11.09.2024

Kommentar: "Wir brauchen Visionen"

Thomas Kühlwetter: Es fehlt nicht an ­Kreativität in den ­Betrieben, sondern an Vertrauen in die ­Zukunft
Foto: RLV

Erinnern Sie sich noch an den Februar 2020? Es war der Monat, in dem die Corona-Infektionen, nach den ersten Fällen im Dezember 2019 in China, auf den ganzen Erdball überschwappten. Eine globalisierte, in Teilen hochtechnisierte Welt stand scheinbar hilflos einem Virus gegenüber, der mit 0,1 µm Durchmesser etwa 1 000 Mal kleiner als der Durchmesser eines menschlichen Haares ist.

Was zu Beginn des Ausbruchs der Infektionen vielleicht nur wenige Menschen erahnten, sollte kurze Zeit später Realität werden. Corona veränderte die Welt und hat gezeigt, auf welch tönernem Fundament wir uns in Zeiten von Hightech und Globalisierung manchmal bewegen.

Die Folgen von Corona wirken bis heute nach. Vieles hat sich in unserem Bewusstsein und Handeln verändert. Das Vertrauen in eine globalisierte Welt, in der man zu jeder Zeit erhält, was man benötigt, wurde gedämpft und die Grenzen in Form fehlender Warenverfügbarkeit und z. T. dramatisch steigender Preise aufgezeigt.

Dann folgte der Krieg in der Ukraine mit unsäglichem Leid, großer Trauer der Menschen und wilder Zerstörung gewachsener Infrastrukturen. Der Krieg destabilisierte das politische Gefüge in der Welt und brachte die wirtschaft­liche Lage – insbesondere in der westlichen Welt – weiter aus dem Lot.

Bei Medikamenten aus Indien oder Computerchips, die in Asien hergestellt werden, haben unsere politisch Verantwortlichen verstanden, wie wichtig es ist, direkten Zugriff auf die Produktion zu haben. Die Politik unterstützt daher mit großen Fördersummen die Ansiedlung entsprechender Fertigungsstätten in Deutschland und Europa.

Nicht nur zahlreiche landwirtschaftliche Betriebe, sondern auch die nachgelagerten Bereiche – z. B. in der Landtechnikbranche, befinden sich gegenwärtig in einer Art Krisenmodus. Im Erzeugerbereich stehen den vergleichsweise hohen Kosten zu niedrige Erlöse gegenüber. Zudem drücken die politischen Rahmenbedingungen – und z. T. auch die gesellschaftliche Akzeptanz die Stimmung in der Branche.

In Thüringen und Sachsen-Anhalt haben die Menschen gewählt und das Ergebnis wirft viele Fragen nach den Ursachen für dieses Stimmungsbild und noch mehr Fragen nach tragfähigen Lösungen auf. In Kürze sind die Bürger in Brandenburg zum Gang an die Wahlurne aufgerufen. Wiederholt sich dort das Ergebnis der beiden vorausgegangen Wahlen in Thüringen und Sachsen-Anhalt, sollte spätestens das die Menschen in ganz Deutschland wachrütteln.

Warum läuft in Deutschland momentan so viel in eine Richtung, die von unterschiedlichsten Gesellschafts­gruppen nicht mehr mitgetragen wird? Warum hinkt unsere Wirtschaft anderen Staaten hinterher? Wir befassen uns mit gendern oder der Ansiedlung des Wolfes – sind das wirklich die wichtigen Themen dieser Zeit? In den USA und einigen weiteren Staaten erleben wir, wie gespalten die Gesellschaft ist. Sind wir nicht auch schon ein Stück auf diesem Weg. Wenn 30 % der Menschen AfD und 15 % BSW wählen, dann ist bei den Wahlen in den beiden ostdeutschen Ländern fast die Hälfte der Stimmen an Parteien gegangen, die den politischen Rändern zuzuordnen sind. Am 3. September hat in Bonn die Woche der Demokratie begonnen, am 3. Oktober ist Jahrestag der deutschen Einheit – sind wir davon nicht ein ganzes Stück entfernt?

Zurück zu unserer Branche: Dank des ungeheuren Engagements haben die Betriebe Corona gut gemeistert und die Verbraucher – zumindest vorübergehend – mehr Bewusstsein für Regionalität und heimische Produktion gezeigt. Dieser Effekt ist inzwischen weitgehend verblichen. Die Kosten in den Betrieben sind enorm gestiegen, z. T. hausgemacht durch die Politik, und auch die Erzeuger­preise sind teilweise gestiegen, dies aber meist nicht in dem Maß wie die Kosten.

Ein ganz entscheidender Faktor, der die Gegenwart und Zukunft in der Branche prägt, sind die fehlenden Visionen. Es fehlt nicht an Kreativität der Betriebe, sondern an dem Vertrauen, dass neue Ansätze oder Investitionen in moderne und nachhaltige Produktionsverfahren auch zum gewünschten Erfolg führen.

Erfolg lebt von Innovation und Mut und es gibt sie, die Unternehmer in unserer Branche, die zielgerichtet nach vorne schauen und ihre Betriebe fortentwickeln. Nehmen Sie teil an unseren Unternehmertagen vom 1. – 3. Dezember und tauschen Sie sich darüber aus, wie die Zukunft angegangen werden kann.

Thomas Kühlwetter

(Artikel aus SEP 04/24)