09.04.2020
Praktischer Nützlingseinsatz im Beerenobst

Mithilfe einer Handylupe, die auf die Kamera des Smartphones geclipst wird, können Nützlinge und Schädlinge fotografiert werden
Foto: Nitsch
Durch Binokulare konnten Nützlinge betrachtet werden, die gegen Blattläuse, Spinnmilben und Thripse zum Einsatz kommen. Vorgestellt wurden zudem offene Zuchten als Strategie zur Blattlausbekämpfung, Ausbringtechniken und die Kostenkalkulation eines gängigen Nützlingseinsatzes in einer Erdbeerkultur.
Der Einsatz von Nützlingen bietet Chancen, aber auch Risiken was den Erfolg der Schädlingsbekämpfung angeht. Andrea Sausmikat, Beraterin für den ökologischen Beerenobstanbau der Landwirtschaftskammer NRW eröffnete die Veranstaltung mit den Vor- und Nachteilen des Nützlingseinsatzes. Während durch Nützlinge keine Probleme mit Rückständen in den Nahrungsmitteln zu befürchten sind, es keine Wartezeiten und kein Anwenderrisiko gibt, stehen dem ein hoher Beratungsbedarf und viel Geduld bei der Umstellung gegenüber. Ein zeitintensives Monitoring gehört ebenfalls zu den Punkten, die beachtet werden müssen. Dafür sollte mindestens eine halbe Stunde je Hektar und Woche aufgewendet und die Ergebnisse protokolliert werden. Trotzdem ist es nicht immer einfach, die Effektivität einer Maßnahme realistisch einzuschätzen.
Beim Einsatz von Pflanzenschutzmitteln sollte unbedingt darauf geachtet werden, wie gut diese mit Nützlingen verträglich sind und wie lange das jeweilige Mittel eine schädigende Wirkung auf die eingesetzten Nützlinge hat (Persistenz).
Blattlausbekämpfung im Beerenobst
Andrea Sausmikat fuhr mit dem ersten Themenblock zur Blattlausbekämpfung fort und ging zunächst auf verschiedene Blattlausarten ein, die im Beerenobst vorkommen, wie u.a. die Schalotten- oder die Erdbeerknotenhaarlaus. Zur Bekämpfung von Blattläusen werden Schlupfwespen eingesetzt. Je nach Blattlausart muss auch die Schlupfwespenart gewählt werden, um eine gute Parasitierungsrate der Blattläuse sicherzustellen. Nützlingshersteller bieten Röhrchen an, die fünf bis sechs verschiedene Schlupfwespenarten enthalten. Diese befinden sich als parasitierte Blattläuse in den Röhrchen, die temperaturabhängig innerhalb kurzer Zeit nach der Lieferung schlüpfen.
Die Röhrchen werden in die Kultur gehangen, ein Röhrchen mit 250 Tieren deckt etwa 200 m
2 ab. Durch die verschiedenen Schlupfwespenarten wird sichergestellt, dass verschiedene Blattlausarten in der Kultur parasitiert werden. Je nach vorhandener Blattlausart eignet sich dann aber unter Umständen nur ein Teil der Schlupfwespen für die Parasitierung.
Eine andere Variante zur Etablierung von Schlupfwespen ist die offene Zucht, die Andrea Sausmikat auch praktisch vorführte. Dabei werden Getreidepflanzen gekauft, die mit zwei verschiedenen Getreideblattlausarten beimpft sind, sogenannte Banker Plants. „Getreideblattläuse saugen ausschließlich an einkeimblättrigen Pflanzen und sind somit unkritisch für die Beerenkultur“, betonte Sausmikat.
Nach Erhalt werden die beimpften Banker Plants in Töpfe gepflanzt und in eine geschützte Umgebung gestellt, beispielsweise in einen Kasten mit Insektenschutzgewebe, damit sich die Getreideblattläuse vermehren können. Anschließend werden Schlupfwespen der Arten
Aphidius ervi und
Aphidius colemani zugesetzt, die die Getreideblattläuse parasitieren. Danach kommen die Töpfe mit den parasitierten Getreideblattläusen in die Kultur. Dort schlüpfen die Schlupfwespen und suchen im Bestand direkt nach Blattläusen.
Bei der offenen Zucht ist es wichtig, rechtzeitig neue Banker Plants anzuziehen, bei denen erneut die beiden Schlupfwespenarten die Getreideblattläuse parasitieren, um die alten Banker Plants im Bestand regelmäßig zu ersetzen. Unter Binokularen konnten die Teilnehmer verschiedene Schlupfwespenarten sehen und teilweise auch den Schlupf der Schlupfwespen aus den Blattlausmumien beobachten, bei dem die geschlüpfte Schlupfwespe von innen ein kreisrundes Loch aus der Blattlausmumie sägt. Als weitere Gegenspieler können auch Florfliegen, Schwebfliegen, räuberische Gallmückenlarven oder Marienkäfer eingesetzt werden.
Spinnmilbenbekämpfung im Beerenobst
Sandra Nitsch vom Pflanzenschutzdienst der Landwirtschaftskammer NRW fuhr mit dem zweiten Themenblock zur Spinnmilbenbekämpfung fort. Spinnmilben vermehren sich unter warmen, trockenen Bedingungen am besten und können in bis zu sieben Generationen über den Vegetationsverlauf auftreten. Da ein Weibchen mehrere hundert Eier ablegen kann, kann sich die Population in sehr kurzer Zeit stark aufbauen. Im Beerenobst tritt vor allem die Bohnenspinnmilbe
Tetranychus urticae auf. Der Populationsaufbau beginnt ab Mitte März über befruchtete Winterweibchen, die an Herzblättern, Rhizomen oder im Laub überwintert haben.
Als Gegenspieler wird die Raubmilbe
Amblyseius californicus eingesetzt, in der Regel als Tütenware. Dabei befinden sich die Raubmilben zusammen mit Weizenkleie und Futtermilben in Papiertütchen, die von innen beschichtet sind und so die Luftfeuchtigkeit im inneren aufrecht halten. Durch eine Perforation an der Oberseite der Tütchen können die Raubmilben in die Kultur auswandern. An dieser Stelle darf das Tütchen nicht feucht werden. Damit sich die Raubmilben etablieren können, wird ein Tütchen auf zwei Laufmeter frühzeitig eingesetzt. Bei stärkerem Druck in der Kultur sollte ein Tütchen je Laufmeter aufgehängt werden. Die Tütchen sollten direkt in die Pflanzen gehangen werden und nicht an Drähte oder Schnüre.
Bei Erdbeeren werden die Tütchen dazu an Blattstiele gehangen, bei Himbeeren sollten die Tütchen auf etwa 1,20 m Höhe in die Ruten gehangen werden. Somit befinden sich die Tütchen im Schatten und die Raubmilben wandern direkt auf die Pflanzenorgane aus. Berühren sich die Blätter, bzw. Lateralen mit denen der Nachbarpflanzen, so wandern die Raubmilben auch dorthin weiter aus. Bei höherem Befallsdruck sollte zusätzlich die Raubmilbe
Phytoseiulus persimilis als Streuware eingesetzt werden, mit mindestens fünf Tieren je Laufmeter. Da das erste Larvenstadium dieser Raubmilbe Wasser aufnehmen muss, sollte regelmäßig kurz Wasser über den Bestand gesprüht werden, sofern kein Tau vorhanden ist. Der Einsatz beider Raubmilben sollte regelmäßig erfolgen, wobei die Tütchen einen Zeitraum von bis zu sechs Wochen abdecken können.
Sandra Nitsch ging im weiteren auf die Erfolgskontrolle des Raubmilbeneinsatzes ein. „Das Verhältnis von Raubmilben zu Spinnmilben sollte 1:10 betragen“, betonte sie. Die Kontrolle sollte dabei zwei bis drei Wochen nach dem Nützlingseinsatz erfolgen und das Verhältnis sollte sich nicht zu Gunsten der Spinnmilben verändern. Einen erfolgreichen Einsatz zeigen ausgesaugte Eier und Spinnmilben in allen Stadien. Sobald eine verstärkte Vermehrung eines Schädlings festzustellen ist, sollte nicht gezögert werden, die Ausbringmenge an Gegenspielern deutlich zu erhöhen, d.h. mindestens verdoppeln.
Neben der Betrachtung beider genannter Raubmilben unter dem Binokular und Astproben mit einem Besatz der Obstbaumspinnmilbe stellte Sandra Nitsch Ausbringmethoden für Streumaterial mit dem Koppert Airbug vor. Dabei wird das Streumaterial mit Nützlingen in eine Dose gegeben, die seitlich Löcher besitzt, deren Größe einstellbar ist. Darüber kann die Menge an Trägermaterial mit Nützlingen dosiert werden, die über der Kultur ausgestreut wird. Für Raumkulturen, wie Himbeeren, kann, je nach Modell, zusätzlich ein Ventilator eingeschaltet werden, der das herabfallende Streumaterial mit den Nützlingen in die Raumkultur bläst. Zudem stellte Sandra Nitsch verschiedene Lupen vor, mit denen im Bestand nach Schädlingen gesucht werden kann. Um Fotos von Schädlingen bzw. Nützlingen im Bestand zu machen eignen sich Handylupen, die auf die Kamera des Smartphones geclipst werden.
Thripsbekämpfung im Beerenobst
Den dritten Block zu Thripsen und Gegenspielern stellte Steffen Finder, Beerenobstberater der Landwirtschaftskammer NRW, vor. Vor allem der kalifornische Blütenthrips
Frankliniella occidentalis ist schwer zu bekämpfen, da er Resistenzen gegen alle ausgewiesenen Pflanzenschutzmittel besitzt. Aber auch der Zwiebelthrips
Thrips tabaci, der Rosenthrips
Thrips fusicpennis und der Blütenthrips
Frankliniella intonsa kommen in Erdbeerkulturen vor und schädigen die Kultur durch ihre Saugtätigkeit. Typische Merkmale von Thripsschäden sind Verbräunungen an den Kelch- und Blütenblättern, sowie bronzefarbene Verfärbungen an den Früchten. Rund um die Nüsschen der Erdbeeren kann es bei den reifenden Früchten zu Rissbildungen kommen.
Beim Monitoring sollten Blätter, Blüten und Früchte in Augenschein genommen werden. „Schauen Sie unter die Kelchblätter der Früchte“, führte Finder an, „dort halten sich gerne Thripse auf, vor allem bei wärmeren Temperaturen“. Man sollte sich einige Sekunden Zeit nehmen, wenn man mit der Lupe Pflanzenteile oder Blüten betrachtet, da die gelben oder grünen Thripslarven beispielsweise in der Blüte oder auch am Kragen der Erdbeere gut getarnt sind und oftmals erst auffallen, wenn sie sich bewegen.
Bei Himbeeren ist es ratsam, die Frucht vom Blütenboden zu lösen und sie von innen zu betrachten. Dort halten sich Thripse geschützt auf und verursachen Schäden durch Ihre Saugtätigkeit. Einzelne Beeren färben dann nicht oder nicht vollständig aus. Gegen Thripse werden verschiedene Raubmilben eingesetzt. In der gängigsten Strategie werden Raubmilben der Art
Amblyseius cucumeris wöchentlich mit 100 Tieren je Laufmeter ausgebracht. Bei steigendem Druck durch die Thripse wird die Anzahl an Tieren je Laufmeter auf bis zu 500 erhöht. Alternativ ist auch der Einsatz der Raubmilbe
Amblyseius swirskii möglich.
Die Kosten für diese Raubmilbe sind dabei gegenüber
A. cucumeris deutlich höher, allerdings kommt man dabei in der Regel mit einer Ausbringung alle vier bis sechs Wochen aus. Zur besseren Etablierung von
A. swirskii kann eine Zufütterung mit Pollen erfolgen, wenn die Kultur noch keine oder nur wenige Blüten besitzt, die Pollen liefern. Die Zufütterung mit Typha-Rohrkolbenpollen (Nutrimite) sollte dann zweiwöchentlich durchgeführt werden mit einer Ausbringmenge von 500 g Pollen je ha.
In der Tab. 1 ist eine Aufstellung der Kosten für verschiedene Nützlingsstrategien bei einer frühen Erdbeerkultur im geschützten Anbau aufgeführt. In der Variante 1) mit
A. cucumeris wurden in über zehn Ausbringungen insgesamt 1 200 Tiere/lfm eingesetzt. In den Varianten 2) und 3) wurden zu Beginn einmalig 200 Tiere/lfm
A. cucumeris ausgebracht, anschließend in zwei Ausbringungen insgesamt 140 Tiere
A. swirskii. In der Variante 3) wurde zusätzlich dreimal Nutrimite ausgebracht mit 0,07 g/lfm. Diese Tabelle dient lediglich dazu, die Kosten exemplarisch aufzuzeigen, die über einen zehnwöchigen Nützlingseinsatz bei verschiedenen Strategien anfallen und erlaubt keine Aussage zur jeweiligen Wirksamkeit. Je nach Befallsdruck können auch Ausbringungen eingespart werden, andererseits aber auch deutlich höhere Ausbringmengen und damit Kosten anfallen, um einem hohen Thripsbefall Herr zu werden.
Zum frühzeitigen Einsatz eignet sich die Bodenraubmilbe
Hypoaspis miles, die sich vor allem in der oberen Bodenschicht aufhält. Sie kann bis zu sieben Wochen ohne Nahrung auskommen und somit auch gut vorbeugend eingesetzt werden. Alle drei genannten Raubmilben erbeuten nur das erste und zweite Larvenstadium der Thripse. Bei stärkerem Befall mit hohem Besatz an Thripsen in allen Stadien bleibt dann nur der Einsatz der Blumenwanze
Orius laevigatus. Sie erbeutet alle Stadien der Thripse und kann gut in Kombination mit Raubmilben eingesetzt werden. Während Thripse und Spinnmilben Trockenheit und Wärme bevorzugen, brauchen die Nützlinge eine Luftfeuchtigkeit von mindestens 60 % im Bestand. Bei wärmeren Temperaturen kann diese über Graseinsaat unter den Stellagen bei Erdbeeren oder durch Nebeldüsen unter dem First erreicht werden.
Neben den Vorträgen und praktischen Übungen blieb auch genug Zeit für einen Erfahrungsaustausch zwischen den Teilnehmern zu Nützlingen, die der eine oder andere Betrieb schon einsetzt. In offener Runde konnten Fachfragen direkt gestellt und beantwortet werden. Die Rückmeldungen zu den gut besuchten Veranstaltungen waren durchweg positiv. Für 2021 plant die Landwirtschaftskammer NRW deshalb bereits weitere Veranstaltungen zu diesem Thema.
Steffen Finder, GBZ Köln-Auweiler