08.01.2020

Wohin geht die Reise?

Wenn die vorausgegangenen Unternehmertage Spargel & Erdbeer unter dem Titel „Eine Branche am Wendepunkt“ standen, so trifft dies aus aktuellem Blickwinkel wahrscheinlich einen Nerv der Zeit. Nicht eine, sondern viele Branchen stehen an einem Wendepunkt. Und nicht allein die Digitalisierung, sondern auch eine z.T. emotional getriebene Ökologiesierung, die viele der hochgepriesenen Zukunftsforscher vor einigen Jahren noch nicht auf der Agenda hatten, wird zu einer der bestimmenden Größe in der Ausrichtung unserer zukünftigen Lebens- und Gesellschaftsform. Dies gilt sicher nicht gleichermaßen für alle Kontinente. Während der Eindruck entsteht, dass die Europäer mit tonangebend sind, herrscht in den aufstrebenden Schwellenländern Südamerikas, in China oder Indien ein völlig anderer Zeitgeist. Statt auf Nachhaltigkeit und Ökologie zu setzen, werden dort landwirtschaftliche Produktionsverfahren intensiviert, um die heimische Bevölkerung in den Genuss höherwertiger Lebensmittel bzw. in die Gunst des Fleischverzehrs zu bringen. Oder aber, um auf den Exportmärkten im Zuge der Preisführerschaft andere Wettbewerber aus den Märkten zu drängen. In Europa laufen die Uhren jedoch anders. Die Kluft zwischen der Realität auf den Höfen und den Vorstellungen, die viele Menschen vom Leben auf den Höfen haben, wird immer größer. Ein nicht zu unterschätzender Teil der Bevölkerung will eine deutliche Abkehr vom bisherigen System erzwingen. Ob man dies gutheißt oder nicht, ein „weiter so“ wird es mit großer Wahrscheinlichkeit nicht langfristig geben. Dabei sind der Unmut und die nicht enden wollenden Proteste der Landwirte mehr als berechtigt und die Solidarisierung in der Branche schon einmalig. Alleine dazu bedarf es eines großen Respekts.Auch die Solidarität in der Gesellschaft und das Verständnis für die Sorgen und Nöte der Landwirte sind bemerkenswert. Doch „die“ Gesellschaft gibt es nicht. So vielschichtig wie die Ergebnisse nach Abstimmung bei Wahlen sind, sind auch die Vorstellungen und Forderungen „dieser“ Gesellschaft. Am Ende werden sich Landwirte und auch Sonderkulturbetriebe, auf denen Spargel oder Beerenfrüchte erzeugt werden, dem Trend zur Ökologiesierung und nachhaltigeren Wirtschaftsweise nicht komplett widersetzen können. Diejenigen in der Gesellschaft, die unabhängig davon, ob ihre Beweggründe sachlich fundiert, emotional oder ideologisch begründet sind, stellen auch ein großes und nicht zu unterschätzendes Kundenpotential von heute dar, das in Zukunft wahrscheinlich noch weiter wachsen wird. Auch der Einzelhandel, der gegenwärtig noch vorwiegend preisorientiert agiert, wird sich langfristig diesem Trend nicht widersetzen können und den Aspekten Nachhaltigkeit und Ökologie in Zukunft wahrscheinlich höheren Stellenwert beimessen, und dies nicht nur in Form plakativer Attitüden. Veränderungen haben seit jeher gesellschaftliche Entwicklungen geprägt – sie schüren die Angst, das Gegenwärtige in Gefahr zu bringen. Sie eröffnen auf der anderen Seite aber auch die Chance, der Zukunft einen Schritt näher zu treten.

Thomas Kühlwetter

Kernsatz:„Dem Trend zur Veränderung wird man sich nicht komplett widersetzen können.“


 

Ausgabe 01/2020

Service

Quicklinks