04.01.2023

expoDirekt - Digitalisierung und Verbrauchernähe

Rund 6 000 Besucher informierten sich während der Messetage bei insgesamt 401 Ausstellern
Foto: Brudermann

Mit insgesamt rund 6 000 Besuchern und 401 Ausstellern aus elf Ländern bewährte sich das Messe-Duo expoSE und expoDirekt auf dem Karlsruher Messegelände am 23. und 24. November als Branchentreffpunkt. Der Trend zur Digitalisierung in der Direktvermarktung war nicht zu übersehen; zudem gab´s interessante Neuigkeiten hinsichtlich Beisortiment und Verpackung. Die politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen der letzten Jahre haben den Direktvermarktern durchaus Grund zur Irritation gegeben – doch war davon auf dem Messegelände kaum etwas zu spüren – versteht sich doch die expoDirekt als Fachmesse und großer Markt der Möglichkeiten, wie Direktvermarkter in der aktuellen Zeit mit ihren Krisen und Kuriositäten ihre Marktanteile bewahren oder gar ausbauen können. Ein Schneemann aus Schokolade, entwickelt von Familie Löbke aus Ibbenbüren, dekorativ in einem Weckglas positioniert, wird mit Milch übergossen zu einer heißen Schokolade und ist sicher eine der kreativsten Produktideen, die auf der Messe zu sehen waren. Doch auch Gummibärchen aus Fruchtsaft, Chips aus Kartoffeln aus eigenem Anbau, Gewürzmischungen, Eingelegtes und vieles mehr gab es zu entdecken. Der Obsthof Knab, nördlich von München gelegen, hat den Anbau exotischer Kulturen wie Quinoa und Chiasamen als interessante Erweiterung der Fruchtfolge im Beerenanbau entdeckt. Beide Kulturen stammen ursprünglich aus Südamerika, die Züchtung angepasster Sorten macht ihren Anbau auch in unseren Breitengraden möglich. Quinoa und Chia aus Bayern taugen als exotisches Zukaufprodukt für Hofläden und als regionale Alternative zu anderen Anbietern, die diese Produkte überwiegend aus Südamerika importieren. Aus den USA stammt der Trend, Lebensmittel durch Gefriertrocknung haltbar zu machen. Ganze Beeren, Apfelschnitzel oder Feigenscheiben machen optisch deutlich mehr her als klassisches Trockenobst. Die Firma FreezeDry GmbH stellte entsprechende Technik vor. Die Geräte sind ab einer Füllmenge von 1,5 kg Nassgewicht verfügbar und eignen sich für den Privathaushalt ebenso wie für Direktvermarkter jeglicher Größenordnung. Was Verpackungen von Lebensmitteln betrifft, ist Nachhaltigkeit für viele Direktvermarkter ein wichtiger Aspekt. Die polnische Firma SoFruPak bietet Schalen für Erdbeeren und andere Beeren und Früchte aus Karton und wahlweise mit Klarsichtfenster aus Zellulosefolie an; beide Materialien sind gemeinsam recyclingfähig. Obstschachteln mit Tragehenkeln sind so gestaltet, dass die Tragehenkel aus der Schachtel ausgestanzt werden in einem Bereich, wo der Karton ohnehin doppelt liegt – für die zusätzliche Funktion wird also kein zusätzliches Material benötigt. Auch die Firma Kühling Fruchthandel KG setzt auf plastikarme Verpackungen. Im Angebot sind Kartons mit Klarsichtfenstern aus recyceltem Kunststoff sowie diverse Tüten aus Papier. Lena Lethold-Kühling beobachtet: „Plastikfreie Verpackungen sind auf vielen Wochenmärkten inzwischen vorgeschrieben, und entsprechend werden sie von unseren Kunden nachgefragt.“ Doch gerade aus dem Blickwinkel der Nachhaltigkeit sieht sie dies nicht unkritisch: „Man muss genauer hinschauen, welche Verpackung in welchem Kontext die bessere Ökobilanz aufweist. Dass Papier grundsätzlich nachhaltiger ist, ist zwar in den Köpfen vieler Verbraucher fest verankert, stimmt nach unseren Erfahrungen jedoch nicht immer.“ Wer also nicht durch entsprechende Marktordnungen auf Papierverpackungen festgelegt ist, fährt mit einem individuell zusammengestellten Mix aus Papier und Plastik am besten – bei optimierter Nachhaltigkeit und auch zum Wohl der Produktqualität. Ein frischer Salat beispielsweise ist in einer dünnen Plastiktüte, die der Kunde gegebenenfalls auch mehrmals nutzen kann, vielleicht besser aufgehoben als in Papier, das durchgeweicht ist, bevor der Salat im Kühlschrank angekommen ist. Und auch bei Himbeeren und anderen empfindlichen Beeren hat eine Plastikverpackung für viele Erzeuger und Händler ihre Daseinsberechtigung. Im Anbetracht der spürbaren Preissteigerungen im Frühjahr denken Erdbeererzeuger zunehmend über neue Verpackungsmaße nach. „Eine 400-g-Schale Erdbeeren konnte zum Saisonbeginn noch unter der 5-€-Grenze bleiben, was bei 500 g phasenweise nicht mehr kostendeckend war“, beobachtet Lena Lethold-Kühling. Sie empfiehlt eine Zwischengröße aus ihrem Sortiment, die mit 500 g sehr voll ist, mit 400 g aber auch schon gut gefüllt wirkt. „Kann ich diese Schachteln auch im Automaten verwenden?“ Diese Frage hörte Andreas Gruber, Mitarbeiter von Dradrach-Verpackungen im Verlauf der Messetage oft, was im Anbetracht des wahren Automaten-Booms nicht überrascht. Der Tipp des Verpackungs-Anbieters: „Schachteln beispielsweise für Erdbeeren im Automaten haben im optimalen Fall einen Deckel und sind so gestaltet, dass sie durchsichtig oder zumindest von oben und von der Seite einsehbar sind. Das Befüllen und Entnehmen sollte gleichermaßen leicht von der Hand gehen - die Deckel sollten also gut sitzen und nicht jedes Mal abspringen, wenn man die Ware in die Hand nimmt.“ Wo Personal knapp und der Mindestlohn gestiegen ist, bilden Automatisierung und Digitalisierung im Verkauf wichtige Hilfestellungen. Die klassischen Verkaufsautomaten erfreuen sich bei Direktvermarktern und auch bei deren Kunden seit Jahren einer ungebrochenen Begeisterung. Das Modell „Tante Emma 2.0“ zeigt seine Produktauswahl auf einem großen Bildschirm, wo je nach Bestückung über 40 verschiedene Waren aus verschiedenen Perspektiven betrachtet und bestellt werden können. Das Innenleben des modernen Automaten mit dem altmodischen Namen besteht aus verschiedenen Schienen und Roboterarmen. Nudeln, Bauernbrote oder was auch immer der Tante-Emma-Laden der Zukunft bereithalten soll, wird in den Automaten und zugleich und ins zugehörige Warenwirtschaftssystem eingepflegt – dann rollt die Ware los und ein Roboterarm versorgt es an einem freien Platz im Lager. Von dort wird es  nach Bedarf an den Warenausgang befördert. Tante Emma 2.0 wird inklusive passender Software und einer wetterfesten Box mit Vordach als Gesamtpaket vermarktet. Eine nicht minder elegante Mischung aus Hightech und Nostalgie bietet das von der österreichischen Firma Ackerpay entwickelte Konzept: Der Kunde betritt einen Metallcontainer, der mit rustikaler Holztheke, Touchscreen und einem nach Gusto des Betreibers zusammengestellten Sortiment ausgestattet ist. In Selbstbedienung wird der Einkaufskorb gefüllt, die Waren werden vom Kunden selbst eingescannt und die Bezahlung erfolgt wahlweise mit Bargeld, Karte oder via paypal. Zudem blinkt beim Einscannen eines jeden Produktes auf einer Landkarte auf einem Bildschirm sein Herkunftsort auf. Die Firmeninhaber betreiben selbst mehrere Selbstbedienungsläden dieser Art in Österreich und verbreiten die Idee im Franchise-System. Und für Menschen, die an der Natur näher, aber lieber doch nicht zu nah sein möchten, bietet das Startup zudem eine App zum Online-Selbstgärtnern an. Per Mausklick können Garten- und Computerliebhaber entscheiden, wann Gemüsesorten der Wahl gepflanzt, gegossen, gehackt und schließlich geerntet werden sollen. In einem real existierenden Garten werden die gebuchten Aktionen ausgeführt und nach dem Ernteklick wird die Kiste frei Haus geliefert. Qualität und Größe aus dem Online-Garten bleiben bis zum Schluss die große Überraschung. Auch die Firma GeWeTe, die verschiedene automatische Systeme zur Bargeldzahlung im Sortiment hat, freute sich auf der Messe über regen Zuspruch. Beim Verkauf von Lebensmitteln bieten Bezahlautomaten große Vorteile: Das Verkaufspersonal, das Produkte wie Wurst oder Käse oft in die Hand nimmt, kommt mit Scheinen und Münzen nicht mehr in Berührung. Zudem läuft der Verkaufsvorgang schneller ab und die Verkäufer haben mehr Zeit für Kundengespräche und andere Aufgaben. Den großen Trend der Verkaufsautomaten hält Simon Schumacher, Geschäftsführer des Verbandes süddeutscher Spargel und Erdbeeranbauer e.V. und Veranstalter der Messe, für ein wichtiges Instrument zur Einsparung von Arbeitszeit, aber stets nur als Ergänzung zum klassischen, personalbesetzten Hofladen. Dies bestätigen die ebenfalls auf der Messe vertretenen Anbieter von Ladeneinrichtungen. „Viele Landwirte sind sicher gerade vorsichtiger mit Investitionen – doch sind wir mit der Messe sehr zufrieden. Gerade weil die Umsätze nach dem Corona-Boom wieder rückläufig sind, sind Hofladenbetreiber, die nach vorne schauen, auf der Suche nach neuen Ideen. Eine ansprechende Ladeneinrichtung ist ja ein wichtiger Baustein für ein erfolgreiches Marketing“, beobachtet Rainer Palinkasch von p2raumdesign. Interessante Beobachtungen zum Zusammenspiel von Mensch und Technik ließen sich schließlich auch am Eingang zu den Messehallen machen. Hier standen Mitarbeiter neben den Scannern, in welche die Messebesucher ihre Eintrittskarten selbständig zur Verifizierung einlegten. Manche Mitarbeiter nutzten die Zeit für ein Lächeln und einen Smalltalk mit den Besuchern, andere schauten gelangweilt in die Ferne und zeigen damit auf: Durch Automatisierung frei gewordene Kapazitäten können sinnvoll genutzt werden, doch das geschieht nicht automatisch. Katja Brudermann Bitte als Kasten: Innovationspreise Traditionell werden im Rahmen der expoDirekt drei Innovationspreise vergeben:
  • Die Brot-Bildwand der Firma SG Ladenbau besticht durch ihre Optik und Funktionalität. Eine atmosphärisch ansprechende Fotofolie, überdeckt von einer abwaschbaren Folie, bedeckt eine freie Wand in einem Hofladen. Zudem sind hier Holzstäbe an die Wand montiert, auf die nach Bedarf Holzregale oder direkt runde Brotlaibe gelegt werden können.
  • Der Automat mit dem poetischen Namen Jafix UA3 verbindet den Trend zum personalarmen Einkauf mit dem Verpackungsfrei-Trend. Das von der Firma Euro-Jabelmann entwickelte Gerät entlässt nach Münzeinwurf die gewünschte Menge lose Kartoffeln  - der Kunde hält seinen eigenen Einkaufskorb bereit und kann so sehr unkompliziert unverpackte Ware einkaufen. Das Gerät ist auch für Zwiebeln geeignet - andere Produkte sind in der Regel zu druckempfindlich und/ oder passen von ihrer Größe oder Form her nicht in den Automaten.
  • Die lebensmittelechten, wiederverwertbaren Kunststoffboxen der Firma PfaBo sind mehr als nur intelligent und formschön gestaltete Boxen, die sich in Standard-Kisten beliebig einfügen und stapeln lassen – ihnen liegt die Idee zugrunde, ein bundesweites Pfandsystem aufzubauen, das bereits heute von diversen Firmen genutzt wird. Die Boxen eignen sich für den Transport von fertigen Gerichten und ebenso auch für frische Backwaren, Obst oder Gemüse.
Wer die Boxen nutzen will, kann wahlweise eine bestimmte Menge bestellen und Reinigung und Logistik selbst in die Hand nehmen oder das Abholen, Reinigen und Zurückbringen von kooperierenden Dienstleistern buchen. „PfaBo ist für jede Unternehmensgröße geeignet – auch für Hofläden können unsere Boxen ein hilfreiches und leicht umsetzbares Instrument zur Reduktion von Verpackungsmüll sein“, betont Juliane Spieker, die das Konzept gemeinsam mit ihrem Bruder Adrian Spieker aufgebaut hat.