12.04.2018

Vom Freiland zum geschützten Anbau

Ludger Linnemannstöns: „Der Anteil geschützter Kulturen wird in den kommenden Jahren weiter steigen“
Foto: Kühlwetter

 

Erdbeeren von April bis November aus regionalem Anbau – was heute als Standard gilt, war vor 15 Jahren noch die absolute Ausnahme. Aber inzwischen haben geschützte Kulturverfahren festen Einzug in den Beerenanbau genommen. Auch wenn manche Prozessabläufe sich noch ähneln, ist das Leben auf vielen Betrieben ein anderes als Jahre zuvor. Einen Schritt zurück wird es nicht geben, denn der Handel und die Kunden setzen auf regionale, qualitativ hochwertige und geschmacklich ansprechende Früchte. Spargel & Erdbeer Profi sprach mit Ludger Linnemannstöns, Versuchszentrum Köln-Auweiler, über die Entwicklung in den zurückliegenden Jahren sowie über die Gegenwart und Zukunft des geschützten Anbaus.

Spargel & Erdbeer Profi: Herr Linnemannstöns, zum Start Ihrer beruflichen Laufbahn in Köln-Auweiler dominierte zum Teil noch das Kernobst das Versuchsgeschehen. Dann kamen die Beerenfrüchte hinzu. Wann wurden die erste Tendenzen zum Anbau unter Tunneln oder Regenkappen erkennbar?

Ludger Linnemannstöns: Schon zu Beginn der 1990er-Jahre starteten einige Praktiker in Süddeutschland mit der Erdbeerkultur unter Wandertunneln, aber offenbar war zu diesem Zeitpunkt im Handel noch keine Bereitschaft vorhanden, die erforderlichen höheren Preise zu zahlen. Erneute Versuche in der Praxis zu Beginn dieses Jahrtausends verliefen vielversprechender. Ein verändertes Marktverhalten eröffnete die Möglichkeit, die zwingend notwendigen höheren Preise jetzt zu erzielen und damit war der Startschuss für eine kontinuierlich fortschreitende Entwicklung gegeben. Über nahezu ein Jahrzehnt dominierten einfache Verfahren mit Erdbeeren im Wandertunnel das Geschehen.

Mit diesem Kulturverfahren konnte ein um ca. zwei Wochen verfrühter Start in die Erdbeerernte im Vergleich zur abgedeckten Freilandkultur erreicht werden. Es gelang, den Importeuren aus Spanien, Italien - und später aus Marokko -  Marktanteile abzuringen. Das klassische Verfahren war die Dammkultur, überdacht durch Wandeltunnel mit 5,5 bis ca. 8 m Spannweite.

Spargel & Erdbeer Profi: Dieses Verfahren war in den Niederlanden oder Belgien schon lange etabliert. Warum dauerte es solange, bis es in Deutschland Fuß fasste?

Ludger Linnemannstöns: Eine Begründung ist vielleicht im vorgenannten Verhalten des Lebensmitteleinzelhandels gegeben. Eine andere könnte auch in den damaligen Lohnkosten der Saisonarbeitskräfte, die im Vergleich zu den Nachbarländern in Benelux oder Frankreich deutlich niedriger waren, gegeben sein. Darüber hinaus muss berücksichtigt werden, dass zumindest damals meist noch ausreichend Flächen für den klassischen Freilandanbau verfügbar waren.

Spargel & Erdbeer Profi: Wie ist die Entwicklung in der Praxis dann vorangeschritten?

Ludger Linnemannstöns: Seit fünf bis sechs Jahren stellt man bei den Erdbeeren eine Zunahme der Substratkulturen fest, d.h., Substratkultur im Damm und auf Stellagen. Die Entwicklung spiegelt eine kontinuierliche Professionalisierung wieder. Die höhere Pflückleistung, die Planbarkeit der Arbeitsabläufe, die Verlässlichkeit der Lieferfähigkeit und die Tatsache, dass der Tunnel nicht mehr umgebaut werden muss, sind Faktoren, die vielleicht in Zukunft weiter an Bedeutung gewinnen werden, da die Verfügbarkeit geeigneter Saisonarbeitskräfte im Wettbewerb mit anderen Branchen wahrscheinlich eine zunehmende Herausforderung wird. Auch die Folgen des Strukturwandels sind unüberschaubar, sowohl bei Erzeugern als auch im Handel, die Zahl der Beteiligten nimmt stetig ab und aufeinander abgestimmte Prozessabläufe zielen darauf ab, den Faktor „Zufall“ mit all seinen Auswirkungen stetig zu minimieren.

Nach offiziellen Statistiken werden in Deutschland Erdbeeren unter einer geschützten Anbaufläche von ca. 1 000 ha kultiviert. Nach unseren Erfahrungen ist diese Fläche jedoch deutlich umfangreicher. Nach wie vor nehmen die Wandertunnel sicher dabei den größten Flächenanteil ein, doch nach Schätzungen werden schon auf einer Fläche von ca. 300 bis 400 ha Erdbeeren in Substrat auf Dämmen oder Stellagen angebaut. Die Kultur in Stellagen findet aber nicht mehr im Wandertunnel, sondern in fest installierten größeren Tunneln statt.

Spargel & Erdbeer Profi: In welchem Maße hat diese Entwicklung auch die Strauchbeeren erfasst?

Ludger Linnemannstöns: Vor allem bei den Himbeeren, bei denen  nicht die Frühzeitigkeit des Erntebeginns, sondern eher die Stabilität der Früchte und Verlässlichkeit der Lieferung im Vordergrund steht, sind zu einem Vorreiter bei den Strauchbeeren für den geschützten Anbau geworden. Bei den Himbeeren geht man offiziell von einer überdachten Kulturfläche von ca. 250 ha aus, vielleicht ist diese Fläche schon etwas größer, bei Brombeeren schätzt man die Fläche auf ca. 50 ha in geschützter Kultur. Auch Johannisbeeren und Heidelbeeren werden geschützt angebaut. Ein Tunnel ermöglicht bei den Heidelbeeren z.B. eine Ernteverfrühung um ca. drei Wochen und durch eine Überdachung kann die Saison zum Ende entsprechend verlängert werden.

Spargel & Erdbeer Profi: Was ist bei den stabileren Tunneln, wie sie heute z.B. für die Kultur von Himbeeren oder Erdbeeren auf Stellagen verwendet werden, zu beachten?

Ludger Linnemannstöns: Diese stabileren Tunnel können technisch immer hochwertiger ausgestattet werden. Sie sind oftmals höher in ihrer Konstruktion, die Lüftung kann z.B. in Form einer Firstlüftung automatisiert werden, der Antrieb erfolgt dabei über Elektromotoren und eine immer höherwertigere Ausstattung kennzeichnet die Entwicklung. Auch wenn der Standard eines Gewächshauses nicht erreicht wird, ist eine Annäherung in diese Richtung feststellbar, dies zeigt sich auch bei den Erstellungskosten, die aber dennoch deutlich unterhalb der Kosten für ein Gewächshaus liegen. Die Investition in einen hochwertigen Tunnel setzt das Bewusstsein voraus, dass man sich über Jahre bindet. Im Vorfeld muss mit dem Vermarkter abgesprochen sein, dass der Absatz gesichert und die anvisierten Preise realisiert werden können. Eine betriebswirtschaftliche Beurteilung muss den Faktor der Liquidität im Betrieb zwingend berücksichtigen, denn hohe Investitionen, die nicht ins Verhältnis zum Gesamtumsatz passen, können zu erheblichen wirtschaftlichen Engpässen führen.

Spargel & Erdbeer Profi: Welche Rolle spielt bei diesen gärtnerischen Kulturen im Substrat der „Grüne Daumen“?

Ludger Linnemannstöns: Das Produktionsrisiko bei diesen gärtnerischen Kulturverfahren ist nicht mit anderen Verfahren in Bodenkultur vergleichbar. Eine fundierte fachliche Beratung – z.B. durch Kollegen unserer Landwirtschaftskammer in NRW – ist unumgänglich.

Wenn früher in „schlechten Jahren“ keine Gewinne erwirtschaftet wurden, hielt sich das Risiko für Verluste oft in Grenzen, da die Vorkosten meist überschaubar waren. Wenn jedoch bei sehr hohen Vorkosten die Erträge nicht erwirtschaftet werden, besteht die Gefahr, dass hohe Verluste entstehen. Alleine das Pflanzgut kann bei einer Himbeer-Long-Canes-Kultur schon 35 000 € bzw. bei einer Erdbeerkultur mit Traypflanzen schon 45 000 € Kosten/ha verursachen. Wer mit einer Substratkultur beginnt, sollte dies schrittweise angehen und eigene Erfahrungen sammeln.

Spargel & Erdbeer Profi: Welche Aspekte sollten bei der Kultur in Substrat besonders beachtet werden?

Ludger Linnemannstöns: Besonders wichtig ist eine sorgfältige Planung für Bewässerung und Düngung, dies sollte nicht ohne fachliche Begleitung geschehen. Oftmals werden die Kulturen am Anfang zu „nass“ gefahren, d.h., die Pflanzen leiden bzw. sterben am ehesten durch Fehler in der Bewässerung und nicht, wie häufig vermutet, durch Fehler bei der Düngung. Manchmal wird zu Beginn der Kultur nicht konsequent auf eine gute Klimatisierung geachtet und die Temperaturen sind zu hoch.

Als manchmal schwierig hat sich eine Situation herausgestellt, in der ein Betriebsleiter sowohl für die Freilandkulturen, die geschützten Kulturen im Boden und die Substratkulturen zuständig ist. Bei der Substratkultur ist eine andere Herangehensweise gefordert. Das Kultivieren in Substrat erfordert gärtnerisches Feingefühl für das Wachstum der Pflanzen.

Spargel & Erdbeer Profi: Als Vorzug des geschützten Anbaus gilt die Möglichkeit zur Reduzierung des Einsatzes von Pflanzenschutzmitteln und der Einsatz von Nützlingen – wo liegen die Grenzen dieser Möglichkeiten?

Ludger Linnemannstöns: Nützlinge werden heute von zahlreichen Betrieben im geschützten Anbau eingesetzt. Um auf einen Einsatz von Insektiziden gänzlich zu verzichten, müssen hohe Voraussetzungen an die Klimaführung erfüllt sein. Ein Glasgewächshaus bietet da bessere Möglichkeiten. Ohne den Einsatz von Nützlingen wären im geschützten Anbau einige tierische Schaderreger nicht gut in den Griff zu bekommen. Zu bedenken ist jedoch, dass beim Nützlingseinsatz zum Teil nicht unerhebliche Kosten entstehen. Bei den pilzlichen Schaderregern ist Botrytis meist kein oder nur ein sehr geringes Problem im geschützten Anbau. Dafür bereitet Mehltau zum Teil größere Probleme. Zur Bekämpfung haben sich hier einige Biologica, wie z.B. Formulierungen mit Kaliumhydrogencarbonat, in der Praxis bewährt.

Spargel & Erdbeer Profi: Welche Bedeutung hat der Aspekt „Kontinuität“, wenn man über den geschützten Anbau redet?

Ludger Linnemannstöns: Kontinuität bedeutet in diesem Zusammenhang Konstanz der Lieferfähigkeit und Optimierung der Fruchtqualtität und Haltbarkeit. Für den Kunden am Direktvermarkterstand oder den Lebensmitteleinzelhandel sind dies besonders wichtige Aspekte. Kontinuität bedeutet aber auch Verlängerung der Saison oder die Möglichkeit, z.B. Himbeeren zu ernten, wenn es regnet, um den Markt weiter zu beliefern.

Spargel & Erdbeer Profi: Und wie schneidet der geschützte Anbau bei der „Nachhaltigkeit“ ab?

Ludger Linnemannstöns: Diesen vielfach verwendeten Begriff muss man differenzieren: Bezogen auf den Flächenverbrauch benötigt man zur Ernte von 500 t Erdbeeren ca. 30 ha Fläche im Freiland, ca. 10 ha Fläche als Stellagenkultur und ca. 4 ha Glashausfläche. Wasser und Dünger können bei der Substratkultur sehr gezielt und ressourcenschonend eingesetzt werden, wenn das Dränwasser aufgefangen und recycelt wird. Dem Vorzug der Einsparung von Arbeitskräften und den besseren Arbeitsbedingungen bei einer Stellagenkultur steht die Nutzung des Substrates entgegen.

Spargel & Erdbeer Profi: Und wie könnte die Zukunft aussehen?

Ludger Linnemannstöns: In den letzten Jahren hat der geschützte Anbau eine dynamische Entwicklung erlebt, die gegenwärtig fortgesetzt wird. Durch den Wechsel auf höherwertige Tunnelsysteme und die Kultur auf Stellagen können Ernteverfahren, Klimasteuerung und Transportwege in Zukunft nocht weiter verbessert werden. Heute werden ca. 20 % unserer Erdbeeren im geschützten Anbau kultiviert, in zehn Jahren könnten dies vielleicht schon 40 bis 50 % sein. Nach meiner Einschätzung wird bei Himbeeren der Freilandanbau nahezu zum Erliegen kommen und ähnlich wie bei Brombeeren, werden auch Himbeeren in Zukunft fast ausschließlich im Tunnel oder unter Überdachung angebaut werden.

Spargel & Erdbeer Profi: Wie können die Erzeuger auf die Kritik der Gesellschaft an der Beeinträchtigung von Landschaft und Umwelt reagieren?

Ludger Linnemannstöns: Ich bin der Meinung, dass es wichtig ist, die lokale Bevölkerung „mitzunehmen“, die Menschen aufzuklären und ihnen die Türen zu öffnen. Wir sollten imagebildend, lokal arbeiten, Blühstreifen anlegen, den Menschen die wirtschaftliche Erfordernis erklären, Tunnel oder Überdachungen möglichst angepasst an das Landschaftsbild und die Bevölkerungsstruktur errichten und offen mit den Bürgern kommunizieren.

Thomas Kühlwetter