14.01.2021

Phyllodie bei Erdbeeren aufgeklärt

Phyllodie Asternvergilbung verursacht durch Phytoplasmen
Foto: Lieten

Phyllodie bezeichnet eine abnormale vegetative Entwicklung der Blüten. Bei Versuchsbeobachtungen während der letzten Jahre konnten immer wieder andere Ursachen für diese Wachstumsfehler gefunden werden. Jüngste Versuche beim Proefcentrum Fruitteelt (Pcfruit) zeigten jetzt deutlich den Effekt von Temperatur und Tageslänge auf das Auftreten von Phyllodie bei Pflanzen immertragender Erdbeersorten. Dieses Phänomen kommt bei vielen Pflanzenarten vor, darunter auch an Erdbeeren. Phyllodie kann verschiedene Formen annehmen: von der Entwicklung kleiner Blättchen auf dem Blütenboden und den Fruchtsamen über das Entstehen eines kleinen Blattkranzes an der Spitze der Früchte bis hin zur Bildung eines verlängerten Stängels aus dem Blütenboden, an dem sich viele Blättchen, beinahe eine kleine Erdbeerpflanze, entwickeln. Infektiöse Phyllodie Eine häufig beschriebene Ursache für Phyllodie ist ein Befall mit Phytoplasmen (BLO = bakterienähnliche Organismen, zellwandfreie Bakterien). Diese einzelligen Organismen werden von Schaumzikaden übertragen. So landen die Phytoplasmen in den Gefäßbündeln, wo sie den Transport und die Herstellung von pflanzlichen Wachstumsstoffen hemmen. Abhängig davon, zu welchem Zeitpunkt der Blütenanlage die Erdbeerpflanzen mit diesen Schaderregern infiziert werden, sind im Anschluss einige Formen von vegetativer Blütenbildung möglich. Häufig sind die Blätter befallener Erdbeerpflanzen auch etwas kleiner und von blasserer Farbe. Deshalb spricht man auch von “chlorotischer Phyllodie”. Eine ganze Reihe von Pflanzenarten können als Wirtspflanzen, auf denen sich die Phytoplasmen ansiedeln, dienen. Dies können Astern sein, daher wird eine bekannte Form von Phyllodie “Asternvergilbung” genannt. Die sogenannte “Clover proliferation” hat Kleepflanzen als Wirte. Infizierte Erdbeerpflanzen zeichnen sich durch vollständig grüne Kronblätter aus, weshalb das Phänomen die Bezeichnung “Green petal disease” bekommen hat. Die Blüten bleiben häufig sehr klein und haben unterentwickelte und sterile Staubgefäße. Die Fruchtnüsschen sind stark angeschwollen und bedecken das Fruchtfleisch vollständig. Gelegentlich entwickeln sich Blätter auf den Samenkörnchen. Die Früchte wachsen nach ihrer Anlage nicht aus und färben sich auch nicht. Auch die Erdbeerpflanzen selbst zeigen keine Wuchskraft und ein buschiges Aussehen. Sie haben kleinere, gedungene Blätter mit häufig etwas blasseren Rändern und bilden so gut wie keine Ausläufer. Pflanzen, die mit Green petal disease befallen sind, kommen nicht in den vollen Ertrag und siechen bis zu ihrem Absterben vor sich hin. Die übertragbare Phyllodie durch Phytoplasmen beschränkt sich aber auf einen geringen Anteil Pflanzen im Feld. Phytoplasmen können latent vorhanden sein und erst bei höheren Temperaturen Schäden verursachen. Nicht infektiöse Phyllodie Häufig können mit den bekannten PCR-Techniken keine Phytoplasmen gefunden werden. In diesen Fällen liegt die Ursache für die Phyllodie in einer Störung der Blütenanlage. Diese Form der Phyllodie ist rein physiologisch sowie nicht übertragbar und ist häufig ein zeitlich begrenztes Phänomen in der Kultur. In der Praxis sind Unterschiede in der Empfindlichkeit der Sorten erkennbar. So kommt diese Phyllodie häufiger bei den Juniträgern `Elsanta´ und `Darselect´ sowie den immertragenden Sorten `Albion´ und `Soprano´ vor. In den letzten Jahren sind einige Ursachen ans Licht gekommen: Herbizide Sporadisch wird Phyllodie auch als Folge von Spritzschäden mit Herbiziden (2002) festgestellt. Sowohl Glyphosat (Round Up) als auch Metosulam (Terano) wirken auf die Synthese von Aminosäuren ein und können während der Blütendifferenzierung für Wachstumsabweichungen verantwortlich sein. Bei einem Versuch im Jahr 2002 wurde kurz vor dem Schieben der Blütenknospen mit Metosulam gespritzt, was bei `Elsanta´ und `Darselect´ zu 30 bzw. 25 % Phyllodie führte. Angießversuche mit verschiedenen Konzentrationen von Glyphosat bei Substratkulturen von `Elsanta´ brachten chlorotische, spierige Blätter, Rhizome und Ausläufer, kurze Blütenstängel mit kleinen, weißen Blütenböden sowie kurze runde Früchte mit der typischen Blattentwicklung auf den Samennüsschen hervor. Bei einer Dosierung von 1 ppm Glyphosat zeigte beinahe die Hälfte der Pflanzen Phyllodie. Kulturbedingungen Bei der nicht infektiösen Phyllodie kann man dem Wuchs der Pflanzen nichts Abnormes ansehen; es gibt keine Symptome wie Zwergwuchs oder Blattchlorosen. Die Phyllodie beschränkt sich auf die ersten Blüten und verschwindet später in der Kultur spontan. Düngung, Temperatur und Tageslänge können die Ursachen für diese Form der Phyllodie sein. Düngung Dass der Ernährungszustand der Pflanzen während der Blütenanlage eine Rolle spielen kann, wurde bereits in drei aufeinander folgenden Versuchen mit `Elsanta´ vor 20 Jahren gezeigt. Im Juli gesetzte Pflanzen bekamen über Tropfbewässerung den ganzen Herbst über entweder eine vollständige Nährlösung mit EC 1,45 oder angesäuertes Wasser mit EC 0,45 (Tab. 1). Durch die Beschränkung in der Ernährung kurz vor und während der Blütenanlage des ersten Blütenstängels konnten primäre Blüten wieder ins vegetative Stadium umschlagen. Die ersten Blüten zeichneten sich durch ihre großen, langen Kelchblätter mit verlängerten Blütenböden aus. Temperatur und Tageslänge Bei zu warm überwinterten Pflanzen einer Durchkultur unter Glas oder unter früh gesetzten Tunneln in milden Wintern erkennt man in der Praxis häufig Phyllodie an den ersten Blüten. Bereits 1992 konnte gezeigt werden, dass die Blütenanlage bei hohen Temperaturen im Winter wieder in die vegetative Phase übergeht. Dies war bei einer Durchkultur von `Elsanta´ der Fall: die Phyllodie nahm von 0,5 % bei 16 °C auf 1,7 % bei 20 °C zu. Beim Überwintern von Pflanzen remontierender Sorten im Gewächshaus, einem Kultursystem, das in den letzten Jahren immer bedeutender wird, kann auch Phyllodie auftreten, wenn die Temperaturen zu hoch werden. Dies wurde in zwei Versuchen beim Pcfruit deutlich, bei denen Traypflanzen der remontierenden Sorte `Soprano´ bei verschiedenen Temperaturen in Kombination mit Kunstlicht zur Verlängerung der Tageslänge überwintert wurden (Tab. 2 und 3). In der ersten Produktionsphase konnten einige abweichende Blüten gefunden werden; im Sommer wurde keine Phyllodie mehr beobachtet. Phyllodie entwickelte sich in besonderem Maße bei bis zu mehr als einem Viertel der ersten Blüten, wenn bei hohen Temperaturen (> 12 °C) im Gewächshaus überwintert wurde. Je mehr aufsummierte Kälte die Pflanzen erfahren hatten, desto weniger zeigte sich in der ersten Produktionsphase Phyllodie. Die Pflanzen, die während der gesamten Überwinterungszeit in der Kühlzelle aufbewahrt wurden, zeigten so gut wie keine Blüten mit Phyllodie. Auch der Effekt der Tageslänge während der Überwinterung wurde bei Pcfruit untersucht. Das tagesverlängernde Belichten ersetzte teilweise den Kältemangel und verbesserte die Blütenqualität ein wenig. Es kann den Anteil von Phyllodie betroffener Pflanzen reduzieren, vor allem bei höheren Überwinterungstemperaturen. Im Winter 2019/20 wurden umfassende Untersuchungen mit LED-Belichtung bei der Aufzucht von jungen Traypflanzen der remontierenden Sorte `Soprano´ gemacht. Sie wurden neun Wochen lang in einer Klimazelle mit sechs Lichtspektren aufgezogen (12 h Tageslänge, T/N 10/20 °C). Nach einer kurzen Kälteperiode wurden sie auf Substrat in Ertrag gebracht. Bei allen Pflanzen kam an den ersten Blüten Phyllodie vor, aber es zeigten sich keine deutlichen Unterschiede zwischen den Rot-Blau-Grün-Verhältnissen der Lichtspektren (Tab. 4). Philip Lieten, Fragaria Holland, Nicole Gallace, Pcfruit Literatur Lieten P, 1992. Effect van wintertemperatuur bij de doorteelt van Elsanta. Fruitteelt, Dez., S. 28-29. Lieten P., 2001. Voedingsniveau bepaalt bloemaanleg trayplanten. Fruitteelt, Aug., S. 24-25. Lieten P., 2002. Groeiafwijkingen en misbloei door pesticiden bij aardbeien. Fruitteelt, Mai, S. 20-21.