11.06.2024

Ludger Linnemannstöns im Gespräch

Hohe Objektivität und eine sachlich-fachliche Abwägung von Vorzügen und Nachteiler verschiedener Kultur- und Anbauverfahren – Ludger Linnemannstöns‘ Aussagen haben bei den Praktikern hohen Stellenwert
Foto: Valenta

Ende März ist der langjährige Leiter des Versuchswesens des Gartenbauzentrums Köln-Auweiler in den Ruhestand gegangen. Seine besondere Leidenschaft galt und gilt dem Obstbau, insbesondere dem Beerenobstbau. Über einen Zeitraum von fast 30 Jahren hat er der Branche viele Inspirationen gegeben und den Betrieben weit über den Horizont des Bundeslandes NRW hi­naus mit seiner Nähe zur Praxis, seiner Erfahrung und den zahlreichen Tipps den Weg zu einem erfolgreichen Anbau aufgezeigt. Im Gespräch mit Spargel & Erdbeer Profi schaut er noch einmal zurück und richtet den Blick in die Gegenwart und Zukunft.

Spargel & Erdbeer Profi: Herr Linnemannstöns, Sie sind in der Branche weit über die Region hi­naus bekannt, aber viele ihrer Gesprächspartner wissen kaum etwas darüber, wie sie den Einstieg in unsere Branche gefunden haben. Wie sind Sie damals nach Auweiler und zum Obstbau gekommen?

Ludger Linnemannstöns: Mein Einstieg ins Berufsleben fand nicht – wie vielleicht vermutet – in der Landwirtschaft statt, er begann mit einer kaufmännischen Lehre nach dem Abitur. Doch dieser Bereich war zu theoretisch für mich. Also startete ich, nachdem meine Familie durchaus auch landwirtschaftlichen Hintergrund hatte mit einem Praktikum und hatte dort 1979 meine ersten Begegnungen mit Erdbeeren. Anschließend folgte ein Landwirtschaftsstudium in Bonn mit einer Diplomarbeit über Erdbeeren und dann der Einstieg mit einem Referendariat bei der Landwirtschaftskammer. Als Fachlehrer an der damaligen Meisterschule der Lehr- und Versuchsanstalt für Gartenbau in Köln-Auweiler unterrichtete ich in mehreren Fächern, u. a. im Obst- und Gemüsebau, im Pflanzenschutz und in betriebswirtschaftlichen Fächern. 1996 wechselte ich dann als Versuchsleiter in den Obstbau und konnte vier Jahre später die Fachbereichsleitung Versuchswesen des Gartenbauzentrums Köln-Auweiler übernehmen.

Zwei Jahre zuvor wurden in den komplett auf Kernobst ausgerichteten Versuchsbetrieb in Auweiler die Erdbeeren als neue Kulturart aufgenommen. Danach auch recht bald alle anderen Beerenobstkulturen. Nach der Aufgabenteilung mit dem DLR Rheinpfalz mit ihrem Standort in Klein-­Altendorf wurde der Kernobstbereich im Auweiler Versuchsbetrieb aufgegeben, sodass wir uns ab 2008 ausschließlich auf das Beerenobst konzentrieren konnten.

Spargel & Erdbeer Profi: Wie war der Standard im deutschen Beerenobstanbau als Sie gestartet sind, wie weit waren unsere Nachbarn in den Niederlanden und Belgien?

Ludger Linnemannstöns: Als ich zur Mitte der 1990er-Jahre gestartet bin, lief gerade die erste Intensivierungsphase im deutschen Erdbeeranbau. Während die Dammkultur in unseren beiden Nachbarländern schon verbreitet war, wurde sie in Deutschland auf den ersten Betrieben gerade eingeführt. Natürlich waren unsere Nachbarn auch beim Anbau im Glashaus oder auf Stellagen damals schon viel weiter als Betriebe in Deutschland.

Spargel & Erdbeer Profi: Aus welchen Gründen waren die Kollegen in den Nachbarländern im Anbau vermeintlich einen Schritt voraus?

Ludger Linnemannstöns: Das lag wohl an mehreren Dingen, an der Kundenstruktur und den Absatzkanälen, an den Betriebsstrukturen, den Energiepreisen und einigen weiteren Aspekten. In Deutschland funktionierte in einigen Betrieben der klassische Freilandanbau nicht mehr so richtig, man brauchte Qualitätsverbesserungen. Die Dammkultur war eine mögliche Lösung, doch bevor Betriebe in dieses im Vergleich zum klassischen Freilandanbau aufwändige Verfahren einstiegen, suchten sie nach Erfahrungen und fachliche Unterstützung.

Wir stiegen in dieses Verfahren ein und hatten als Versuchsanstalt damit fast eine Alleinstellung in Deutschland. Die Dammkultur wurde und wird in der Praxis vorwiegend für Remontierer und Terminkulturen genutzt und bietet im Vergleich zum klassischen Freilandanbau einige Vorteile. So hängen die Früchte etwas freier nach unten, sie trocknen besser ab, der Botrytisdruck ist gemindert und die Herbizidbelastung gesenkt. Gleichzeitig kann die Pflückleistungen verbessert werden.
Als nächster großer Schritt folgte die Einführung des Wandertunnels. Damit stiegen auch die Investitionskosten der Betriebe. Mit der Umstellung auf den Euro gelang es aber vielen Betrieben, die Preise an die steigenden Produktionskosten zumindest in Teilen anzupassen. Am Rande entstand mit der Einführung der Wandertunnel auch eine gesellschaftliche Diskussion, die z. T. bis in die heutige Zeit hineinreicht. Dabei geht es um die Verwendung von Folien, die Veränderung des Landschaftsbildes sowie die Auswirkungen auf die Umwelt. Die deutlichen Vorzüge des Produktionsverfahrens werden in der Diskussion meist unter den Tisch gekehrt. Ich glaube, dass wir uns als Berufsstand generell viel besser gegen oftmals nicht zutreffende Darstellungen über unsere Anbauverfahren zur Wehr setzen sollten. Dabei ist die Palette der Anschuldigungen groß und reicht vom Einsatz von Pflanzenschutzmitteln über den Wasserverbrauch bis hin zu den Sozialstandards der Mitarbeiter. Wenn in einer Kindernachrichtensendung völlig verfälscht über Roundup berichtet wird, müsste eigentlich reagiert werden, doch dazu fehlen die Kapazitäten und manchmal auch das Bewusstsein. Wenn in der Öffentlichkeit einmal ein Stimmungsbild entstanden ist, fällt es schwer, dagegen zu arbeiten.

Spargel & Erdbeer Profi: Kommen wir noch einmal zurück auf die Entwicklungen in unserem Bereich – welche Bedeutung hat der Wandertunnel heute noch?

Ludger Linnemannstöns: Wandertunnel haben in der Praxis immer noch eine hohe Bedeutung. Die Phase ihrer intensiven Einführung hat ca. 10 Jahre gedauert, aber die Wandertunnel haben ihren Zenit überschritten. Man kann mit den Wandertunneln einen sehr guten Verfrühungseffekt erzielen, die Wettbewerbsposition verbessern und das investierte Kapital meist in kurzer Zeit zurück erwirtschaften. Doch Auf- und Abbau sind aufwändig und mit steigenden Löhnen sind die Wandertunnel zu einem teuren Produktionsverfahren geworden. Dennoch sehe ich gegenwärtig für die frühe Produktion noch keine echte Alternative zum Wandertunnel.

Spargel & Erdbeer Profi: Welche Konsequenzen hat das für die Betriebe

Ludger Linnemannstöns: Wenn man nicht mehr wandern und stattdessen am gleichen Standort produzieren will, muss man auf eine Substratkultur setzen. Und wenn man doppelt so schnell ernten möchte, ist man bei einer Stellagenkultur als Antwort auf die steigenden Arbeitskosten. Dadurch ist man witterungsunabhängig, kann die Betriebsabläufe viel besser planen und den Saisonarbeitskräften bessere Arbeitsbedingungen bieten. Zudem sind weitere Automatisierungsschritte möglich – von Pflanzenschutzbehandlungen über den Einsatz von UV-Licht zur Minimierung der Behandlung, einer automatisierten Ernteprognose bis hin zum Mulchen der Flächen. Der Übergang von der Bodenkultur zur Substratkultur erfordert gärtnerisches Know-how und ein Umdenken in der Kulturführung, das Bewusstsein dafür muss vorhanden sein. Wassermanagement, Düngemanagement und Klimamanagement sind dabei wichtige Aspekte.
Wer dann noch einen Schritt weiter vom Tunnel ins Glashaus geht, der erfährt, was Klimaführung bedeutet. Im Glashaus kann man die Klimagestaltung noch viel näher an die Bedürfnisse der Pflanzen anpassen als in einem Foliengewächshaus oder Tunnel. Wir haben in Auweiler versucht, den Anbauern das Know-how für diese anspruchsvollen Kulturverfahren nahe zu bringen und sie auf den täglichen Alltag in den Betrieben vorzubereiten. Im Prinzip kommt dies einer Transformation vom Landwirt zum spezialisierten Gärtner gleich.

Doch bei allen Vorzügen der Substratkultur gibt es einen großen Nachtteil, und das ist die Höhe der Investitionen. Für viele Betriebe ist dies nach wie vor das ausschlaggebende Argument, um (noch) nicht in die Stellagenkultur einzusteigen, denn die Investitionskosten übersteigen die Kosten eines Wandertunnels um das Fünf- bis Sechsfache. Zudem ist eine Investition in eine Stellagenkultur auf einen langen Zeitraum von ca. 15-20 Jahren ausgelegt. Betriebe, die einmal den Einstieg in dieses Verfahren gemacht haben, lernen oft sehr schnell die Vorzüge kennen und investieren weiter in dieses Verfahren. Man muss allerdings einschränkend erwähnen, dass mit einer Stellagenkultur im Tunnel nicht die Frühzeitigkeit eines Wandertunnels erreicht werden kann. Wer diesen Anspruch erfüllen möchte, sollte dann im Gewächshaus anbauen.

Als Alternative zur Stellagenkultur im Tunnel bieten sich Einzelreihensysteme mit einreihiger Überdachung an: Im Sommeranbau hat man mit diesen Systemen einen guten Schutz für die Kultur und ein gutes Klima. Es gibt keine exakte Statistik, aber ich denke, dass zzt. In Deutschland auf ca. 500 ha. Fläche Erdbeeren als Stellagenkultur angebaut werden und da besteht sicherlich noch etwas Luft nach oben. Vorstellbar ist, dass die sommerliche Produktion vielleicht einmal weitgehend auf Stellagen stattfinden könnte.

Spargel & Erdbeer Profi: Wie beurteilen Sie die weitere Entwicklung für den Anbau im Gewächshaus?

Ludger Linnemannstöns: Die Entwicklung der Energiepreise ist für den Anbau in Glashäusern ein wichtiger Faktor, dies sieht man auch, wenn man zu unseren Nachbarn in den Niederlanden schaut, wo dieses Anbauverfahren eine unvergleichbar höhere Bedeutung hat als in Deutschland. Hohe Energiepreise führen zu veränderten Anbaustrategien im Glashaus, falls nicht ein geschlossenes Energiekonzept z. B. durch die Nutzung ­preiswerter Energie aus Abwärme der Industrie, aus Blockheizkraftwerken u. a. zur Verfügung steht. Wenn sich jemand mit dem Bau eines Glashauses beschäftigt, sollte das Energiekonzept ganz vorne in den Überlegungen stehen. Die Standortfrage ist bei solchen Projekten ein wichtiger Aspekt.

Spargel & Erdbeer Profi: Verlassen wir einmal diesen Bereich. Vom Landwirt zum Energiewirt ist nicht nur in der Öffentlichkeit ein Thema – gehört die Agri-Photovoltaik für die Beerenbranche auch dazu?

Ludger Linnemannstöns: Ich würde den Begriff Energiewirt weiter definieren, Photovoltaik auf den Dächern oder Windkraftanlagen gehören ebenso wie die Agri-Photovoltaik dazu. Bei Erdbeeren wissen wir aus Versuchsergebnissen, dass die Umsetzung nicht so einfach ist. Auch wenn die Agri-PV ein gutes Image genießt, muss man die Funktionalität und die Wertschöpfung nach wie vor beachten. Gerade die Kosten der Aufständerung sind bei Agri-PV-Anlagen nicht zu unterschätzen. Zudem sind die Genehmigungsmodalitäten und die Frage, wie der erzeugte Strom genutzt wird, wichtige Punkte.

Spargel & Erdbeer Profi: Sie haben ihre Aufgabe immer mit starkem Bezug zur Praxis verstanden – wie wichtig war das für den Erfolg ihrer Arbeit

Ludger Linnemannstöns: Die Aufgabe einer Versuchsanstalt besteht darin, Beratungsempfehlungen zu erarbeiten und neue Entwicklungen in die Betriebe hineinzutragen. Man muss wissen, was die Betriebe beschäftigt und wohin die Entwicklungen gehen. Das GBZ Köln-Auweiler ist eine angewandte Forschungseinrichtung, für die der Wissenstransfer eine wichtige Rolle spielt.

Spargel & Erdbeer Profi: Hinter all den Dingen, die wir besprochen haben, stehen letztendlich Menschen: Versuchstechniker, Berater, Anbauer. Wie wichtig ist die menschliche Ebene, um Kontakte zu knüpfen, neues Wissen zu erschließen, um Erfolg aufzubauen

Ludger Linnemannstöns: Natürlich ist die menschliche Ebene einer der Schlüssel zum Erfolg, es ist wichtig, wie man mitei­­nan­­der spricht und mitei­­nan­­der umgeht. Wenn man offen und ehrlich Fragen stellt, die eigene Sichtweise darstellt und Probleme benennt, erhält man die Aufmerksamkeit des Gegenübers. Wenn es für Probleme auf den ersten Blick keine Lösungen gibt, muss man auch das sagen. Innerhalb eines Betriebes ist es wichtig, jeden mitzunehmen, auch wenn das nicht immer leicht fällt.

Spargel & Erdbeer Profi: Wie blicken Sie zum Ende ihrer Aufgabe in Auweiler auf unsere Branche?

Ludger Linnemannstöns: Ich sehe viele gut aufgestellte Betriebe, die zukunftsfähig sind. Trotz der permanent steigenden Herausforderungen glaube ich, dass wir in Deutschland weiter erfolgreich Erdbeeren und andere Beerenfrüchte produzieren werden. Auch in Zukunft möchte ich zu den Betrieben weiterhin Kontakt halten und unserer Branche verbunden bleiben.

Spargel & Erdbeer Profi: Herr Linnemannstöns, ich danke für das Gespräch und wünsche Ihnen für die Zukunft alles Gute.

Thomas Kühlwetter

(Artikel aus SEP 03/24)