08.06.2018

Was für eine Saison!

Thomas Kühlwetter

Einen solchen Verlauf der bisherigen Spargelsaison hätte sich wohl niemand gewünscht, aber die Fakten sprechen nun einmal für sich. Ein später Stechbeginn unter Minitunneln und eine anschließende, nicht enden wollende Wärmeperiode – das Resultat waren volle Lager und extrem niedrige Preise im Einzelhandel. Auch bei den Erdbeeren hat die Witterung dafür gesorgt, dass die für einen erfolgreichen Ernteverlauf erforderliche zeitliche Splittung des Angebots nicht eintrat und die gleichzeitige Ernte aus verschiedenen Regionen und Anbauverfahren zu einem großen Angebot führte. Weder die Spargel- noch die Beerenanbauer können also zufrieden sein.

Zu den ohnehin schon schwierigen Marktgegebenheiten kommen noch vielerorts Schwierigkeiten in der Verfügbarkeit einsatzbereiter Saisonarbeitskräfte hinzu. Der Ruf, die Grenzen weiter nach Osteuropa hin zu öffnen, ist unüberhörbar und vor dem Hintergrund der Situation auf den Betrieben mehr als berechtigt.

Viel schlimmer hätte der bisherige Saisonverlauf kaum ausfallen können. Das üppige Warenangebot überstieg die Absatzmöglichkeiten über die Direktvermarktung, die Gastronomie und Wochenmärkte sowie über den Einzelhandel. Die Lager waren voll und die Großmärkte wurden – wie schon so oft zuvor – als Ventil genutzt, nur deutlich intensiver noch, als sonst üblich.

Die Folge war, dass insbesondere auf Großmarktebene im eigentlichen Sinne weder eine nachvollziehbare Preisbildung stattfand, noch eine für den Markt so notwendige echte Entlastung geschaffen wurde. Wenn auf diese Weise zustande gekommene Großmarktpreise als Richtwert für eine Vermarktung über andere Absatzkanäle herangezogen werden, hat ein auf unternehmerischen Grundsätzen basierter Anbau keine Chance mehr.

Ein sicher grundsätzlicher Fehler wäre es, die Gegebenheiten des bisherigen Saisonverlaufes als exemplarisch für die kommenden Jahre vorauszusetzen. Schwierige Saisonverläufe hat es auch in zurückliegenden Jahren immer wieder gegeben, aber die Betriebe haben ihre eigenen Strategien entwickelt, damit umzugehen: Sie haben eigene Vermarktungswege mit einem hohen Anteil an Direktvermarktung, eine eigene Gastronomie oder die Dienstleistung in Richtung Convenience (Stichwort: geschälter Spargel) auf- und ausgebaut und damit die Betriebe krisensicherer gestaltet. Sie haben ihre Produkte damit auch schon lange aus der Anonymität herausgehoben und ihnen eine unverwechselbare Stellung im Markt verliehen.

Aber – und dies zeigt der bisherige Saisonverlauf 2018 sehr deutlich – Märkte sind endlich und Produkte, die in den Augen des Verbrauchers ein ausgesprochen hohes Ansehen genießen, können bei einem großen inländischen Angebot, das zudem noch durch völlig überflüssige Angebote von Beeren aus Südeuropa oder Marokko bzw. Spargel aus Polen erhöht wird, an Wertschätzung verlieren, von der Wertschöpfung einmal ganz zu schweigen.

Auf der Suche nach den Ursachen wird die Branche und der Handel sich einigen Fragen kritisch stellen müssen. Warum wird der Angebotsdruck nochmals durch Importe erhöht, wenn ausreichend inländische Ware auf dem Markt ist?

Und wer auf Erzeugerseite das Angebot erhöht, darf die Vermarktung nicht aus den Augen lassen. Dabei ist das Marketing in vielen Bereichen des Direktabsatzes häufig schon perfekt und auf den Betrieben werden die unterschiedlichsten Maßnahmen und Kommunikationswege ergriffen, um die eigenen Kunden anzusprechen und auf die Höfe oder an die Verkaufsstände zu holen. Doch dies ist nur eine Seite der Vermarktung, denn die Absatzmengen über den Einzelhandel übertreffen den Direktabsatz deutlich. Wie schaut das Marketing für Spargel oder Beerenfrüchte im Einzelhandel aus? Zu 99 % ist eine Produktabbildung mit einem danebenstehenden Preis.

Ist dies tatsächlich die Werbung, die Sie sich für „Ihr“ Produkt wünschen? Wer ein Premiumprodukt auch als solches vermarkten möchte, sollte auch bereit sein, für das Marketing ein entsprechendes Budget bereit zu stellen. Beispiele gibt es, wie die Apfelmarke Pink Lady® oder die Kiwimarke Zespri®, die über 10 % des Warenumsatzes ins Produktmarketing steckt. Vielleicht ist es an der Zeit, auch über solche Dinge einmal nachzudenken.

Dies alles darf aber nicht darüber hinwegtäuschen, wie die Situation auf den Höfen in dieser schwierigen Saison ist: Lang anhaltende Hitzeperioden, Wetterextreme mit Überschwemmungen und Hagelschlag, Niedrigpreisphasen, Importe, die den Preisdruck während der Hochsaison nochmals erhöhen, ein Mangel an gut ausgebildeten Führungskräften und motivierten Saisonmitarbeitern, hoher Kapitaleinsatz, lange Arbeitstage – die Belastungen physisch und auch psychisch sind oftmals enorm. Ein wenig mehr Anerkennung der Gesellschaft für unsere Produkte und die Menschen, die dahinter stehen, wäre manchmal sicher wünschenswert.

 

Ein Fehler wäre es, die Gegebenheiten des bisherigen Saisonverlaufes als exemplarisch für die Zukunft vorauszusetzen.