08.01.2020

Wittenberg: 900 000 Erdbeerpflanzen unter Glas

Auf 8,5 ha wurden seit Ende September im größten Gewächshauskomplex Deutschlands in Wittenberg Erdbeeren gepflückt. Bis Dezember sollte die Ernte laufen – und im März beginnt sie wieder.

Dr. Helmut Rehhan ist Geschäftsführer der auf Neubauprojekte in der Agrarbranche spezialisierten Unternehmensberatung UBM. Er hat den Neubau in Wittenberg und den Produktionsbeginn organisiert
Foto: Heinz

Als im Jahr 2013 am Rande der Lutherstadt Wittenberg (Sachsen-Anhalt) die ersten zwei Gewächshäuser mit insgesamt 15 ha in Betrieb gingen, dachte noch niemand ernsthaft über Erdbeeren nach. Im Unter-Glas-Anbau der Wittenberg Gemüse GmbH drehte sich anfangs alles um Tomaten und Paprika. Im März 2016 war Baubeginn für weitere 7,5 ha unter Glas, der Neubau ging Ende 2017 in die Produktion und auch hier wachsen ausschließlich Paprika und Tomaten, wenn auch mit breitem Sortenspektrum. Dritte von vier Bauphasen vollendetNun also ist vor einigen Monaten abermals ein Gewächshaus in Betrieb gegangen – und hier zogen im August 2019 auf 8,5 ha 900 000 Erdbeerpflanzen ein. Seit Oktober wird geerntet. Das ist für Sachsen-Anhalt ein neuer Flächenrekord der Erdbeererzeugung im Gewächshaus; rund 160 000 Pflanzen setzte die Wimex GmbH in Altenweddingen ebenfalls im August 2019 auf 1,6 ha unter Glas.    Das Objekt in Wittenberg gehört zwei niederländischen Familien der Wittenberg Gemüse GmbH. Manager des Neubaus und Organisator des Produktionsbeginns ist Dr. Helmut Rehhahn, Geschäftsführer der auf Neubauprojekte in der Agrarbranche spezialisierten Unternehmensberatung UBM in Altenweddingen bei Magdeburg. Mit der Vollendung des Gesamtprojektes haben die Investoren rund 32 Mio. € in die Hand genommen, davon den Großteil während der ersten, die Infrastruktur schaffenden Bauphasen. Dies war besonders aufwändig, weil das Gelände an einem Hang liegt und die Fläche in drei Terrassenebenen ausgebaut werden musste. Neben den Gewächshäusern gehört zu jedem Projekt ein sich unmittelbar anschließendes Logistikzentrum. Schon im Jahr 2013 waren zugleich mit den ersten beiden Gewächshäusern alle Infrastrukturmaßnahmen für das Gesamtobjekt abgeschlossen. So werden die Gewächshäuser über Wärmetauscher durch die Abwärme der benachbarten Stickstoffwerke Piesteritz (SKW) beheizt. Diese Leitung lag ebenso von Anbeginn für alle 40 ha wie die Gasleitung für gereinigtes CO2 aus dem Chemiebetrieb. Die Lieferungen sind über langfristige Verträge gesichert. Sauberes Wasser bieten Grundwasser-Brunnen auf dem nahe der Elbe gelegenen Gelände. Das Regenwasser, das über die Dachflächen aufgefangen wird, dient – ohne Aufbereitung - zur Kühlung der Gewächshäuser, indem es an heißen Tagen außen aufgesprüht wird. LED-Beleuchtung wird ausschließlich bei den Erdbeeren eingesetzt und da auch nur, so Rehhahn, in geringer Stärke als Aufwachimpuls im Frühling. Zudem sorge ein spezielles Glas im Erdbeergewächshaus für diffuses, heller wirkendes Licht.Ein Prozent im Hofladen-TestVermarktet wird nur ein kleiner Teil der Produktion über den Hofladen. „Der ist für uns vor allem das Labor für die Marktforschung direkt am Verbraucher“, erläutert Rehhahn. Schaut man auf die fast immer vor dem Verkaufs-Container wartenden Kunden, dürften die Forschungsergebnisse positiv ausfallen. Der Laden ist inzwischen jeden Wochentag geöffnet; was den Automaten überflüssig machte. Über 99 % der Ernte kommt über die Ketten des LEH an die Verbraucher. Das ist auch bei den Erdbeeren so. Die Abläufe bei den Erdbeeren sind festgezurrt: Nach dem Ende der Ernte Anfang Dezember wird die eine Hälfte des Gewächshauses neu bepflanzt, sodass sowohl Pflege- als auch der Erntezeitpunkt in der Spitze entzerrt werden. Dabei denkt das Unternehmen, dessen Erdbeer-Spezialist der aus Hessen an die Elbe umgezogene Tomas Paznokas ist, darüber nach, nicht wie bei der Erstbepflanzung ausschließlich `Elsanta´ zu pflanzen. Im anderen Gewächshausbereich geschieht der Wechsel nach der Frühjahrsernte 2020. Über Personalmangel klagt Rehhahn dabei nicht: „Unsere rund 300 Mitarbeiter stammen zumeist aus Polen; aber sie sind keine Saisonkräfte, sondern leben fast rund ums Jahr hier in Wittenberg. Mit einem präzisen Leistungs-Erfassungs-System und einem Jahres-Arbeitszeit-Konto puffern wir die Saisonschwankungen ab, die zudem durch den Erdbeeranbau noch geringer geworden sind. Von Beginn an zahlen wir mehr als den für die Branche festgelegten Mindestlohn, der noch durch leistungsabhängige Zuschläge aufgebessert werden kann.Nach 24 Stunden im RegalDer Start in die erste Erdbeersaison verlief wie geplant: 5 bis 10 t – in der Spitze 15 t - wurden täglich geerntet, heruntergekühlt, für den LEH in Schalen von 400 g verpackt, erneut gekühlt und an den LEH geliefert. Die Kapazität von Kühlräumen und Verpackungsanlage umfasst 15 t täglich. „Die Erdbeeren aus der Region kommen auch außerhalb der klassischen Saison beim Verbraucher gut an“, sieht sich Rehhahn korrigiert, der anfangs nicht nur mit seiner eigenen Skepsis, sondern auch mit der Orderzurückhaltung seiner Kunden zu kämpfen hatte. „Alle Prognosen sagen, dass der Markt der Sommer-Erdbeeren ausgeschöpft ist. Aber dass wir bis in den Winter hinein ausreichend Genießer finden, war nicht von vornherein sicher.“ Geholfen haben dabei Medienberichte, vermutlich auch, weil sie die Nachhaltigkeit der Produktion thematisierten.     Am Ende 40 ha überdachtKomplett sein wird der Komplex im Jahr 2021, wenn das letzte Gewächshaus steht. Damit wären auch die 40 ha, die als überbaubare Fläche zur Verfügung stehen, ausgenutzt. Was nicht heißt, dass es die Wittenberg Gemüse GmbH dabei belässt. „Dann widmen wir uns dem Anbau in Folientunneln auf bereits dem Unternehmen gehörenden weiteren 20 bis 25 ha in der Nähe von Wittenberg. Dort sollen ebenfalls Erdbeeren auf Stellagen wachsen.“ Die Erdbeere aus Wittenberg kommt übrigens ebenso wie die vom Unternehmen erzeugte „Luther-Tomate“ unter dem Namen des Reformators auf den Markt. Was soll’s, dass der keinesfalls die Tomate bzw. bestenfalls die Walderdbeere genossen hat? Das Logo mit dem opulenten Herren fällt jedenfalls ins Auge.  

Marlis Heinz


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