24.06.2014
Erwinia in Erdbeeren
von Philip Lieten, Fragaria Holland
Rund um die Jahrtausendwende wurden in Belgien sporadische Infektionen von Erdbeeren mit Erwinia-und Pseudomonas-Bakterien beobachtet, besonders bei `Elsanta´ Durchkulturen und vereinzelt, bei `Clery´ Frühjahrskulturen in Tunneln. Typisch für die Bakterieninfektionen waren die eingeschnürten Blütenstängel sowie verkrüppelte, braun verfärbte Früchte, aus denen Öltröpfchen und Schleim drangen. Damals wurden die bakteriellen Infektionen als sekundär eingestuft (nach Analysen von PCF, Belgien). Schließlich gab es neben der Infektion auch noch andere Ursachen, die die Pflanzen geschwächt und somit anfälliger gemacht hatten (wie im Spargel & Erdbeer Profi 1/03 berichtet) – eigentlich also nichts Neues, immerhin gab es fast zeitgleich Meldungen von Erwinia amylovora-Fällen (Feuerbrand) bei Erdbeerkulturen in Bulgarien. Seit dem Jahr 2008 jedoch trat bei einigen niederländischen Gewächshausbetrieben in größerem Umfang Bakterienbefall auf, der verantwortlich für Fruchtverformungen und Schleimfäule war. Als im Juni und Oktober 2013 dieser Befall an Blüten und Früchten wiederholt massenhaft auftrat, ergab eine Studie der Universität Wageningen (WUR), die in Zusammenarbeit mit der niederländischen Behörde für Waren- und Kundensicherheit (NVWA) durchgeführt wurde, dass es sich bei dem Befall um Bakterien der Art Erwinia pyrifoliae handelte. Das Novum daran war, dass diese Bakterienart bis dahin in Westeuropa noch nicht vorgefunden wurde und davon ausgegangen werden konnte, dass es sich dabei um einen primären Krankheitserreger handelte. Zuvor hatte es Ende der 1990er Jahre bereits Meldung aus Südost-Asien gegeben, wo Erwinia pyrifoliae-Bakterien bei Erdbeeren gefunden wurden, obwohl man diese vorher nur bei Birnen kannte. Symptome Die Bakterien greifen sowohl Blüten, Früchte, Blütenstängel als auch Blattstängel an. Gerade im zuckerreichen Blattsaft vermehren sich die Bakterien rasant. Aus den Blütenstängeln drängen dann Schleimtröpfchen nach außen und wenig später verfärben sich die Stiele schwarz. Auch auf den Blüten kann es zu Schleimbildung kommen: auf den Blütenstempeln und –böden bilden sich dann kleine, durchsichtige Tröpfchen. Später kann man milchige Schleimtröpfchen beobachten, die aus den grünen Früchten hervortreten. Die klebrige Substanz, voll mit Bakterien, führt im weiteren Verlauf zur Bildung verkrüppelter Früchte. Durch Bestäuber und Pflegemaßnahmen können sich weitere Blüten infizieren und so spätere Kulturen schädigen. Im Resultat entstehen verhärtete und verkrüppelte Früchte, die nicht komplett ausreifen. Häufig werden aber auch reife Früchte und deren Kelchblätter von den Bakterien befallen, was dazu führt, dass sich diese braun verfärben und gelbe Öltröpfchen ausscheiden. Beim Durchschneiden der Frucht wird deutlich, dass die äußere Haut schwarz ist, während im Inneren das Fruchtfleisch feucht glänzt. Typisch für eine Erwinia-Infektion sind auch missgebildete Früchte, bei denen die Samenkörner auf der Fruchtaußenseite deutlich hervorstehen. Bei `Elsanta´-Durchkulturen, in denen das Problem häufig vorkommt, ist die Bakterieninfektion auf dem ersten Blütenstand nicht erkennbar, bei allen nachfolgenden Blütenständen jedoch schon. Dennoch sind sowohl Primär-, als auch Sekundärfrüchte von den Bakterien befallen. Später heranwachsende Früchte hingegen sind meist unversehrt und nicht infiziert. In manchen Fällen bilden sich auf befallenen Blattstängeln in Tunnelkulturen auch 2 bis 3 cm lange Einschnürungen, aus denen nach kurzer Zeit Schwitzwassertröpfchen dringen. Die betroffenen Stellen verfärben sich in der Folge schwarz, trocknen aus und lassen den Blattstiel schlaff nach unten hängen bzw. knicken ab (daher auch der Name „Knicker“). Erkennbare Symptome an den Blättern sind bis jetzt noch nicht bekannt. Bakterienbefall in der Praxis Vermutlich sind die Bakterien der Gattung Erwinia sp. bereits ohne offensichtliche Symptome auf den Erdbeerpflanzen vorhanden und entwickeln sich erst unter bestimmten Bedingungen. Wo die Bakterien (auch Erwinia pyrifoliae) ihren Ursprung haben, ist jedoch noch ein Rätsel. Man weiß von Erwinia amylovora, das bekannt als Verursacher des sogenannten Feuerbrands ist, sind besonders Äpfel und Birnen schädigt, dass dieses eine große Bandbreite an potentiellen Wirtspflanzen hat und vornehmlich auf Pflanzen der Rosacea-Familie vorkommt. Typische Wirtspflanzen sind daher Erdbeeren, Brombeeren, Pflaumen, Kirschen, Quitten, Apfelbeeren und Zierpflanzen wie Feuerdorn, Spiersträucher, Mehlbeeren und Zwergmispeln. Ob es Unterschiede in der Anfälligkeit der Erdbeersorten gibt, ist noch unklar. Bis jetzt kam es vor allem bei `Elsanta´ zu bakteriellen Infektionen. `Sonata´-Pflanzen, die in demselben Gewächshaus stehen, scheinen allerdings weniger anfällig zu sein. Gerade im Frühjahr - und vereinzelt im Herbst - kam es vermehrt bei `Elsanta´ Durchkulturen zum Befall. In einigen Fällen kam es auch in frühen Phasen der Kultur in beheizten Gewächshäusern unter Assimilationsbelichtung zu Befallserscheinungen. Auch bei `Clery´-Kulturen in beheizten Gewächshäusern unter Glas oder beim Frühjahrsanbau in Folientunneln hat es in der Vergangenheit wiederholt Probleme gegeben. Bei den Remontierern wurde bei Kulturen der Sorte `Ava´ unter Glas vereinzelt Bakterienbefall festgestellt. Einflussfaktoren Bei den Sekundär-Infektionen, die in der Vergangenheit erkannt wurden, beobachtete man eine Vielzahl an möglichen Einflussfaktoren, die zur Zellzerstörung in den Blüten, Blütenstängeln und Früchten beigetragen haben könnten und somit verantwortlich für die Missbildung der Früchte sein können. Durch Erwinia pyrifoliae hervorgerufene Infektionen wurden laut den Forschern der WUR als primäre Krankheitserreger identifiziert. Wo sich die Infektionsquelle befindet und wie sich die Erdbeerpflanzen infizieren, wird derzeit weiter erforscht. Einfluss der Düngung In der Versuchsanstalt Meerle (Belgien) wurde im Jahr 2000 bei `Elsanta´ Durchkulturen in Folientunneln ein Befall durch Erwinia sp. bei K/Ca-Düngeversuchen festgestellt. Dabei kam es besonders bei Pflanzen, die über lange Zeit zu wenig Calcium erhielten bei Durchkulturen auf Substrat zu Infektionen (s. Tab. 1). Dort fand man viele glasige und eingeschnürte Blütenstängel und beobachtete die Entwicklung von wässrig-braunen Stellen von 1-4 cm Länge an den Blütenstängeln und Blattstielen, aus denen braune, schleimige, ölartige Tröpfchen drangen. Auch unter den Früchten beobachtete man, wie aus einigen Exemplaren schleimige Tröpfchen hervortraten und die Früchte vollständig braun färbten. Bei näherer Untersuchung fand man heraus, dass es sich um Bakterien der Erwinia- und Pseudomonas-Gattung handelte. Tab.1 : Wirkung von Ca/Mg-Verhältnis in der Nährlösung auf Glasigkeit und Absterben von Blütenstängeln| Konzentration in mmol/l in der Nahrung | Prozentsatz glasig brauner Blütenstängel | ||
| Ca | Mg | Herbstanbau 2000 | Frühjahrsanbau 2001 |
| 3 2 1 0 | 1 2 3 4 | 3,7 1,2 26,4 56,9 | 7,8 8,5 25,0 41,7 |

