Kommentar: Branche hat schon viele Hausaufgaben erledigt

Thomas Kühlwetter: „Unsere Branche hat schon viele Hausaufgaben erledigt. Bereits jetzt und auch in Zukunft optimiert Kapitaleinsatz die Arbeit und steigert die Resilienz der Betriebe.”
Ohne Zweifel ist die Gegenwart eine herausfordernde Zeit. Aber war das nicht häufig schon so, zumindest aus dem Blickwinkel der vielen Generationen vor uns? Auch sie mussten mit den unterschiedlichsten Unwägbarkeiten ihrer Gegenwart und Zukunft zurechtkommen, die manchmal sicher das Maß dessen, was wir zu bewältigen haben, überstiegen. Auch sie mussten Antworten und Lösungen auf Fragen finden, ohne die weitere Entwicklung und die Zielrichtung klar abschätzen zu können.
Unbestritten wachsen Menschen bis zu einem gewissen Maß mit ihren Herausforderungen, doch irgendwann kann der Bogen auch überspannt werden und man spürt ein Gefühl von Fassungslosigkeit oder Überforderung. Beim Blick auf das gegenwärtige Weltgeschehen überfällt viele Menschen ein solches Gefühl, da die Möglichkeiten, durch eigenes Handeln an dieser Situation etwas ändern zu können, nicht erkennbar sind und man hilflos zuschauen und die weitere Entwicklung abwarten muss.
Anders ist dies häufig, wenn man den Blick auf das eigene Umfeld und in diesem Sinn auf den eigenen Betrieb bzw. das eigene Unternehmen lenkt. Da gibt es schon einige Stellschrauben, an denen man drehen und in die eine oder die andere Richtung etwas bewegen kann. An diesen Stellschrauben wurde in unserer Branche in den zurückliegenden Jahren gedreht und in zahlreichen Betrieben hat sich Einiges an den verschiedenen Fronten nach vorne bewegt.
Kostendruck, die zunehmend schwierigere Verfügbarkeit motivierter Mitarbeiter/innen, weitere Lücken in der Auswahl von Pflanzenschutzmitteln sowie Einschränkungen bei deren Nutzung mit deutlichen Folgen in der Bekämpfung von Krankheiten und Schaderregern sowie in vielen Einzelaspekten erschwerte Rahmenbedingungen. Hinzu kommt dann noch der Klimawandel mit seinen weitreichenden Folgen. All dies macht es nicht gerade einfach, immer klar nach vorne zu schauen und die richtigen Entscheidungen zu treffen.
Auch wenn sicher viele Aufgaben noch vor uns liegen, kann dies zumindest in vielen Betrieben und Unternehmen nicht so ganz schlecht gelungen sein. Sie haben die Corona-Krise gemeistert und sich offen den Fragen der Gegenwart gestellt. Kulturverfahren und Betriebsabläufe wurden verändert, neue Sorten und Anbautechniken haben oftmals langbewährte Verfahren ersetzt oder ergänzt. Arbeitsabläufe wurden optimiert und verschlankt. Effizienzsteigerung und Rationalisierung stehen ganz oben auf der Agenda, ohne dabei die Interessen unserer Kunden aus den Augen zu verlieren und neue Kundenkreise durch Erweiterung des Portfolios oder Optimierung des Services zu erschließen.
Dies alles war nicht kostenfrei und wird es in der Zukunft auch nicht sein. Im Gegenteil, die Investitionssummen steigen weiter und damit gleichzeitig auch das Risiko, diese Summen wieder zu erwirtschaften. Unsere ehemalige Bundeskanzlerin würde dies unter dem Begriff „alternativlos“ zusammenfassen. Schon jetzt und auch in Zukunft optimiert oder ersetzt Kapitaleinsatz die Arbeit und steigert die Resilienz der Betriebe.
Im Juni tagt die Mindestlohnkommission und wird einen Vorschlag zur weiteren Lohnentwicklung für die beiden Folgejahre erarbeiten. Die Kommission entscheidet autark. Ob sie sich in ihrem Vorschlag dabei an die im Wahlkampf von einigen Parteien ausgesprochene Empfehlung von 15 €/h hält, ist ebenso fragwürdig wie die Antwort der Politik auf die aus Sicht unserer Branche berechtigte Forderung des Berufsstands nach einer Sonderregelung für die Landwirtschaft – man darf durchaus gespannt auf die Ergebnisse sein.
Bei allem Respekt für das in den zurückliegenden Jahren in den Betrieben Geleistete ist keine Zeit zum Ausruhen erkennbar. Kreativität wird weiter gefordert sein und die Entwicklungen werden weiter vorangetrieben. KI ist dabei wohl nicht mehr und nicht weniger als ein Baustein. Am Ende müssen es Menschen sein, die bei allem im Mittelpunkt stehen.
Thomas Kühlwetter
(Artikel aus SEP 03/25)
