17.06.2020

Da ist Kreativität gefragt - Hofgastronomie in Corona-Zeiten

Bestes Ausflugswetter und der Spargel wächst – aber Hofcafé und –gastronomie müssen geschlossen bleiben. Eine bittere Erfahrung, die viele Betriebe in diesem Frühjahr machen mussten. Um zu retten, was vom Umsatz noch zu retten ist, waren rasch gute Ideen gefragt.

So erging es auch der Familie Ingenrieth, die in Brüggen am Niederrhein auf ihrem Genholter Hof normalerweise einen Hofladen, ein Hofcafé, ein Saisonrestaurant für Spargel sowie Fremdenzimmer anbietet. Neben Kartoffeln und 1,5 ha Erdbeeren wird in dem landwirtschaftlichen Betrieb auf 8 ha Spargel angebaut. Und der kommt in der Saison für die Gäste frisch vom Feld auf den Teller, was sich großer Beliebtheit erfreut. In diesem Jahr mussten sich die Kunden einige Wochen lang ihren Spargel wohl oder übel selbst zubereiten, aber darauf verzichten mussten sie nicht. Rückblickend erzählt die designierte Hofnachfolgerin Christina Ingenrieth, wie ihr und ihren Eltern klar wurde, dass auch sie von der Corona-Krise betroffen sind: „Mitte März wurden bei uns von heute auf morgen zahlreiche Reservierungen für unser Restaurant sowie die Frühstücksbuffets abgesagt. Als dann eines Dienstags nur noch zwei Gäste beim Frühstücksbuffet saßen, ist uns schnell klar geworden, dass sich das nicht rechnen kann. So haben wir ab 19. März unsere Gastronomie geschlossen, noch vor der offiziell verordneten Schließung.“ Gleichzeitig hatte die Familie alle Hände voll zu tun, ihre Saisonarbeitskräfte für die bevorstehende Spargelernte zu organisieren. Zwei Rumänen kamen gerade noch rechtzeitig vor dem vorübergehenden Einreiseverbot für Saisonarbeitskräfte. Andere Erntehelfer waren schon da, einige konnten später per Flugzeug nachreisen. Ihren Spargel in Weiß, Grün und Violett vermarkten die Ingenrieths normalerweise nicht nur über den eigenen Hofladen und das Saisonrestaurant, sondern auch an andere Gastronomen, an Großhändler, die die Gastronomie bedienen, sowie an den Lebensmitteleinzelhandel. Alles, was mit Gastronomie zu tun hat, fiel erst einmal weg, während der LEH Mitte März fleißig bestellte, als noch gar nicht genug Menge da war. Insgesamt war die Abnahmemenge zu Saisonstart aber deutlich geringer als in normalen Jahren. Also wurden nicht gleich alle Felder für eine baldige Ernte vorbereitet. „Wir gucken, was geht. Durchwachsen lassen wollen wir ihn möglichst nicht, da würde das Spargelbauernherz meines Vaters doch bluten“, sagte Christina Ingenrieth Mitte April. Mit der Zahl der Arbeitskräfte kamen sie aufgrund der begrenzten Erntemenge auch erst einmal zurecht. Hofgastronomie geschlossen, Ostergeschäft in Gefahr – was also tun? „Unsere Kunden im Hofcafé haben unter anderem ein geschätztes Durchschnittsalter von 60 bis 70 Jahren, das ist genau die Gruppe, die wegen Corona besonders vorsichtig sein und zuhause bleiben soll. Da war für uns schnell klar, dass wir einen Lieferservice anbieten, auch wenn wir unseren Hofladen ja geöffnet halten dürfen“, erzählt die junge Frau. Der Spargel kommt zum Kunden Nur vier Tage nach der Caféschließung hatten die Unternehmer ohne großen Aufwand einen Lieferservice für ihre Hofladenprodukte entwickelt. Die Mitarbeiter aus dem Service wollten gerne behilflich sein und freuten sich, die Auslieferungsfahrten übernehmen zu dürfen. Über die sozialen Medien Facebook und Instagram verbreiteten die Ingenrieths ihr neues Angebot und wiesen direkt darauf hin, dass es noch Neuland für sie ist. So wollten sie Beschwerden auf eventuelle Pannen vorbeugen und Sympathie und Menschlichkeit zeigen. Die Sorge vor Fehlern war unbegründet. Die Kunden nahmen das Angebot begeistert an und bisher hat auch alles bestens geklappt - selbst in der Woche vor Ostern, wo richtig viel zu tun war und fünf Personen mit der Auslieferung beschäftigt waren. Für den Lieferservice wurden zwei Standardprodukte kreiert: der „Genusskorb Klassik“ mit Spargel, Kartoffeln, Schinken und Sauce Hollandaise sowie der „Genusskorb Feinschmecker“ mit zusätzlich Wein, rohem Schinken, Butter und Petersilie. Ab einem Mindestbestellwert von 15 € können die Kunden auch individuell alle Produkte aus dem Hofladen bestellen, darunter auch den von Mutter Gertrud selbst gebackenen Kuchen. Im 10-km-Umkreis sind die Lieferungen frei, bis 30 km fallen Lieferkosten von 2 € an. Die meisten Bestellungen kommen aber aus dem Ort und den benachbarten Dörfern. Im näheren Umkreis werden die Lieferungen sogar mit dem E-Bike erledigt. Dieser Aspekt der Nachhaltigkeit, der extra mitbeworben wird, gefällt den Kunden. Bei der Lieferung wird die Ware kontaktlos vor die Tür gestellt und geklingelt. Bezahlt wird auf Rechnung, um Bargeldverkehr zu vermeiden. Der Lieferservice hat sich inzwischen so bewährt, dass die Ingenrieths ihn auch nach der Corona-Krise noch aufrechterhalten möchten. „Bei Facebook sind wir ja schon seit zwei Jahren, aber unseren Einstieg bei Instagram haben wir immer ein bisschen hinausgezögert. Jetzt mussten wir“, berichtet Christina Ingenrieth. Durch die Präsenz des „GeHo on Tour“-Lieferservice in den sozialen Medien konnten jetzt auch neue Kunden für den Hofladen gewonnen werden. Auch Enkel bestellen die Spargelkörbe als Lieferung zu ihren Großeltern. Und natürlich muss man sich immer wieder etwas einfallen lassen, um etwas Neues posten zu können und interessant zu bleiben. Zu Ostern hatte die findige Familie daher eine besondere Idee: „Das klassische Osterfest, an dem sich die Familien besuchen, fiel ja aus und zum Liefern unterwegs waren wir ohnehin.“ Also gab es für die Kunden die Osterhasenaktion mit großen oder kleinen hasenförmig zugeschnittenen Papiertüten, die mit einer Überraschung oder nach Wunsch des Schenkenden befüllt wurden. Diese wurden dann dem Empfänger geliefert, oft begleitet von einer Karte mit Ostergrüßen des Schenkenden. Diese Aktion ist sehr gut angekommen und es gab viel positives Feedback von den Beschenkten. Zu Muttertag sowie zu Vatertag wurden ähnliche Aktionen gefahren, denn: „Das ist genau das, was wir wollen, dass in diesen Zeiten noch gelacht wird und die schönen Seiten des Lebens nicht vergessen werden.“ Wiedereröffnung der Gastronomie Groß war die Freude bei Familie Ingenrieth und dem Servicepersonal, als Anfang Mai die Nachricht kam, dass Restaurants wieder öffnen dürfen. Allerdings sollte vorerst kein Buffetbetrieb mehr erlaubt sein. Was also tun mit dem beliebten Frühstücksbuffet, das neben dem Spargelessen sowie Kaffee und Kuchen eine der drei Säulen der Hofgastronomie darstellt? Das Frühstück musste komplett neu konzipiert und kalkuliert werden. Deshalb wurden am 12. Mai erst einmal nur das Spargelessen sowie Kaffee und Kuchen wieder aufgenommen. Frühstück sollte es am Tisch serviert (ab 19. Mai) wieder geben, allerdings erst einmal nur für zwei Wochen auf Probe. Denn natürlich bedeutet das Servieren am Tisch einen ungleich höheren Aufwand als der bisherige Buffetbetrieb, von dem die Kunden nicht nur kulinarisch, sondern auch preislich verwöhnt sind. Schon gab es erste Reaktionen der Gäste, die die preisliche Verhältnismäßigkeit in Frage stellten. Doch dann kam alles anders: einen Tag zuvor, am 18. Mai, kam die Nachricht, dass unter Auflagen (Spuckschutz, Abstandsregel, Gäste desinfizieren sich die Hände und gehen mit Mundschutz ans Buffet) doch wieder Buffets möglich sind. Familie Ingenrieth war baff und bewies ein weiteres Mal ihre Flexibilität. Rasch wurde umdisponiert und seit 19. Mai können die Gäste wieder das beliebte Frühstücksbuffet – mit Corona-Regeln - genießen. Das Spargelessen wurde sofort nach Wiedereröffnung sehr gut angenommen, weil die Kunden wissen, dass das nur noch für begrenzte Zeit bis 24. Juni möglich ist. „Wir freuen uns, bekannte Gesichter wieder zu sehen. Unter den Bedingungen, wie wir das hier gerade leisten müssen, hätten wir das wohl nicht die gesamte Spargelsaison über geschafft: Speisekarten, Stifte, Türklinken desinfizieren, nach jedem Gast eine frische Tischdecke, Infoblätter und Adresszettel mit Unterschrift, Gäste nur aus maximal zwei Haushalten an einem Tisch, permanenter Mund-Nase-Schutz fürs Personal, unter 1,5 m Abstand nicht sprechen und so weiter.“ Mit der halben Tischbelegung rechnet es sich gerade noch. Die Familie bietet das Spargelessen auch an, weil es von ihren Kunden erwartet wird und sie natürlich auch selbst wieder bedienen möchten. Bei Kaffee und Kuchen merke man, dass die Leute wieder raus wollen, so Christina Ingenrieth. Allerdings seien viele der Besucher altersmäßig der Risikogruppe zuzuordnen und gerade bei ihnen stoße man auf wenig Verständnis, wenn es darum geht, die Maximal-2-Haushalte-an-1-Tisch-Regel durchzusetzen. „Wir halten uns an sämtliche Corona-Auflagen, auch wenn uns das viel Mühe und Geld kostet. Schließlich wollen wir nicht beim Ordnungsamt Strafe zahlen. Bei den Gästen, die das nachvollziehen können, ist es wohl auch ein Vorteil für uns, wenn sie erfahren, dass wir uns korrekt verhalten. Vielleicht ist das ja gute Werbung.“ Sabine Aldenhoff