09.04.2020

Von der Spinne bis zum Vollautomaten

Wie sieht die Zukunft im Spargelanbau aus? Für viele Betriebe ist es eine Reise zwischen Hoffen und Bangen. Dem Hoffen, dass die Arbeiter auch tatsächlich zeitgerecht zur Ernte anreisen und bis zum Ernteende oder dem vorgesehenen Zeitpunkt auf den Betrieben bleiben und dem Bangen, dass steigende Löhne die Rentabilität nicht noch weiter in Frage stellen. Besonders bei der Ernte sind viele Arbeitskräfte gefragt. Bleiben sie zu Hause oder reisen vorzeitig in ihre Heimatländer bzw. zu attraktiveren Arbeitgebern in andere Bereiche der Wirtschaft ab, bleibt Spargel auf den Feldern.

In der vergangenen Saison organisierte die Landwirtschaftskammer Nordrhein-Westfalen eine Vorführung verschiedener Erntetechniken auf dem Betrieb Sterthoff
Foto: Kühlwetter

Steigender Kostendruck und die Unsicherheit bei der Verfügbarkeit motivierter Arbeitskräfte werfen die Frage nach Alternativen zur Unterstützung der Ernte bis hin zum Vollernter auf. Doch wie funktionieren die einzelnen Techniken, welche Möglichkeiten bieten sie und wie weit sind sie für den Einsatz in der Praxis ausgereift? In einer Vorführung auf dem Betrieb von Bernhard Sterthoff in Wadersloh wurden einige nicht selektiv arbeitende Maschinen zum Ende der Saison 2019 im Rahmen einer Veranstaltung der Landwirtschaftskammer Nordrhein-Westfalen vorgeführt. „Wir wollen zeigen, wie die Maschinen arbeiten und wie die Qualität des geernteten Spargels ist. Schließlich ist es für die Anbauer wichtig, dass sie ein eigenes Bild von der Arbeits- und Funktionsweise der Maschinen erlangen“, erklärte Spargelberater Ralf Große-Dankbar bei der Vorführung. Nicht selektive Spargelernte Während der Vorführung wurden drei Geräte zur nicht selektiven Spargelernte vorgestellt. Die „Molly“ von Böckenhoff wurde im Zeitraum 2010 bis 2012 entwickelt und gebaut. Im Vergleich zu den anderen nicht selektiv arbeitenden Geräten hat Böckenhoff bei der Konstruktion der „Molly“ auf ein anderes System gesetzt. Bei diesem Verfahren wird der Spargeldamm von zwei vertikal laufenden Sechscheiben in einer genau definierbaren Höhe oberhalb der Kronen unterschnitten, die Erde von einer nachfolgend angeordneten, rotierenden Walze aufgenommen und gelockert, sodass die abgeschnittenen Spargelstangen leicht aufgenommen werden können. Die Sechscheiben können in der Höhe genau auf das Alter der Anlage sowie auf den Zustand von Pflanze und Boden eingestellt werden. Neben dem Antrieb über Räder ist optional ein Kettenlaufwerk lieferbar, das unter schwierigen Bodenverhältnissen seine Vorzüge ausspielen kann. Eine Person ist zur Bedienung der Maschine erforderlich. Sie und bis zu drei weitere Personen nehmen die abgeschnittenen Spargelstangen auf. Eine Person ist verantwortlich für das Einfädeln bzw. Ablegen der Spargelfolie am Reihenanfang und –ende sowie für den Kistentransport. Im hinteren Bereich der Maschine sorgt ein hydraulisch angetriebener Dammformer dafür, dass der Damm wieder sauber aufgebaut wird, wenn gewünscht auch höher als zuvor. Am Vorgewende werden ungefähr 4 m Wendekreis beansprucht, die „Molly“ wird über den Mittelpunkt der Hinterachse, über die auch der Antrieb erfolgt, gedreht. Angetrieben wird das Gerät durch einen 30-PS-starken Dieselmotor von Hatz. Die Folie wird am Reihenbeginn manuell eingefädelt, über das Dach geführt und am Heck des Gerätes wieder abgelegt. Ein Faktor für die Geschwindigkeit, mit der die „Molly“ über die Dämme fährt, ist - neben der vorhandenen Erntemenge - die Arbeitsleistung der Personen, die den Spargel aus dem gelockerten Damm heraus aufnehmen. Wird im Anschluss an eine Durchfahrt mit der „Molly“ weiter manuell geerntet, trägt der locker aufgebaute Spargeldamm nicht nur zur Erhöhung der Produktqualität z.B. durch einen geringeren Anteil berosteter Stangen bei, er ermöglicht auch deutlich höhere Ernteleistungen und senkt die körperliche Belastung für die Erntekräfte. Firmeninhaber Bernhard Böckenhoff betonte, dass beim Einsatz mechanischer Erntehilfen einige Aspekte besonders zu beachten sind. Dazu zählen die aktuelle Markt- und Wetterlage sowie die Wetterprognose. Eine weitere Frage lautet: Bestehen für kurze Stangenlängen Absatzmöglichkeiten oder sollte mit der Durchfahrt möglicherweise noch ein oder zwei Tage gewartet werden, bis die meisten geernteten Spargelstangen wieder etwas länger sind? Wichtig ist auch – so Bernhard Böckenhoff –, dass der Einsatz der Maschine in ein Gesamtkonzept integriert werden muss und nicht als Einzelmaßnahme verstanden werden darf. Hans Kalter stellte Chrisje von Christaens vor. Im Gegensatz zu seinem größeren Bruder Chris, der mit einem Raupenfahrwerk ausgestattet ist, wird Chrisje durch Räder angetrieben. Bei der Arbeit mit Chrisje werden die Spargelstangen durch Sechscheiben von der Pflanze abgetrennt und gemeinsam mit dem Boden von einem Siebband aufgenommen. Bei der Weiterbeförderung fällt der Boden nach unten ab und die Stangen werden am Ende des Siebbandes auf ein Transportband übergeben, von dem eine Person, die auch die Maschine steuert und lenkt, sie bequem in eine Kiste ablegen kann. Wenn die Maschine einmal eingestellt ist, steuert sie sich entlang der Spargeldämme selbst. Die Leistung von Chrisje ist – ähnlich wie auch bei anderen Maschinen – von mehreren Faktoren abhängig. So ist die erste Durchfahrt in einer Saison zeitraubender als die nachfolgenden Durchfahrten. Ein nicht zu unterschätzender Faktor ist auch die Reihenlänge, denn je länger die Reihen sind, desto seltener muss am Vorgewende gedreht bzw. die Folie eingelegt oder wieder abgelegt und fixiert werden. Hans Kalter beziffert die Durchschnittsleistung an einem Acht-Stunden-Arbeitstag auf 1 ha Spargelfläche, die mit Chrisje beerntet werden kann. Im Vergleich zum radangetriebenen Chrisje kann die größere Ausfertigung Chris unter nahezu allen witterungsbedingten Rahmenbedingungen auf Grund des vorhandenen Raupenfahrwerks fahren. Das Wirkungsprinzip entspricht dem gleichen System, die Leistung ist aber deutlich höher. Bis zu vier Personen können bei der Ernte mit Chris den Spargel abnehmen, eine Leistung von bis zu ca. 3 ha Spargelfläche sind in acht Stunden möglich, so Hans Kalter. Beide Maschinen sind geeignet, eine Spargelfläche vom Anfang bis zum Ende der Saison zu 100 % mechanisch zu beernten oder eine Kombination von Handernte und mechanische Ernte – so wie sie auch auf dem Betrieb Sterthoff mit der Kirpy praktiziert wird – durchzuführen. Bernhard Sterthoff hat selber schon erfahren, dass der Rostbefall an Spargelstangen bei nachfolgender Handernte sinkt, wenn zuvor einmal der Damm mechanisch beerntet wurde. Durch die Lockerung des Dammes und das Heraussieben von Ernteresten und Steinen steigt die Leistung bei der Handernte nach vorausgegangener mechanischer Ernte durchschnittlich um mehr als 25 %. Zudem ist die Handernte für die Arbeitskräfte wesentlich einfacher durchzuführen. Wenn man sich dazu entscheidet, ausschließlich mechanisch zu ernten, liegt der Zeitpunkt des nächsten Erntedurchganges abhängig nach Wetter- und Absatzlage in einem Zeitraum von fünf bis 14 Tagen (wenn die Stangen witterungsbedingt nur langsam wachsen). Wer ausschließlich maschinell ernten möchte, muss die Sortenauswahl anpassen: In Frage kommen Sorten, die dickere Stangen mit sehr gut geschlossenen Köpfen bilden. Mit Chrisje ist es nicht möglich, Doppelreihensysteme zu beernten, für Chris stellt die Doppelreihe kein Problem dar. „Ich denke, dass für einen Unternehmer das mechanische Erntegerät ein sinnvolles Instrument ist, mit dem er seinen Betrieb und die Ernte zusätzlich steuern kann. Dies dient nicht nur der Qualitäts- und Leistungsverbesserung, sondern ermöglich es auch, die Ernte in Richtung bestimmter marktrelevante Erntetermine zu lenken“, erklärte Hans Halter. Angetrieben wird Chrisje durch einen 34-kW-starken Hatz-Dieselmotor, das Gerät kostet ca. 60 000 €, für Chris sind ca. 130 000 € zu zahlen. Gegenwärtig sind sieben Chrisje und drei Chris auf Spargelbetrieben im praktischen Einsatz. Im Gegensatz zu den vorgestellten Selbstfahrern wird Kirpy im Betrieb Sterthoff von einem Schlepper gezogen. Optional ist Kirpy aber auch als Selbstfahrer, z.B. aufgebaut auf einem Braud-Geräteträger, lieferbar. Christian Bornstein, Geschäftsführer der ai-Solution, die Kirpy vertreibt, erläuterte die Funktionalität des Gerätes. Bei der Durchfahrt wird der Damm komplett gereinigt, alte Strünke, Steine, Kluten werden herausselektiert. Nach der ersten Durchfahrt mit der Kirpy haben die Betriebe einen schönen lockeren, sauberen Damm. Die Berostung der Stangen geht nach der Durchfahrt mit dem Kirpy zurück, ihre Qualität wird gesteigert. In Deutschland wurden ca. 20 Kirpy-Maschinen verkauft, viele von ihnen kamen in der Saison 2019 zum Einsatz. „Vorher waren sie eher ein `Angstmacher´ für die Erntehelfer“, berichtet Christian Bornstein. „In diesem Jahr haben wir gemerkt, dass sich die Einstellung auf vielen Betrieben geändert hat und die Maschine in Kombination mit der Handernte vielfach zum Einsatz kam.“ Auch bei Kirpy durchtrennen zwei gegenläufige Sechscheiben den Spargeldamm oberhalb der Pflanzenkrone, die Höhe der Schneidwerkzeuge kann vom Fahrerstand aus justiert werden. Dann werden Erde und Spargelstangen über eine Siebkette aufgenommen. Abhängig von der Bodenbeschaffenheit kann der Freiraum zur Kette optional durch ein eingeschobenes Blech eingegrenzt werden, um den Stofffluss bis zum oberen Wendepunkt der Siebkette zu gewährleisten. „Wir sehen, dass Betriebe, die schon sechs oder sieben Jahre mit der Maschine arbeiten, deren Potential immer besser nutzen und ihre Abhängigkeit von den Arbeitskräften reduzieren können, stellte Christian Bornstein heraus. Neben den begehrten Spargelstangen werden auch Strünke und andere abgestorbene Pflanzenteile oder Steine auf dem Siebband abgelegt und können ausselektiert werden. Im Anschluss an die erste Durchfahrt werden bei weiteren Erntedurchgängen nur noch Spargelstangen auf dem Siebband abgelegt. Je nach Ausführung können vier bzw. sechs Personen am Siebband arbeiten. Christian Bornstein berichtete von einem Praxisbetrieb, der die Hälfte seiner 50 ha großen Spargelanbaufläche im Zweischichtbetrieb ausschließlich mit der Kirpy beerntet. Die gezogene Variante der Kirpy ist ab ca. 70 000 € lieferbar, mit Folienführung kostet das Gerät ca. 80 000 €. Bornstein rät Interessierten, den Einsatz des Gerätes auf Praxisbetrieben einmal anzuschauen, um so einen eigenen Eindruck zu gewinnen. Die Spargelspinne Im Unterschied zu den nicht selektiven Erntemaschinen wird beim Einsatz der Spargelspinne manuell geerntet. Seit Einführung der Technik hat Engels Machines über 10 000 dieser Erntehilfen verkauft und gilt damit als Pionier in der Branche. Mit der Spargelspinne kann sowohl die Schwarz/Weiß-Folie als auch die Thermofolie aufgenommen werden und die Erntehelfer können sich komplett auf das Stechen der Spargelstangen konzentrieren. Dies erhöht die Ernteleistung im Vergleich zur klassischen Handernte deutlich und reduziert die körperliche Belastung der Erntehelfer. Angetrieben wird die Spargelspinne über einen Lithium-Ionen-Akku, dessen Energie auf die Antriebsräder bzw. einen Raupenantrieb übertragen wird. Mittels einer Sensortechnik folgt das Gerät automatisch beim Ernten der Fortbewegung der Erntekraft, lediglich am Vorgewende muss manuell gesteuert werden. Die Ablage der geernteten Spargelstangen erfolgt auf kurzem Arbeitsweg in mitgeführte Kisten. Seit Einführung der von Engels entwickelten und patentierten M-Bögen können mit der Spargelspinne auch Spargelflächen beerntet werden, die mit einem Minitunnel bedeckt sind. In Kombination mit dem M-Bogentunnel soll die Ernteleistung nach Angaben von Engels auf 150 % und mehr im Vergleich zur traditionellen Handernte unter Minitunnel gesteigert werden können. In der Praxis bedeutet dies eine Reduzierung des Personals. Der Einsatz moderner Sensortechnik zur Ermittlung der Dammtemperatur und die Vorausschau auf die Witterungs- und Marktentwicklung bilden eine Grundlage für ein konsequentes Folienmanagement zur Steuerung von Ernte, Ertrag und Stangenqualität, um das maximale Potential einer Anbaufläche zu erzielen. Die Spargelspinne bietet mit sechs möglichen Folienkombinationen den Betrieben die Voraussetzung zur Ausschöpfung dieses Potentials. Darüber hinaus gilt der Elektroantrieb des Gerätes nicht nur als besonders umweltfreundlich, auch die Arbeitskräfte schätzen die nahezu geräuschlose Fortbewegung der Spargelspinne. Selektiver Ernteroboter Vor wenigen Jahren hat das niederländische Unternehmen Cerescon erstmals den selektiv arbeitenden Ernteroboter „Sparter“ vorgestellt. „Das Gerät ist ein echter Roboter, der nicht unter festgelegten, standardisierten Bedingungen in einem geschützten Raum, sondern unter stetig wechselnden äußeren Einflüssen für die Ernte eines Naturproduktes eingesetzt wird“, sagte Cerescon-Geschäftsführer Ad Vermeer. „Dabei ist die Detektion der Spargelstangen im Damm, kurz bevor sie die Dammkrone durchstoßen haben, eine ganz besondere Herausforderung“. Neben einem mechanischen Tastenmechanismus setzt Cerescon zu diesem Zweck eine Technik zur Ermittlung der Stromspannung in einer vorher vorgegebenen Höhe des Spargeldammes ein. Diese Spannung wird verändert, wenn die Spargelstangen nach oben wachsen. Geerntet wird mit zwei unabhängig voneinander agierenden, elektrisch betriebenen Ernteeinheiten. Um in die Erde einzudringen, die Spargelstange abzuschneiden, aus dem Boden zu entnehmen und sie für den weiteren Transport abzulegen, benötigt eine Ernteeinheit ca. 2 Sek. Anschließend wird der Damm mit Hilfe einer vertikal drehenden Scheibe wieder geglättet. Zur Saison 2019 wurde der interne Transport der Spargelstangen sowie der gesamte Ernteprozess nochmals verbessert und weiterentwickelt, auch die Folienführung wurde optimiert. Der Schwerpunkt der Arbeit lag auf der Verbesserung der Arbeits- und Erntequalität. Völlig neu ist jetzt ein einreihiger, selbstfahrender „Sparter“ auf einem Raupenfahrwerk, der in der Saison 2020 erstmals eingesetzt werden soll. So können Traktor und Fahrer eingespart und die Arbeitskosten reduziert werden. Das Gerät ist auch unter schwierigen Bodenverhältnisse einsatzbereit und benötigt deutlich weniger Platz zum Wenden am Reihenende im Vergleich zur vorherigen gezogenen Version. Bei Vorführungen hat die Technik bewiesen, dass sie funktioniert. Dennoch – so eine persönliche Einschätzung des Autors – wird noch weitere Entwicklungsarbeit erforderlich sein, um den „Sparter“ in einen Leistungsbereich zu bringen, der ihn bei den nicht zu unterschätzenden Anschaffungskosten wettbewerbsfähig erscheinen lässt. Doch dies ist – wie bei so vielen technisch herausfordernden Projekten – wahrscheinlich nur eine Frage der Zeit. Neben Cerescon arbeitet ein weiteres niederländisches Unternehmen an der Entwicklung eines voll automatischen selektiven Spargelernters. Arno van Lankveld hat mit seinem Unternehmen AvL Motion eine raupenbetriebene, selbstfahrende Erntemaschine entwickelt. Die Ernteaggregate werden über eine Pneumatik bedient. Das Gerät ist im elterlichen Spargelbetrieb seit zwei Jahren im Test. Van Langfeld will aber erst dann eine Ausführung auf den Markt bringen, wenn die Technik nach seiner Auffassung praxisreif ist. Wie lange dies dauert, ist offen. Thomas Kühlwetter