24.01.2023

Zeitung "Die Welt": Der Eigenmarken-Effekt

Foto: Scheel

Die Verbraucher in Deutschland müssen sich weiter auf steigende Lebensmittelpreise einstellen. „Der Kostendruck ist unverändert hoch“, sagt Christian Janze, Partner bei der Beratungsgesellschaft EY und dort zuständig für das Agribusiness, am Rande der weltgrößten Landwirtschaftsmesse Grüne Woche in Berlin.

Als Gründe nennt der Experte ein weltweit weiterhin knappes Angebot und zum anderen geopolitische Restriktionen, die zu hohen Preisen bei zum Beispiel dringend benötigten Futter- und/oder Düngemitteln führen. Und 2023 könnten landwirtschaftliche Betriebe nicht mehr von alten Verträgen profitieren, die noch vor Kriegsbeginn und damit zu deutlich besseren Konditionen geschlossen wurden. „Die Vorräte sind jetzt aufgebraucht.“

Wie hoch der Preisdruck zuletzt war, zeigen Zahlen des Statistischen Bundesamtes. Danach haben sich Nahrungsmittel im Dezember um fast 21 % verteuert, verglichen mit dem Vorjahresmonat. Auf Jahressicht lag die Lebensmittelinflation 2022 bei 13,4 %, melden die Statistiker.

Zwar dürften die monatlichen Steigerungsraten absehbar geringer ausfallen, allein schon, weil die Vergleichsbasis eine andere ist. Rückläufig sind dann aber nur die erneuten Aufschläge – nicht die Preise selbst.

Landwirte und Lebensmittelhersteller bereiten die Bevölkerung daher schon vor. „Die Preise werden und müssen weiter steigen“, sagt Joachim Rukwied, der Präsident des Deutschen Bauernverbandes (DBV), mit Verweis auf hohe Kosten. Zum Beispiel für Energie. „Sie zwingen die Industrie langsam in die Knie“, warnt Christian von Boetticher, der Vorsitzende der Bundesvereinigung der Deutschen Ernährungsindustrie (BVE).

„2022 war noch eine Mischkalkulation mit alten 2021er-Preisen. Die Spitzen der Preise 2022 machen sich auch 2023 noch bemerkbar und schlagen durch“, warnt von Boetticher, demzufolge die Herausforderungen für die Branche noch nie so groß waren wie jetzt.

Das hängt nicht zuletzt auch mit dem Verhalten der Verbraucher zusammen, die ihr Einkaufs- und Konsumverhalten in den vergangenen Monaten stark verändert haben. Gefragt sind vor allem günstige Handelsmarken und Preiseinstiegsware. Bio-Produkte dagegen bleiben weitgehend in den Regalen liegen, gleiches gilt vielfach auch für regionale Spezialitäten.

„Das aber ist eine kontraproduktive Entwicklung für die agrarpolitischen Ziele in Deutschland“, sagt Louisa von Plettenberg vom Department für Agrarökonomie und Rurale Entwicklung an der Georg-August-Universität Göttingen. Bundeslandwirtschaftsminister Cem Özdemir (Grüne) jedenfalls plant, den Anteil von Bio-Lebensmitteln bis zum Jahr 2030 auf 30 Prozent zu steigern.

Bedarf an konventionell erzeugten Agrarprodukten steigt

Tatsächlich steigt nun der Bedarf an konventionell erzeugten Agrarprodukten. Und um die in ausreichender Menge und damit möglichst effizient produzieren zu können, sind ausreichend Düngemittel nötig. Weltweit größter Produzent dafür ist aber Russland, das angesichts des Ukraine-Krieges vielerorts als Handelspartner weitgehend ausscheidet.

Auch China zählt zu den größten Düngemittelproduktionsländern, wie das aktuelle Konjunkturbarometer Agribusiness von EY zeigt. „Das ist ebenfalls ein Markt, bei dem westliche Abnehmer zunehmend von schwierigeren Handelsprozessen ausgehen“, sagt Experte Janze, der von „politisch geprägten Märkten“ spricht.

„Gerade mit Blick auf die aktuelle geopolitische Lage zeigt sich, wie fragil und abhängig die Agrarproduktion hierzulande in gewissen Bereichen ist. Die Frage wird dabei sein: Wie viel ist den Verbrauchern und der Gesellschaft insgesamt ein unabhängiges Agribusiness wert?“

Auch Bauernpräsident Rukwied mahnt deswegen ein anderes Konsumverhalten an. Denn die auch politisch gewollte Weiterentwicklung der Landwirtschaft könne nur funktionieren, wenn höherwertige heimische Produkte auch gekauft würden. Minister Özdemir schlägt vor, die Mehrwertsteuer auf pflanzliche Lebensmittel wie frisches Obst, Gemüse und Hülsenfrüchte abzuschaffen.

Quelle: www.welt.de