05.08.2022

Wassergewinnung durch Klimalandwirtschaft?

Hans Koch und Uwe Klug utnersuchen ein Feld mit vertrockneten Weihnachtsbäumen
Foto: Fillies/IGW

Deutschland stöhnt Anfang August unter der x-ten Hitzewelle, und die niedrigen Pegel der Gewässer zeugen vom seit Monaten dauernden Regenmangel. Der Deutsche Wetterdienst (DWD) beurteilt den Juli 2022: „deutlich zu warm, erheblich zu trocken sowie sehr sonnig“. Regionale Hitzerekorde, Dürre und Feld- und Waldbrände waren die Folge, die Landwirtschaft rechnet mit Ernteeinbußen. Die Trockenheit werde bis September anhalten, sagt der DWD vorher. Der Deutsche Bauernverband meldet im ersten Erntebericht 2022 vom 19. Juli Trockenschäden mit Schwerpunkt beim Weizen; der Mais kümmere und der für die Viehfütterung wichtige Grünlandschnitt stehe in Frage. „Es ist höchste Zeit für die Klimalandwirtschaft“, sagt der Münchner Agraringenieur Hans Koch: Mit den richtigen Bei- und Untersaaten könne auf natürliche Weise der Ernteertrag gesichert und Wasser gewonnen werden.

Vor wenigen Tagen erhielt der Agraringenieur einen Anruf von Uwe Klug aus Mittelsinn (Lkr. Main-Spessart). Er ist einer der größten Weihnachtsbaumanbauer in Süddeutschland. Vor drei Jahren hat er begonnen, seine rund 100 Hektar auf Kochs Konzept der „dienenden Pflanzen“ umzustellen und damit bisher gute Erfahrungen gemacht – Herbizide und Kunstdünger müssen in den mit bestimmten Kräutern und Gräsern eingegrünten Christbaumkulturen nicht mehr eingesetzt werden. Jetzt aber sind etwa 90 Prozent der diesjährigen Neuanpflanzung vertrocknet. Hans Koch überraschte die Nachricht aus Nordbayern nicht, denn der 58-Jährige beschäftigt sich auch mit dem Klimawandel. Er weiß von Trockenschäden in großen Teilen der deutschen und europäischen Landwirtschaft.

DWD: Frühjahrstrockenheit nimmt zu

Die Bodenfeuchte nimmt seit Jahren bis in die Tiefe ab, was beispielsweise bereits die mitteleuropäischen Waldbestände schädigt, wie Satellitendaten des DWD belegen. In der Klimapressekonferenz des DWD Ende März in Berlin wies Vorstandsmitglied Tobias Fuchs auf einen weiteren besonders bedenklichen Aspekt des Klimawandels hin: „Die Frühjahrstrockenheit nimmt in Deutschland deutlich zu. (…) Trockenheit in einem Zeitraum, in dem die Vegetation erwacht und einen hohen Bedarf an Wasser hat, führt zu erheblichen Beeinträchtigungen bei der Pflanzenentwicklung.“

Besonders betroffen vom sogenannten Trockenstress sind Jungpflanzen. Verdorrte, braune Nordmann-Tännchen stehen zuhauf auf Klugs Anbauflächen im Spessart. Hält die Trockenheit an, womit laut DWD zu rechnen ist, werden auch noch die wenigen restlichen Jungpflanzen eingehen. Schon werden sogar Bäumchen braun, die im vergangenen Jahr gepflanzt wurden. Am Dienstag dieser Woche begutachtete Hans Koch das Desaster in Mittelsinn. Beim Gang über die zerstörten Christbaumfelder knistern die ebenfalls trockenen Kräuter unter den Schuhen. Aber sie enthalten im Gegensatz zu den Tännchen noch Restfeuchte und würden sich erholen, wenn endlich Regen fällt, sagt Hans Koch.

Könnten diese Gräser und Kräuter, die eigentlich zur Förderung der Tannen gesät wurden, ihnen das wenige Wasser entzogen haben? Agraringenieur Koch verneint die Frage und gräbt zum Beweis an einigen Stellen den Boden um: Intakte Wurzeln beispielsweise der Wegwarte wickeln sich um die kleinen Pfahlwurzeln der Nordmann-Setzlinge. Diese Pflänzchen nähmen mehr Feuchtigkeit zum Beispiel über den Tau auf, als sie selbst brauchen, und leiten diese Feuchtigkeit zu den Nutzpflanzen hin. Entscheidend hierfür sei die Saugwurzelspannung der Pflanzen: Die der Nutzpflanze muss höher sein als die des Begleitgrüns. Wäre dieser Begleitwuchs auf Klugs Flächen einige Jahre älter, wäre auch die Bodenfeuchte höher – womöglich ausreichend, um die Tännchen eine lange Trockenperiode überstehen zu lassen.

Offener Boden stirbt

Was tatsächlich passiert ist, erklärt der Boden-Fachmann anhand anderer Beispiele: So sind die Pfahlwurzeln der vertrockneten Tännchen u-förmig nach oben gebogen – ein Zeichen dafür, dass diese Wurzeln schon kurz nach der Pflanzung im April den zu harten, weil zu trockenen Boden nicht nach unten durchdringen konnten. Der Stich in die Erde mit einem Penetrometer belegt diese Erklärung. Gießversuche zeigen, dass dicht bewachsene Stellen das Wasser sofort aufnehmen und in die Tiefe leiten; auf kahlen Stellen läuft das Wasser weg oder es verdunstet in der Mittagshitze. Während sich ein Pflanzenteppich kühl anfühlt, ist offener Boden heiß. Die braune Oberfläche erreiche bei Sonneneinstrahlung leicht Temperaturen von 60 Grad und mehr, was das gesamte Leben in der oberen Bodenschicht absterben lasse, erklärt Hans Koch. Dazu kommen die hohe Verdunstung und Erosion bei Wind.

Das Gegenteil müsse erreicht werden, postuliert der 58-Jährige: Eine dichte Decke „dienender Pflanzen“, die den Boden halten und lockern, die Regen aufnehmen und in tiefere Bodenschichten ableiten, die Tau auffangen (bis zu 100 Liter pro Quadratmeter im Jahr) und die bei Starkregen ein Abschwemmen des Bodens verhindern. Das funktioniere nicht nur in Dauerkulturen wie dem Weihnachtsbaum- und Weinanbau, sondern in abgewandelter Form generell in der Landwirtschaft. Wichtig sei es, Böden nie über längere Zeit offen zu lassen. Aktuell habe er dies mit Raps bewiesen, so Koch. Hier sei ein um 9 bis 17 Prozent höherer Ertrag zu erzielen. Mit der Zeit vergrößern Untersaaten die Humusschicht, die nicht nur fruchtbar, sondern auch ein Wasserspeicher ist. Der Beleg dafür ist auch auf den Flächen von Uwe Klug zu sehen: Im unteren Teil neu bepflanzter Hänge sind vereinzelt noch grüne Tännchen zu sehen, was Hans Koch damit erklärt, dass hier durch angeschwemmten Boden die Humusschicht größer ist.

Klimalandwirtschaft ohne staatliche Förderung

Der 58-jährige Agraringenieur erforscht seit 40 Jahren die chemischen und biologischen Prozesse im Boden und leitet daraus Handlungsempfehlungen ab, die er unter dem Begriff Klimalandwirtschaft zusammenfasst, da sie der Landwirtschaft und dem Umweltschutz gleichermaßen dienen: Eine dichte Decke der richtigen Pflanzen schützt vor Bodenerosion, entzieht der Luft das Treibhausgas CO2 und speichert es im stetig anwachsenden Humus; sie schützt bei Starkregen vor Abschwemmung, Auswaschung und Hochwasser, nimmt viel Wasser auf und leitet es in den aufnahmefähigen, weil lockeren Boden. Koch ist unter anderem Berater der Interessengemeinschaft der Jungweihnachtsbaumanbauer (IGW), die 67 Mitgliedsbetriebe in Deutschland und Österreich hat und deren Zweiter Vorsitzender Uwe Klug ist.

Dass seine Neuanpflanzungen nicht zu retten sind, wusste der Mittelsinner schon vor dem Besuch des Bodenfachmanns Koch. Er hatte für Klug keinen anderen Rat, als die Flächen jetzt zu mulchen und im Herbst erneut zu bepflanzen. Der so dringend benötigte Regen sollte sich dann einstellen. Der Mittelsinner, der in seinem Betrieb vor drei Jahren die Untersaaten als Pilotprojekt eingeführt hat, hält an der Bewirtschaftungsmethode fest, obwohl sie für das spezielle Saatgut und die aufwendige Pflege in etwa dreimal so hohe Kosten wie der konventionelle Weihnachtsbaumanbau verursacht. Dafür erhalten Klug und seine IGW-Kollegen, die inzwischen ebenfalls umgestellt haben, keinerlei staatliche Förderung etwa aus dem Kulturlandschaftsprogramm, obwohl ihre Leistungen wie Grundwasserneubildung und Erosionsschutz dem Allgemeinwohl dienen.

Quelle: Interessengemeinschaft der Jungweihnachstabaumanbauer e.V. (IGW)