17.06.2020
„Diese Saison ist eine sehr große Herausforderung!“

Im Gespräch mit Spargel & Erdbeer Profi äußert sich Bruno Bohrer zur aktuellen Situation auf dem Betrieb
Foto: Bohrerhof
Spargel & Erdbeer Profi: Geben Sie uns einen kurzen Einblick, wo Ihr Betrieb heute (20. Mai) steht?
Bruno Bohrer: Wir haben mit der Ernte der späten Spargelsorten begonnen. Parallel pflanzen wir Zucchini und Kürbisse. Aktuell sind rund 60 Erntehelfer am Betrieb, die unser Team aus 15 Festangestellten unterstützen. Im Landmarkt ist viel Betrieb, und doch ist es ruhiger als in anderen Jahren, denn das Restaurant mit 200 Sitzplätzen ist geschlossen...
Spargel & Erdbeer Profi: … wegen der Corona-Maßnahmen. Welche weiteren Konsequenzen hat die aktuelle Situation für Ihren Betrieb?
Bruno Bohrer: Rund ein Drittel unserer Spargelfläche haben wir in diesem Jahr vorzeitig abgedämmt und nicht voll geerntet. Teils ist dies dem Mangel an Erntehelfern geschuldet, der zu Beginn der Ernte gravierend war, und zudem gibt die Marktsituation gerade nicht mehr her. Spargel wird von der Bevölkerung eben gern und zu einem großen Teil in der Gastronomie konsumiert.
Die Umsätze im Hofladen sind zufriedenstellend, auch wenn wir einiges geändert haben: Die Theken sind verbreitert und wir haben das Sortiment an die aktuelle Lage angepasst: Sonst sind viele Kunden aus der Schweiz hier, die gern auch Geschenkwaren mitnehmen. Jetzt begrenzt sich der Kundenkreis auf die Einheimischen. Den Geschenkbereich haben wir zurückgefahren, unser Sortiment an Alltagsprodukten ausgeweitet.
Theoretisch darf die Gastronomie in Baden-Württemberg ab 18. Mai wieder öffnen – aber haben Sie die Auflagen gelesen? Wir lassen unser Restaurant bis auf weiteres geschlossen und warten ab, ob es zur Kürbissaison anders ausschaut.
Insgesamt ist die Spargelsaison in diesem Jahr extrem fordernd und wir sind froh, wenn sie vorbei ist. Was mich am meisten verwundert: Obwohl die Menge am Markt aufgrund der Erntehelfer-Problematik deutlich reduziert ist, sind die Preise im Keller. Die Hoffnung, dass die Krise wenigstens ein gutes Preisniveau nach sich zieht, hat sich auch nicht erfüllt.
Spargel & Erdbeer Profi: Welche betrieblichen und persönlichen Kompetenzen helfen Ihnen, diese Situation zu meistern?
Bruno Bohrer: Ich denke, es zahlt sich aus, dass wir bereits seit Jahren kontinuierlich an der Optimierung und Professionalisierung arbeiten – in Anbau, Vermarktung und auch im Umgang mit unseren Mitarbeitern. Wir pflegen seit jeher eine intensive Kommunikation mit unseren Kunden – sie danken uns, indem sie im Hofladen ohne Diskussion unsere (realen!) Preise bezahlen. Ein gutes Miteinander in unserer Großfamilie erlebe ich in Krisenzeiten als besonders hohes Gut. In meinem Alter habe ich schon viele Situationen gemeistert, in denen das Leben nicht so lief, wie ich mir das vorgestellt hatte. So kann ich eine gewisse Gelassenheit einbringen; die junge Generation muss diese Lebenserfahrung erst noch selbst sammeln.
Spargel & Erdbeer Profi: Sehen Sie in der Krise auch etwas Positives?
Bruno Bohrer: Der Shutdown hat einen „Back-to-the-Roots“-Effekt. Auf dem Betrieb sehe ich: Das Restaurant hat sonst um diese Jahreszeit Hochbetrieb und fordert auch von mir viel Aufmerksamkeit. Da es nun geschlossen ist, habe ich mehr Zeit, mich um den Anbau zu kümmern. Die Anbaufläche für Zucchini und Kürbisse haben wir in diesem Jahr leicht erhöht. Da ich im Grunde ein leidenschaftlicher Bauer bin, der Gastronomie und Vermarktung „nur“ aus einem Wunsch nach Ganzheitlichkeit heraus praktiziert, kann ich dieser Tendenz durchaus etwas abgewinnen.
Spargel & Erdbeer Profi: Welche Hygiene-Maßnahmen haben Sie am Betrieb umgesetzt?
Bruno Bohrer: Die Erntehelfer sind in drei getrennt voneinander arbeitende Teams eingeteilt, die auch separat untergebracht sind und großzügig Platz haben. Wir stellen Desinfektionsmittel und Mundschutze bereit und klären die Mitarbeiter auf - aber im Grunde weiß ja auch jeder, worauf es ankommt. Ich finde, man muss auch menschlich und realistisch bleiben. Meine Mitarbeiter sollen sich auch weiterhin wohlfühlen und nicht den Eindruck haben, in einer Militärstation gelandet zu sein.
Spargel & Erdbeer Profi: Welche mittel- und langfristigen Strategien verfolgen Sie für den Betrieb nach der Krise?
Bruno Bohrer: Für mich zeigt sich in der Krise nichts wesentlich Neues, es wird nur deutlicher denn je: Ohne eine kontinuierliche Optimierung von Anbau und Vermarktung und ohne die Pflege eines guten Mitarbeiterstammes kann man am Markt auf die Dauer nicht bestehen. Wir haben in diesem Jahr auch einige ältere Spargelflächen ganz umgebrochen; die Fläche wird 2021 ca. 20 % kleiner sein. Damit einher geht auch ein Abschied von suboptimalen Standorten und veralteten Anlagen, was durchschnittlich höhere Ernteleistung und Qualität bedeutet.
Für die Vermarktung bedeutet die Flächenreduktion: Ein höherer Anteil geht in die Direktvermarktung, wo wir unsere Preise gut durchsetzen können.
Was sich für uns auch bewährt hat, ist die Kombination von Spargel mit unseren weiteren Kulturen: Feldsalat und Chicorée, Kürbisse und Zucchini. Im Gegensatz zu den reinen Spargel- und Erdbeerspezialisten sind unsere Arbeitsspitzen übers ganze Jahr verteilt. Auch unsere Zusammenarbeit mit dem Einzelhandel ist eine ganzjährige, was für ein kontinuierliches und vertrauensvolles Miteinander sicher von Vorteil ist.
Langfristig streben wir an unserem Standort eine Einheit aus Landwirtschaft, Energiegewinnung, Vermarktung, Gastronomie, Hotel- und Seminarbetrieb an. Der Bau an unserem geplanten Landhotel Bohrerhof läuft weiter. Dass Verbraucher aus anderen Branchen ein realistisches Bild von der Landwirtschaft bekommen können, ist mir sehr wichtig. Und ich denke, mit unserem Modell leiste ich dazu einen Beitrag.
Spargel & Erdbeer Profi: Und wenn Sie aktuell auf die gesellschaftliche und politische Lage blicken – welche Veränderungen würden Sie hier am meisten begrüßen?
Bruno Bohrer: In der ganzen Corona-Diskussion würde ich mir wünschen, dass das Thema „gesunde Ernährung“ in den Medien einen angemessenen Stellenwert bekommt. Soziale Distanzierung und Lockdown sind vielleicht eine Möglichkeit, diesen einen Virus einzudämmen – aber eine ausgewogene, gesunde Ernährung senkt das Risiko vieler ernsthafter Erkrankungen. Ich würde mir eine Berichterstattung wünschen, in der wir Landwirte als wichtige Säulen der Gesellschaft gesehen werden – schließlich gäbe es ohne uns keine Versorgung mit gesunden, frischen, regionalen Lebensmitteln. Stattdessen gibt es aber gerade viele Berichte, in denen wir als Sklaventreiber dargestellt werden. Oder wahlweise als Hüter einer malerischen Landidylle, die für schöne Bilder und vielleicht auch für die Versorgung einer einzelnen Familie taugt, aber nicht für die Erzeugung von Lebensmitteln für die ganze Bevölkerung. Verbraucher sollten die Chance haben, ein realistisches Bild von unserer Branche zu gewinnen.
Wir Landwirte leisten wirklich viel – wir produzieren gesunde Lebensmittel, viele von uns öffnen die Betriebe und zeigen Verbrauchern, was wir tun. Aber wir können nicht alles bringen – Verbraucher, Medien, Politiker. Ich finde, sie müssen auch auf uns zugehen, das direkte Gespräch suchen, uns eine angemessene Anerkennung geben für unseren Beitrag zur Gesellschaft!
Spargel & Erdbeer Profi: Ihr Wort in Gottes Ohr. Vielen Dank für das aufgeschlossene Gespräch.
Katja Brudermann