Wir sehen uns da nicht veranlasst, ihnen Freizeitmöglichkeiten zu bieten, zumal sie nicht bei uns auf dem Hof untergebracht sind.

Wie haben Sie die Neuerungen Ihren Arbeitskräften vermittelt und was sagen die dazu?

Traditionell fahre ich zwischen Weihnachten und Neujahr nach Polen zu unseren Mitarbeitern. Dort habe ich ihnen dieses Mal erklärt, was auf uns und sie mit dem Mindestlohngesetz zukommt. Sie waren schon erstaunlich gut informiert, offenbar war das deutsche Mindestlohngesetz in den polnischen Medien ein großes Thema.

Wie handhaben Sie es mit der Auszahlungspflicht des Lohnes spätestens am Ende des Folgemonats?

Wir haben immer schon den Lohn am Monatsende ausgezahlt. Da unsere Arbeitskräfte ihn erst bei ihrer Heimreise entgegen nehmen möchten, lagern wir ihn solange in Einzelkuverts im Bankschließfach. Das werden wir auch weiterhin so handhaben, mit dem Unterschied, dass uns die Mitarbeiter jetzt zusätzlich eine Einverständniserklärung für diese Aufbewahrung unterschreiben müssen. Wir gehen davon aus, dass die Vorgaben damit erfüllt sind.

An welchen betrieblichen Stellschrauben kann noch gedreht werden, um die Effizienz zu steigern? Muss die Anbautechnik überdacht werden, sind Erntesysteme wieder verstärkt in Diskussion?

Nun, Spargel ist eine Dauerkultur, da kann man nicht so schnell reagieren. Eines ist klar, weniger gute Anlagen rentieren sich jetzt endgültig nicht mehr. Von denen muss man sich trennen. Gute Flächen zu kriegen, ist ein weiteres Problem. Also lieber ein paar Hektar weniger bewirtschaften, aber dafür nur ertragreiche Anlagen. Was die Anbautechniken wie Pflanzdichten oder Ähnliches betrifft, so lohnt es sich, aktuelle Versuchsergebnisse zu verfolgen. Natürlich sind jetzt auch wieder die verschiedenen Erntehilfen bis hin zum Vollernter verstärkt in der Diskussion, aber wir denken, dass eine mit Hilfe der Spargelspinne und den neuen M-Bögen optimierte Handernte für uns der beste Weg ist.

Welche Möglichkeiten gibt es, die Preise anzupassen?

Natürlich steigen für uns die Lohnkosten, da wir etwas mehr Personal brauchen. Aber die Preise werden nun mal nach wie vor am Markt gemacht. Es führt kein Weg daran vorbei, seinen Betrieb so zu organisieren, dass es möglichst alles ausgeschöpft und optimiert ist und keine Reibungsverluste entstehen. Hier ist eine kritische Kalkulation angesagt, insbesondere weil der Mindestlohn in den kommenden Jahren ja noch weiter ansteigt. In den Niederlanden herrscht schon länger ein Mindestlohn; wenn man sich mit den niederländischen Kollegen unterhält, muss man genau hinhören, wie die sich organisieren. Da findet sich noch der ein oder andere Tipp.

Können Sie dem Ganzen auch etwas Gutes abgewinnen?

Das Gute ist, dass alle Produzenten in Deutschland jetzt einen festen Grundlohn haben.

Wie sehen Sie die Zukunft für den deutschen Spargelanbau?

Wir Selbständigen sehen uns immer wieder mit neuen Herausforderungen konfrontiert. Es gilt, diese anzunehmen, zu bewältigen und dann geht es weiter. In Zukunft werden wir alles, was im Spargelanbau möglich ist, mechanisieren müssen, um überleben zu können. Wenn wir nochmal auf die Niederlande blicken, sicherlich ist dort der Spargelanbau nach Einführung des Mindestlohnes erst einmal etwas zurückgegangen bzw. hat stagniert. Aber inzwischen ist der Anbau dort wieder steigend trotz des Mindestlohnes von rund 11 €. Wir müssen gucken, wie sich die Zukunft gestaltet. Mit dem Mindestlohn müssen wir jetzt leben. Aber wir sollten alle gemeinsam dafür kämpfen, dass der bürokratische Aufwand geringer wird.

Das Interview führte Sabine Aldenhoff


 

Ausgabe 01/2020

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