13.07.2023

Süddeutsche Zeitung: "Eine Frage der Beere"

Foto: Valenta

Am 1.7.2023 berichtetet die Süddeutsche Zeitung über das herausforderne Geschäft mit Erdbeeren. Gesprächspartner war Frutania-Chef Markus Schneider. Hier ein Auszug: Schneider sagt: „Der Preis ist volatil wie das Wetter, volatil wie die Mengen und wie die Nachfrage.“ Es gibt eigentlich nur eine Konstante: keine Planbarkeit. Das gilt für jeden einzelnen Tag, aber auch für längere Zeiträume. 2022 etwa war ein Katastrophenjahr für die Erdbeere. Es war trocken, das Wasser knapp und ihr Preis im Keller, weil ein Überangebot herrschte. Erdbeeren aus Deutschland, Spanien und anderen Ländern strömten fast gleichzeitig auf den Markt. Doch die Verbraucherinnen und Verbraucher ließen sie einfach links liegen. Schwierig zu sagen, warum. Vielleicht war es der Schock nach dem Überfall auf die Ukraine, vielleicht die steigende Inflation. Jeden- falls sahen sich Bauern gezwungen, ihre
Ernte zu vernichten. Dieses Jahr ist wieder alles anders. Der Frühling in Spanien war zu heiß für die Beeren, im Süden des Landes tobte der „Erdbeer-Krieg“. In dem waren auch deutsche Discounter verwickelt, weil sie angeblich den Wassermangel im Nationalpark Doñana mit beförderten. Der Export nach Deutschland ging zurück. Aus Wettbewerbsgründen eigentlich keine schlechte Nachricht für die deutsche Erdbeere, aber: Nichts ist planbar. Sie konnte die Lücke nicht sofort füllen, da es in Deutschland bis in den Mai hinein kühl und regnerisch war, kein Erdbeer-Wetter, eher Fäulnisgefahr. Dann regnete es sechs Wochen kaum mehr, die Erdbeeren wurden über Tropfschläuche bewässert und gediehen bestens. Schneider vereinbarte mit Kaufland große Mengen Ein-Kilo-Schachteln Erdbeeren. Doch dann zog ein Gewitter auf und dicke Hagelkörner zerstörten die Freiland-Ernte. Schneider musste stornieren. „Das Geschäft mit Erdbeeren ist hochemotional“, sagt er. Es gibt vielleicht kein anderes, das dermaßen vom Wetter abhängt. Und weil es immer mal wieder verrückt spielt, sind Erdbeeren und ihr Preis großen Schwankungen unterworfen. Die Frucht ist zum Spielball des Klimawandels geworden. Entsprechend unkalkulierbar sind die Einnahmen für Produzenten und Vermarkter. Nicht nur das Angebot, auch die Nachfrage richtet sich nach dem Wetter. „Das ist wie Eisessen“, sagt Schneider. „Wenn die Sonne scheint, essen die Leute Eis. Ist es zu kalt, wird keine Erdbeere gegessen. So gehen die Preise rauf und runter.“ Manchmal verschrecken auch Medienberichte über Pestizid-Rückstände die Verbraucher, wie neulich eine Studie vom BUND. Sofort ging die Nachfrage laut Obstbau-Verband runter. Insgesamt verlief die Saison, die in manchen Regionen Deutschlands gerade
zu Ende gegangen ist, im Vergleich zum Vorjahr aber relativ stabil. Mittlerweile kommt jede zweite in Deutschland verkaufte Erdbeere aus dem Ausland, die meisten aus Spanien, neuerdings auch viele aus Griechenland. Dort sind die Arbeitskosten im Vergleich um einiges geringer, vor allem seitdem der Mindestlohn in Deutschland auf zwölf Euro gestiegen ist. Auch Schneider produziert inzwischen in Spanien und Marokko, aber nur von Januar bis April. Er drückt auch die Stromkosten, Photovoltaikanlagen oben auf dem Flachdach des Werks liefern die Hälfte von Frutanias Eigenbedarf. Und der ist enorm. Unten werden massenweise gepflückte Beeren wie in einem großen Kühlschrank gekühlt, im Schnitt bei zehn, teilweise sogar bei nur drei Grad, längstens für eine Nacht. Der ist ’ne riesen Nummer“, sagt Verbandschef Jörg Hilbers über Schneider. Nachdem sein Vater früh ge-
storben war, begann die Mutter 1976 mit dem Erdbeer-Anbau hier in Grafschaft. Der ältere Bruder erbte den Hof, und Markus Schneider musste sich was einfallen lassen. Und das tat er. Während allein im vergangenen Jahr laut Verband etwa zehn Prozent der Anbaubetriebe aufgaben, hält Schneider all den Wirren stand. Er arbeitet mit 35 meist großen Erzeugern zusammen, Frutania ist das Bindeglied zwischen ihnen und dem Handel. Ihr gemeinsames Ziel ist es, sich unabhängiger vom Wetter zu machen und eine einigermaßen planbare Produktion aufzubauen. Das würde das Angebot, die Einnahmen und damit auch die Preise stabilisieren – wenn die Nachfrage stimmt. Quelle: Süddeutsche.de