25.08.2023

Kommentar: "Vor uns liegen noch viele Baustellen"

Thomas Kühlwetter: "Wenn es um die Umsetzung von Zielen geht, trennen sich oft die Wege.
Foto: RLV

ährend in der Ukraine der Krieg wütet, in Nigeria das Militär die Regierung stürzt, Millionen von Menschen weltweit hungern oder auf der Flucht sind, kleben sich in Deutschland Menschen aus Protest auf der Straße fest oder befassen sich damit, ob man Gendern sollte oder nicht. Ich gebe zu, dass die Aufzählung sicher etwas pointiert ist und mir steht es fern, bei den Letztgenannten eine Wertung vorzunehmen oder etwa eine Berechtigung abzusprechen. Ich möchte nur aufzeigen, wie groß die Spannweite ist und wie sich Lebenssituationen und Meinungsbilder, abhängig von Herkunft sowie Standort und zahlreichen anderen Faktoren unterscheiden können, …in dieser einen Welt. Die Wahrnehmung von Menschen ist oftmals bestimmt von Themen, die sie mehr oder weniger direkt tangieren, die ihren Alltag prägen, ihrem Meinungsbild bzw. der Gegenposition dazu entsprechen, ihren Wünschen oder vielleicht ihren Ideologien nahe kommen. Häufig verbunden ist damit der Wunsch, das Vorhandene zu optimieren oder das drohend Negative abzumildern und nach Möglichkeit
zu verhindern. In der Reflektion wird die eigene Lebenssituation deutlich.
Warum solch weit ausschweifende Worte, denn letztendlich steht in unserem Magazin die wirtschaftliche Situation der Betriebe, deren Rahmenbedingungen, die zu einem großen Teil auch ihre Konkurrenzfähigkeit im Wettbewerb mit den Angeboten aus anderen Ländern bestimmt, im Vordergrund. Nicht weniger bedeutend ist die Zufriedenheit der Menschen, die ihre Betriebe führen sowie deren
Familien und der vielen Menschen, die dort arbeiten. Sie alle verfolgen das Ziel, sichere und qualitativ hochwertige Produkte zu erzeugen, andere Menschen zu ernähren und ihnen Lebensfreude zu bereiten. Soweit herrscht vermutlich noch Meinungsgleichheit.
Wenn es jedoch an die Umsetzung dieser Ziele geht, trennen sich die Wege. Besonders deutlich wird dies in Phasen, in denen an Eckpfeilern gerüttelt wird. Die Transformation unserer Wirtschaft macht vor der Landwirtschaft keinen Halt – vielleicht ist sie sogar besonders von diesem längst begonnenen Prozess betroffen. Neue Technologien und Anbauverfahren, der Einzug der Künstlichen Intelligenz oder der Klimawandel beflügeln die Veränderungsprozesse: Nachhaltigkeit und Biodiversität sind nur zwei der Schlagworte, die symbolisch für ein verändertes Umweltbewusstsein weiter Teile der Gesellschaft stehen.
Leider endet dieses Bewusstsein oft dann, wenn sich die Kunden beim realen Einkauf zu dem bekennen sollen, was an anderer Stelle geäußert oder gefordert wird. Der Discounter Penny hatte vorübergehend mit der Aktion „Wahre Preise“ bei neun Produkten die Kosten der Umweltschädigung, die durch deren Produktion verursacht wird, mit einberechnet. Die Kunden konnten an der Kasse zwischen
„Wahrem Preis“ und bisherigem Preis wählen. Das Ergebnis war ernüchternd und zeigt wie weit Meinungsäußerung und reales Verhalten voneinander abweichen, wenn es gilt, an der Ladenkasse tatsächlich Farbe zu bekennen. Nur 15 % der Kunden zahlten den „wahren Preis“ während 85 % sich für den deutlich günstigeren Preis an der Kasse entschieden.
Gleiches gilt übrigens auch beim Tierwohl-Label. Nachdem die Kosten für höhere Haltungsstandards einberechnet sind, bleibt das deutlich teurere Fleisch aus den Haltungsstandards drei und vier oft wie Blei in der Kühltheke liegen, während die Nachfrage nach den preislich günstigeren Standards deutlich angestiegen ist.
Zurück zu unserer Branche: Für viele Betriebe – mit Ausnahme einiger Beerenobstbetriebe – ist die Erntesaison abgeschlossen. Nicht zuletzt dank des Witterungsverlaufs ist echter Mengendruck nur selten aufgekommen, was sich meist auch in den Preisen etwas niedergeschlagen hat. Die deutlich gestiegenen Kosten konnten z. T. weitergereicht werden. Von echter Entspannung kann aber vor dem Hintergrund der Rahmenbedingungen und der anstehenden Herausforderungen nicht die Rede sein.
Volle Konzentration und der Blick nach links und rechts wird von den Betriebsleitern gefordert, um den eingeleiteten Transformationsprozess am Ende erfolgreich zu durchschreiten. Die im Dezember stattfindenden Unternehmertage und anstehenden Messen bieten auf dem Weg dorthin eine gute Gelegenheit zur Information und zum Austausch mit Berufskollegen und Berufskolleginnen. Thomas Kühlwetter (Artikel aus SEP 04/2023)