Soester Anzeiger: „Haben dann keine Chance“
Ohne Erntehelfer gibt es kein frisches Obst und Gemüse auf dem heimischen Teller. Oft kommen sie aus osteuropäischen Ländern wie Bulgarien, Rumänien und Polen und erhalten in der Regel den Mindestlohn. Der liegt derzeit bei 12,82 Euro. Die Industriegewerkschaft Bauen-Agrar-Umwelt (IG BAU) Westfalen Mitte-Süd veröffentlichte kürzlich einen Appell an die Obst- und Gemüsebauern im Kreis Soest, bei Saisonkräften für gute Arbeitsbedingungen zu sorgen. Damit stößt sie sowohl beim heimischen Arbeitgeberverband für Land- und Forstwirtschaft sowie den Landwirten auf Kritik.
Die IG BAU Westfalen Mitte-Süd hatte in ihrem Appell darauf hingewiesen, dass der Mindestlohn das Minimum sei, das Landwirte ihren Saisonbeschäftigten zahlen müssten. „Alles darunter ist strafbar und ein Fall für den Zoll“, so der Bezirksvorsitzende Friedhelm Kreft, in der Mitteilung, in der er anmahnt, dass Erntehelfer aus dem Ausland keine „Feldarbeiter 2. Klasse seien“.
Keine Verstöße im Kreis Soest
Auf Nachfrage, ob die Gewerkschaft Anhaltspunkte für strafbares Verhalten von Landwirten im Kreis Soest habe, erläuterte Lukas Rittinghaus, Gewerkschaftssekretär der IG BAU, dass die Stellungnahme präventiver Natur sei und Teil einer regulären Aufklärungs- und Schutzarbeit für Saisonkräfte. „Wir haben derzeit keine konkreten Anhaltspunkte für systematische Verstöße gegen den Mindestlohn im Kreis Soest“.
„Unverschämt“, was die IB BAU da mache, findet Marion von Chamier, Geschäftsführerin des Arbeitgeberverbandes der Westfälisch Lippischen Land- und Forstwirtschaft. Die Landwirte würden den Mindest- und manchmal sogar Akkordlohn zahlen. Kein Betrieb könne es sich heute leisten, den Mindestlohn nicht zu zahlen, denn es sei schwierig, „Erntehelfer zu finden und zu halten“.
Dem Verband seien keine „schwarzen Schafe“ aus den letzten Jahren bekannt. Vielmehr beobachte sie, dass viele Betriebe ihre Flächen bereits reduziert haben, weil sie keine Helfer mehr finden. Sie berichtet außerdem von dem Phänomen, dass sich manche Erntehelfer ein finanzielles Ziel setzen. „Ist das erreicht, reisen sie wieder ab“.
Die Soester Landwirte zucken angesichts des Appells mit den Schultern. Arne Korn vom Obsthof Korn in Einecke redet Tacheles. Bei dem von der Regierung angedachten Mindestlohn von 13,90 Euro in 2026 rechnet er nüchtern vor: Bei 23 Saisonarbeitern aus Rumänien und Polen (Stand: Juli 2025) sind das bei 1,10 Euro zusätzlich die Stunde 80 000 Euro mehr im Jahr, die er aufbringen muss. „Dann haben wir keine Chance“, sagt er, der von Erdbeeren, Birnen bis Mirabellen – „arbeitsaufwändige Kulturen“ – so ziemlich alles an Obst im Sortiment hat.
Wenn die Erhöhung kommt, „werden wir den Betrieb umstrukturieren müssen“. Dann möchte er nur noch für die Hofläden produzieren und jene Märkte, die regionale Produkte wertschätzen. Schon jetzt seien sie dabei, massiv zu verkleinern und weniger für den Handel zu produzieren.
Die Löhne seien der größte Posten. Der Mindestlohn habe sich seit seiner Einführung 2014 von 6,20 Euro verdoppelt: „Ein höherer Mindestlohn bedeutet immer auch höhere Sozialabgaben, was sich im Kaufpreis widerspiegelt. Und der Kunde wundert sich, dass er für eine Schale Erdbeeren dann 5,50 Euro bezahlen muss“. Schon jetzt spüre er eine aktive Kaufzurückhaltung der Kunden, die „in Zukunft dann eben immer mehr Obst und Gemüse aus dem Ausland“ auf den Teller bekommen.
Gemessen am Mindestlohn in Rumänien (2024: 4,35 Euro) verdienen die Erntehelfer hier in Deutschland in der Regel ihr Geld, um ihren Lebensstandard für sich und ihre Familien zu Hause zu sichern. Auf dem Gemüsehof Buschhoff in Borgeln sind es fünf Saisonarbeiter aus Rumänien, die von Mai bis November dort bleiben, wie bei Korn auch inklusive Unterkunft.
Der Mindestlohn wird netto ausgezahlt, die Lohnnebenkosten fallen auf den Arbeitgeber. Es sei eine extrem körperliche Arbeit, die zu einem großen Teil händisch gemacht werden müsse, verdeutlicht Landwirt Jannik Buschhoff das Problem, aufwändige Qualitätsstandards für den Frischmarkt einzuhalten und gleichzeitig Erntehelfer zu finden. Eine Handernte sei bei Salaten, Möhren und den vielen Kohlarten unerlässlich. In der Hoch-Zeit arbeiten die Erntehelfer im Minutentakt, „ohne hochzuschauen“.
Auch bei Buschhoff sind die Löhne ein treibender Kostenfaktor. „Aber wir müssen ja mitgehen“, verdeutlicht Jannik Buschhoff den Druck, noch produktiver werden zur müssen bei gleichzeitiger Einsparung von Erntehelfern, von denen sich der Betrieb mit 40 Hektar Gemüseanbau mehr nicht leisten kann.
Quelle: Soester Anzeiger

