01.12.2023
Unternehmerisches Risiko gibt’s immer!
Man muss schon aus besonderem Holz geschnitzt sein, um in der aktuellen Zeit eine Betriebsnachfolge zu wagen. Wir sprachen mit Dominic Ell (30) über seine Erfahrungen mit dem elterlichen Beerenhof – im Generationenwechsel und in der vergangenen Saison. Spargel & Erdbeer Profi: Dominic, wie lief es diese Saison?Dominic Ell: Die Erträge und auch die Preise waren in den Erdbeeren in diesem Jahr gut. Die Johannisbeeren waren etwas weniger ertragreich als üblich, aber auch im grünen Bereich. Bei den Himbeeren stecken wir noch mitten in der zweiten Ernte, bislang sind wir auch sehr zufrieden.
Was sich etwas seltsam anfühlt: Obwohl die Einnahmen richtig gut ausschauen, Verbraucher und Handel scheinbar wirklich eingesehen haben, dass regionale Beeren ihren Preis haben, bin ich mir doch nicht sicher, ob das Betriebsergebnis unterm Strich stimmen wird. Denn die Kosten für vieles sind auch gestiegen: beispielsweise Verpackungen, Diesel, Arbeitskräfte und deren Unterbringung. Die endgültige Auswertung steht also noch aus.
Spargel & Erdbeer Profi: Du hast über Erdbeeren, Himbeeren und Johannisbeeren gesprochen – wie stark ist der Betrieb auf diese drei Kulturen spezialisiert?
Dominic Ell: Unser Focus liegt eindeutig auf diesen Kulturen, und dabei auf den frühen Sorten. Und doch – in unserer Region hat die Vielfalt auf Obstbaubetrieben eine lange Tradition, die auch bei uns noch gut erkennbar ist. Das hat verschiedene Gründe: Wir haben noch ein paar uralte Bestände von Williams-Birnen, Mirabellen und Industriekirschen, die noch sehr gut tragen. Es erscheint mir nicht sinnvoll, sie jetzt zu roden, auch wenn die langfristige Zielrichtung ein etwas schlankerer Betrieb mit weniger verschiedenen Kulturen ist. Das gleiche gilt für die Apfelanlagen, die meine Schwiegereltern in den letzten Jahren neu angelegt haben – natürlich behalten wir die, solange sie gute Erträge bringen. Ob wir in ein paar Jahren wieder neue Äpfel pflanzen, steht auf einem anderen Blatt. Ich persönlich glaube nicht, dass der Apfelanbau für den Groß- und Einzelhandel bei uns in der Region Zukunft hat.
Spargel & Erdbeer Profi: Wird der Beerenhof Ell in ein paar Jahren deutlich weniger verschiedene Kulturen im Anbau haben?
Dominic Ell: Wie gesagt, die Äpfel würde ich nicht vermissen, wenn sie langfristig wegbleiben. Und die eine oder andere Kultur, die zu wenig abwirft, wird sicher auch noch wegfallen. Einen hoch spezialisierten Betrieb sehe ich dennoch auch langfristig nicht. Denn Vielfalt bedeutet immer auch Risikoverteilung, und bietet meiner Erfahrung nach einen interessanteren Arbeitsplatz für die Saisonkräfte.
Spargel & Erdbeer Profi: Bis zu 80 Erntehelfer sind in der Hochsaison bei Euch – inwiefern kannst du ihnen einen besonders interessanten Arbeitsplatz bieten?
Dominic Ell: Ich vermute, dass wir einiges richtig machen, weil wir immer genug Leute haben und die meisten Mitarbeiter seit vielen Jahren regelmäßig kommen. Neben einem allgemein fairen Umgang führe ich das auf das relativ breite Spektrum an Aufgaben und Zeiten zurück, das wir anbieten. Von den Vorbereitungen der Erdbeerernte Mitte April bis zum Ende der Himbeerernte im Spätherbst kann ich immer Leute brauchen. Die Erfahrung zeigt, dass immer mehr Helfer über einen längeren Zeitraum bleiben wollen. Sie kommen bei uns zu 100 % aus Rumänien. Vor ein paar Jahren war es noch möglich, mit dem Gehalt von zwei Monaten bei uns und vielleicht ein paar Gelegenheitsjobs daheim gut über die Runden zu kommen. Doch inzwischen sind auch dort die Lebenshaltungskosten gestiegen. Wenn der Lohn für ein Jahr reichen soll, sind schon drei oder vier Monate Arbeiten in Deutschland nötig. Unsere Kulturfolge macht das auf jeden Fall möglich. Ein relativ hoher Anteil unserer Mitarbeiter ist sozialversicherungspflichtig. Das ist für uns zwar auf den ersten Blick teurer, lohnt sich aber, wenn die Leute zuverlässig und kompetent sind.
Und seit letztem Jahr habe ich für meine Arbeitskräfte noch eine weitere Möglichkeit geschaffen: Zusätzlich zum Obstbaubetrieb habe ich die Dienstleistungsfirma Fruchtsupport Ell gegründet. Über diese übernehmen meine Mitarbeiter ganzjährig Aufgaben rund ums Sortieren und Verpacken von Obst bei unserem Großhändler Fruitfels. Damit ist nicht nur die potenzielle Zeitspanne der Mitarbeit deutlich verlängert – auch das Spektrum an Aufgaben hat sich erweitert. Auch wer nicht so gerne draußen auf dem Feld arbeitet – oft sind das die Partnerinnen landwirtschaftlich versierter Männer – kann also einen passenden Arbeitsplatz finden.
Spargel & Erdbeer Profi: Ist der Großhandel dein einziger Absatzkanal?
Dominic Ell: Nein, der Großhandel Fruitfels ist erst seit der Saison 2023 für uns ein Abnehmer der Früchte. Davor hatte ich mir bereits einen Kundenstamm an Wiederverkäufern aufgebaut, vornehmlich Einzelhändler und Marktbeschicker. Das Auftreten von Fruitfels kam mir sehr gelegen, denn die Zentrale liegt nur wenige Kilometer von meinem Betrieb entfernt, und Firmenphilosophie und die Menschen dahinter passen sehr gut zu uns. In den Jahren zuvor gab es hier eigentlich nur die Genossenschaft als Großabnehmer. Bei dieser gilt eine Andienungspflicht, für die ich meinen selbst erarbeiteten Kundenstamm hätte aufgeben müssen. Fruitfels ist nun einfach als zusätzlicher Großabnehmer hinzu gekommen, der sich bislang sehr bewährt.
Was ich an der Zusammenarbeit besonders schätze, sind die detaillierten Informationen zur Marktsituation, die ich hier bekomme. Die Marktleiter geben mir beispielsweise eine fundierte Prognose, wie sich Nachfrage und Qualitätsanspruch in den Erdbeeren in den nächsten ein bis zwei Wochen entwickeln. Aufgrund dessen kann ich entscheiden, ob ich ein mittelprächtiges Erdbeerfeld noch einmal durchernte, oder ob ich es ruhen lassen und meine Leute lieber gleich in die Johannisbeeren schicke.
Spargel & Erdbeer Profi: Deine Eltern sind erst Mitte 50, also vom Rentenalter noch weit entfernt. Dennoch liegt die Betriebsleitung bereits bei dir. Wie habt Ihr die Übergabe gestaltet, und welche Rolle spielen deine Eltern heute im Betrieb?
Dominic Ell: Als ich 2012 nach meiner Ausbildung nach Hause zurückkam, haben meine Eltern mir sofort ein paar Flächen und eine Brennerei übertragen. Ich hatte also gleich meinen eigenen Betrieb, in dem ich alle Entscheidungen eigenverantwortlich treffen und so erste Erfahrungen als Betriebsleiter sammeln konnte. Anfangs war es ein sehr kleiner Betrieb, zumal ich auch bis 2015 noch mit der Meisterschule beschäftigt war. Im Laufe der Zeit wurde der Betrieb meiner Eltern immer kleiner und meiner immer größer, bis ich 2020 zum alleinigen Betriebsleiter wurde. Im selben Jahr haben sich meine Eltern getrennt, und meine Mutter ist aus dem Betrieb ausgestiegen. Der Hofladen, den sie über viele Jahre geführt hat, ist seitdem geschlossen. Mein Vater ist weiterhin in Vollzeit mit im Betrieb. Im Rahmen der weiteren betrieblichen Entwicklungen hat er die Möglichkeit, sich stärker auf seine Lieblingsaufgabe zu konzentrieren: Das Warten, Reparieren und selbst Entwickeln der landwirtschaftlichen Maschinen.
Spargel & Erdbeer Profi: Du hast vorhin erwähnt, dass deine Schwiegereltern Apfelbäume gepflanzt haben. Dass diese für dich und den Beerenhof Ell relevant sind, hat vermutlich etwas mit der weiteren Betriebsentwicklung zu tun?
Dominic Ell: Ja, genau. Meine Partnerin Sophia Müller ist nämlich auch Betriebsnachfolgerin. Der Obsthof Müller mit seinem Schwerpunkt auf Äpfeln, Beeren und Steinobst liegt im gleichen Ortsteil Oberkirch-Stadelhofen. Wir arbeiten bereits seit vielen Jahren zusammen, und nun haben wir beschlossen: Im nächsten Jahr möchten Sophia und ich heiraten, und zeitnah werden wir unsere beiden Betriebe zu einem zusammenführen. Die Apfelanlagen, die Sophias Vater gepflanzt hat, gehören dann also auch zu unserem gemeinsamen Betrieb.
Spargel & Erdbeer Profi: Wir gratulieren. Eine private Hochzeit muss ja nicht automatisch eine betriebliche Fusion bedeuten – was hat bei euch den Anstoß zu diesem Schritt gegeben?
Dominic Ell: Dass wir uns gegenseitig aushelfen und teilweise Maschinen gemeinsam nutzen, bewährt sich seit vielen Jahren. Von der grundsätzlichen Ausrichtung her passen die Betriebe gut zusammen. Natürlich hätten wir auch weiterhin einfach als zwei eigenständige und kooperierende Betriebe weitermachen können. Die entscheidende Argument für die Fusion war für mich schon die konkrete Familienplanung. Sophia und ich sind beide auf unseren Betrieben gleichermaßen verantwortlich engagiert. Sollte sich unser Kinderwunsch erfüllen, ist der Gedanke, dass dann mein Betrieb ganz normal weiter läuft, während Sophias Eltern schauen müssen, wie sie mit einer Person weniger in der Betriebsleitung klarkommen, war für mich gar nicht vorstellbar. Als ein großer Zweifamilienbetrieb können wir das viel besser ausgleichen, wenn Sophia eine Weile mit Schwangerschaft und kleinen Kindern beschäftigt ist. Und es wird weiterhin einen Obsthof Müller mit einem kleinflächigen Anbau hauptsächlich für Direktvermarktung und Brennerei geben.
Spargel & Erdbeer Profi: Der gemeinsame Betrieb mit dem Großteil der Flächen wird dann deinen Namen – Beerenhof Ell – tragen. Ist es denn schwierig, zwei unterschiedlich organisierte Betriebe zu einem zusammen zu fassen?
Dominic Ell: In den letzten Jahren saßen wir als Familien immer wieder gemeinsam am Tisch. Eine Zusammenführung beider Betriebe zu einem war zunächst nicht die Zielrichtung, doch durch die vielen Gespräche hat sich diese Idee irgendwann als sehr gute Lösung gezeigt. Ich kann mich nicht an Situationen erinnern, in denen wir über unterschiedliche Vorstellungen gestritten haben. Es ging immer darum, verschiedene Sichtweisen einzunehmen und den Weg einzuschlagen, der am besten funktionieren kann. Natürlich braucht es viel gegenseitiges Vertrauen, und insbesondere meinem Schwiegervater rechne ich sehr hoch an, wie viel Vertrauen er mir entgegen bringt. Sophia und ich sind bereits seit zehn Jahren ein Paar, es gab also reichlich Zeit, in der das gegenseitige Vertrauen wachsen konnte; zu Beginn unserer Partnerschaft spielten betriebliche Fragen noch gar keine Rolle. Knifflig sind vor allem viele rechtliche und steuerliche Details; bei einigen Planungsgesprächen war unser Steuerberater dabei und hat uns damit unterstützt.
Spargel & Erdbeer Profi: Dein Vater hat im „Doppelfamilienbetrieb“ den Posten des Maschinenschraubers – wie habt Ihr sonst die Aufgaben verteilt?
Dominic Ell: Sophia und ich werden uns als Betriebsleiterpaar hauptsächlich um den Anbau kümmern, ihr Vater Klaus Müller wird schwerpunktmäßig im Büro sein. Ihre Mutter Daniela Müller wird Sophia im Anbau unterstützen und uns als Köchin weiterhin täglich kulinarisch verwöhnen. Wir sind uns dabei einig: Es ist gut, wenn jeder seinen klaren Aufgabenbereich hat, aber dogmatisch soll es dabei nicht zugehen. Innerhalb des Familienteams kann jeder für den anderen einspringen und nach Bedarf immer wieder auch Aufgaben außerhalb seines Kerngebiets übernehmen.
Spargel & Erdbeer Profi: Das klingt nach einem starken und leistungsfähigen Team – wie blickst du mit diesem gut aufgestellten Betrieb in die Zukunft?
Dominic Ell: In den letzten paar Jahren sind doch einige Dinge passiert, die keiner von uns für möglich gehalten hätte, die Lockdowns während Corona oder der Krieg in der Ukraine. Von daher denke ich, da kann auch in den nächsten Jahren noch manches passieren, was wir heute noch nicht ahnen. Relativ sicher ist wohl, dass sich das Klima weiter verändern wird und wir im Anbau weiterhin mit trockenen Sommern und starken Unwettern rechnen müssen. Für noch unberechenbarer halte ich die Politik und die Verbraucher. Hier sehe ich einige Entwicklungen, die uns Obstbauern in die Arme spielen: Der Trend hin zu gesunden und regionalen Lebensmitteln ist ja sichtbar, und ich meine, wenn wir die Erderwärmung einigermaßen im Zaum halten wollen, sollten wir doch hier heimische Erdbeeren und kein eingeflogenes Obst aus Übersee essen. Und doch – wie schnell den Verbrauchern die Nachhaltigkeit ihrer Ernährung wieder egal ist, wenn sie Angst vor Krieg oder finanziellen Engpässen haben, das hat sich in den letzten zwei Jahren gezeigt. Es kann also sein, die politischen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen bleiben noch über viele Jahre so, dass man hier mit entsprechender Professionalität gut vom Obstbau leben kann – es kann aber genauso gut sein, dass sich das irgendwann ändert. Aber selbst wenn sich in fünf oder zehn Jahren zeigen sollte, das Obstbau hier nicht mehr funktioniert – würde ich mich dann heute anders entscheiden? Ich meine nein. Ich übe meinen Beruf mit Leidenschaft aus, tue mein bestes, dass der Betrieb modern, flexibel und zugleich beständig ist, und bei den Dingen, die ich nicht vorhersehen oder beeinflussen kann, denke ich mir: Ein unternehmerisches Risiko habe ich doch immer, egal in welcher Branche ich mich selbstständig mache.
Spargel & Erdbeer Profi: Vielen Dank für das offene Gespräch!
Katja Brudermann (Artikel aus SEP 05/23)

