09.04.2020

Corona und die unabsehbaren Folgen

Thomas Kühlwetter

In diesen Tagen ist nichts mehr, wie es vorher war. Corona hat die Welt verändert. Krankenhäuser können in manchen Ländern die Flut an Patienten nicht mehr aufnehmen, Fabriken stehen still, Menschen bleiben in ihren Häusern, die Börse bricht zusammen, macht am 24. März und den Tagen danach den größten Sprung nach oben, trotzdem ist der Börsenwert der Unternehmen um mehr als ein Viertel gesunken. Das öffentliche Leben steht still und die Wirtschaft liegt am Boden – all dies geschieht in nur wenigen Wochen: unfassbar! Unsere Branche steckt mitten drin, ist Teil des Ganzen, System relevant, wie man so schön sagt. Was aber ist, wenn das System in sich teilweise zusammen bricht, weil an einigen Stellschrauben niemand mehr ist, der eine zentrale Position einnimmt und etwas bewegen könnte. Eigentlich war die Stimmungslage in vielen Betrieben gar nicht so schlecht nach dem Ablauf der letzten Saison. Diese hatte zwar auch Grenzen aufgezeigt und die Schwachstellen offen gelegt - zu Euphorie bestand kein Grund, aber auch nicht dazu, den Kopf völlig in den Sand zu stecken. Steigende Lohnkosten, höherer Aufwand, mehr Dokumentation, immer wieder überfüllte Märkte auf Grund von Flächenausdehnungen und Effizienzsteigerungen und die Verfügbarkeit von Arbeitskräften – das waren unsere wichtigen Themen. Und sie sind es wohl heute noch, allerdings inzwischen völlig überlagert von COVID-19, dem Coronavirus SARS-CoV-2. Wohl niemand kann diesem Virus aktuell noch etwas Gutes abringen, hat es doch die etablierten Abläufe in kürzester Zeit unterbrochen und den Alltag in zuvor unvollstellbarer Weise verändert. Statt Zuversicht im Bewusstsein auf das eigene Können herrscht Angst vor, weil festgeglaubte Größen links und rechts ohne greifbare vorherige Ankündigung wegbrechen. Saisonarbeitskräfte haben Angst davor, ihre Heimatländer zu verlassen, weil  die Ungewissheit über die weitere Entwicklung der Pandemie die Rückkehr nach Hause in Frage stellt, weil plötzlich Landesgrenzen geschlossen und Deutschland auf dem Landweg nicht mehr erreichbar ist. Weil Flugverbindungen gekappt werden, auf deutschen Flughäfen die Einreise verweigert wird oder das Heimatland ein Ausreiseverbot erlassen hat. Täglich, manchmal stündlich, ändern sich die Vorzeichen. Am 25. März schließt die Bundesregierung wegen der Corona-Pandemie die Grenzen für die Einreise ausländischer Saisonarbeiter, die aus sogenannten Drittstaaten (Rumänien, Bulgarien, Ukraine) stammen; dies ist eine absolute Katastrophenmeldung für die Betriebe. Wie lange der Einreisestopp gelten solle, war zu diesem Zeitpunkt noch nicht klar. Im Inland  werden die Restriktionen permanent  verschärft, das Leben von Menschen und der Zusammenbruch des Gesundheitssystems stehen auf dem Spiel – vor diesem Szenario rückt alles andere in den Hintergrund. Restaurants und Gaststätten sowie ganze Industriezweige werden geschlossen, ähnliche wie zahlreiche andere Unternehmen aus Dienstleistung und Gewerbe. Noch (am 25. März) sind Hofläden und Verkaufsstände nicht von den Maßnahmen betroffen, doch wer weiß schon, ob dies so bleibt. Auf jeden Fall bleibt die eigene Hofgastronomie zu, es sei denn, die Betreiber entwickeln kurzerhand einen Lieferservice. Kreativität und die Offenheit zu Neuem sind in solchen Phasen immer wieder gefragt. Weil die Saisonarbeiter ausbleiben, wird über verschiedene Internetportale und soziale Netzwerke dazu aufgerufen, bei der Ernte zu helfen, um zu retten, was zu retten ist. Und die Resonanz ist viel größer als erwartet. Was tatsächlich umgesetzt werden kann und am Ende bleibt, ist abzuwarten. Sich dem Angebot trotz vielleicht abwartender Grundeinstellung  offen gegenüber zu zeigen, ist ein absolutes Gebot der Stunde. Zweifelsohne wird manches holpriger laufen als mit den meist erfahren Saisonarbeitern aus Osteuropa, aber einen Versuch ist es allemal wert. Es wäre jetzt ein fatales Zeichen, das Angebot der Solidarität, das wir immer gewünscht haben, auszuschlagen. Unsere Betriebe stehen vor der größten Herausforderung der Geschichte seit dem Ende des zweiten Weltkriegs – gegenwärtig ist der weitere Verlauf der Entwicklung absolut nicht absehbar, denn permanent ändern sich die Vorzeichen. Den Spargel und die Beerenfrüchte wird das in ihrem Wachstum nicht beeinflussen. Unklar ist auch, wie der Konsum in dieser außergewöhnlichen Zeit sich entwickeln wird. Üben die Menschen Zurückhaltung oder sind sie hungrig darauf, endlich etwas Frühlingsgefühl erleben zu dürfen?  Kann das Wegbrechen der Gastronomie irgendwie kompensiert werden und welche Mengen kommen überhaupt auf den Markt, wenn der Mangel an Erntehelfern fortbesteht? Wann werden die ersten Restriktionen aufgehoben oder drohen noch weitere Verschärfungen? In dieser Situation sind der Mut zur Improvisation, ein gutes Nervenkostüm und das Vertrauen auf wieder bessere Zeiten unverzichtbare Begleiter – versuchen Sie, das Beste daraus zu machen! Kernsatz: „Die Betriebe stehen vor der größten Herausforderung der Geschichte seit dem zweiten Weltkrieg. Thomas Kühlwetter