17.06.2020

Wir haben alle das gleiche Ziel - Obst- und Gemüseproduktion trotz Corona

Enno Glantz baut auf seinen beiden Betrieben in Delingsdorf in Schleswig-Holstein und in Hohen Wieschendorf an der Ostsee in Mecklenburg auf rund 240 ha Erdbeeren sowie weitere Beerenfrüchte an.

„Die Corona-Krise hat jedem von uns deutlich gemacht, wie ver-letzlich unsere Welt ist. Jede Branche – auch unsere – muss ihre Strukturen kritisch betrachten“ – Enno Glantz
Foto: Privat

Glantz bewirtschaftet hier sehr erfolgreich einen gut sortierten Hofladen mit eigenen Produkten und einem breiten Angebot aus der Region. Ein schickes Restaurant mit dem charmanten Namen „Glantz & Gloria“ und das elegante „GlantzHaus“ mit Geschenkideen und Anregungen rund ums „Schöne Wohnen“ runden die kleine exklusive Erlebniswelt ab. Von der Corona-Krise ist der umtriebige Erdbeeranbauer also mehrfach betroffen. Wir sprachen mit ihm Mitte Mai per Telefon - wie es sich in Zeiten von Abstand halten und Mundschutz tragen bewährt hat. Spargel & Erdbeer Profi: Herr Glantz, haben Sie zum Start der Erdbeersaison ausreichend Saisonarbeitskräfte bekommen? Enno Glantz: In der heißen Phase Ende März, als es um die Frage ging, ob die Saisonarbeitskräfte überhaupt einreisen dürfen, hatten wir Erdbeeranbauer im Norden noch keinen Bedarf für Saisonarbeitskräfte. Wir waren aktive Zuschauer. Denn wir benötigten die ersten Arbeitskräfte erst Ende April. Die Spargelproduzenten waren da schon eher betroffen. Zurzeit ist die Situation bei uns so, dass jetzt Mitte Mai schon zwei Drittel der polnischen Stammpflücker da sind. Diese brauchen wir vor allem für den Tunnelanbau in Hohen Wieschendorf. Das letzte Drittel der Mitarbeiter wird per Flugzeug in den nächsten Tagen kommen, wenn in Delingsdorf die Ernte losgeht. Spargel & Erdbeer Profi: Das heißt, Sie sind noch einmal mit einem blauen Auge davongekommen? Enno Glantz: So würde ich das nicht ausdrücken. Aber: Es war unglaublich wichtig für uns, dass man uns Landwirte als systemrelevanten Produktionszweig anerkannt hat und dann auch klar den Auftrag gab, dafür zu sorgen, dass wir Erntehelfer – natürlich mit Sicherheits- und Hygieneauflagen - bekommen. Ohne dieses Zugeständnis hätten wir gewaltige Probleme bekommen. Die Bundesregierung hat - Gott sei Dank - erkannt, dass es der Bevölkerung nicht zuzumuten ist, ohne Obst und Gemüse dazustehen. Da hat die Politik im Grunde einen guten Job gemacht. Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner hat hinter uns gestanden und uns unterstützt. Das war wichtig und hilfreich. Vor allem die Berufsverbände, wie der Deutsche Bauernverband (DBV) und der Verband der Süddeutschen Spargel- und Erdbeeranbauer, haben mit vielen intensiven Gesprächen ihren Beitrag zu dieser positiven Entwicklung geleistet. Spargel & Erdbeer Profi: Können Sie mit den Bedingungen für die Einreise der Saisonarbeitskräfte leben? Enno Glantz: Das Portal des DBVs, über das die Einreise der Arbeitskräfte organisiert wurde, ist schnell aufgebaut worden und wir konnten damit sehr gut arbeiten. Das muss man auch einmal loben. Erstaunlich für mich ist, dass das Kontingent von 40 000 Saisonarbeitskräften nicht voll ausgenutzt wurde. Die Gemüse- und Obstanbauer hatten es natürlich nicht einfach, für die Saisonarbeiter die rechtzeitige Anmeldung, das Buchen der Flüge, die Gesundheitskontrollen, die Abholung und dann auch die Unterbringung sowie die Organisation des Alltages zu bewerkstelligen. Das muss man schon im Griff haben. Hier wurden wir von Anfang an von der Politik in Mecklenburg-Vorpommern und den zuständigen Ämtern aktiv und sehr praxisorientiert unterstützt. Dafür kann ich mich nur bedanken. Gleichzeitig kann ich aber für einige Auflagen in anderen Bereichen nur schwer Verständnis aufbringen. Dies gilt vor allem für die Gastronomie. Wir haben ja auch ein Restaurant mit 400 Sitzplätzen. Das, was sich hier ausgedacht wurde, kann nicht funktionieren und ist einfach nur völlig praxisfremd.    Spargel & Erdbeer Profi: Die Maßnahmen für die Beschäftigung der Saisonarbeitskräfte sind aufwändig. Was haben Sie unternommen?  Enno Glantz: Der Aufwand für die Umsetzung der Hygienestandards, für die Unterbringung, für die Arbeit und das Leben auf dem Hof in Kleingruppen, die vierzehntägige Quarantäne und vieles mehr ist natürlich enorm und es herrscht nach wie vor eine große Unsicherheit bei uns Landwirten, diese Auflagen und Maßnahmen richtig umzusetzen. Hinzu kommt, dass die Saisonarbeitskräfte für die Zeit ihres Aufenthaltes sich bei uns wohl fühlen sollen. Deshalb ist es wichtig, einen Außenbereich zu schaffen, der den Erntehelfern in ihrer Freizeit den Aufenthalt im Freien ermöglicht und so angenehm wie möglich gestaltet. Denn im Freien ist die Übertragungsgefahr des Corona-Virus am geringsten. Auch unsere Außenanlage ist deshalb so strukturiert, dass die Arbeitsgruppen auch in der Freizeit zusammenbleiben und mit den anderen Gruppen nicht in Kontakt kommen. So haben wir für jede Arbeitsgruppe eine überdachte Fläche mit Sitzgelegenheit und genügend Abstand zu den anderen Gruppen geschaffen, um ein angenehmes und gefahrloses Beisammensein nach der Arbeit zu ermöglichen. Wir haben auch eine Krankenstation aufgebaut, die wir hoffentlich nicht brauchen werden. Ein Arzt wird im Ernstfall kommen und entscheiden, ob ein Corona-Test durchgeführt wird oder nicht. Die Körpertemperatur der Mitarbeiter wird täglich gemessen. Ich glaube, wir sind ganz gut aufgestellt. Spargel & Erdbeer Profi: Die Gesundheitsämter haben Kontrollen in den nächsten Wochen angekündigt. Sind sie gut vorbereitet? Enno Glantz: Mir ist durchaus bewusst, dass die Behörden nun kommen werden, um die Umsetzung der Auflagen zu überprüfen. Das ist auch richtig so. Immerhin haben wir eine große Verantwortung zu tragen, denn die Politik hat für unseren Betriebszweig die Sonderregelung, ausländische Saisonarbeitskräfte einreisen und arbeiten zu lassen, zugelassen. Wir müssen uns deshalb unbedingt an die Vorgaben halten. Ich glaube, die Betriebe sind sehr bemüht, alles richtig zu machen. Das Schlimmste wäre aber jetzt, wenn die Kontrolleure mit dem Zollstock in der Hand losziehen. Es geht für mich nicht allein darum, alle Auflagen buchstabengetreu zu erfüllen oder die Anzahl der Saisonarbeitskräfte in diesem Jahr grundsätzlich zu halbieren. Viel wichtiger ist ein durchdachtes, funktionierendes Konzept, das gemeinsam mit den Behörden erarbeitet und umgesetzt wird. Lücken oder Fehler müssen gemeinsam erkannt und Lösungen gefunden werden, ohne jemandem den schwarzen Peter zuzuschieben. So sind wir schon seit langem in engem Austausch mit den Verantwortlichen im Landkreis und haben unser Konzept vorgestellt, sodass es geprüft und Änderungen und Ergänzungen rechtzeitig vorgenommen werden konnten. Wir wollen die Probleme in Zusammenarbeit lösen und nicht gegeneinander. Das wurde sehr positiv aufgenommen. Wir haben doch alle das gleiche Ziel: Den systemrelevanten Wirtschaftszweig der Obst- und Gemüseproduktion aufrechterhalten, ohne die Arbeitskräfte sowie die Bürger und Bürgerinnen durch erhöhtes Ansteckungsrisiko zu gefährden.     Spargel & Erdbeer Profi: Was, schätzen Sie, wird der Aufwand am Ende der Saison kosten? Und können Sie diesen über den Preis wettmachen? Enno Glantz: Wie hoch die Kosten am Ende der Saison sein werden, kann ich im Moment überhaupt noch nicht sagen, außer dass diese wohl sehr erheblich sein werden. Wir wissen ja noch nicht in Gänze, was in den nächsten Wochen noch auf uns zukommen wird. Wir müssen irgendwie damit leben. Grundsätzlich sind wir bemüht, einen Preis umzusetzen, der unsere Kosten deckt,  aber das geht bei einem tagesabhängigen Preis nicht immer. Wir haben dieses Problem in den Medien sehr deutlich gemacht und ich habe den Eindruck, dass die Verbraucher dafür Verständnis zeigen. Unsere Kunden wollen regionale Ware und sie haben verstanden, dass der Produzent in ihrer Nähe in diesem Jahr wesentlich höhere Kosten aufgrund der Corona-Krise haben wird. Deshalb glaube ich, dass die Bereitschaft, einen höheren Preis für regional produzierte Ware zu bezahlen, grundsätzlich da ist. Mich hat sehr beeindruckt, dass viele unserer Kunden nachgefragt haben, wie es bei uns läuft und sogar bereit waren, zu helfen. Dieses Engagement finde ich toll. Spargel & Erdbeer Profi: Irgendwann ist hoffentlich die Krise wieder vorbei. Was wird sich ändern? Enno Glantz: Die Corona-Krise hat jedem von uns deutlich vor Augen geführt, wie verletzlich unsere Welt ist. Selbst wenn diese Krise überstanden ist, wird uns allen klar sein, dass eine solche Pandemie immer wieder den Erdball bedrohen kann und wir uns davor dringend wappnen müssen. Das heißt, jede Branche - auch unsere – muss ihre Strukturen kritisch betrachten. Dafür haben wir aber erst einmal keinen Kopf frei. Im Herbst werden wir vielleicht mehr Freiraum dafür haben. Hinzu kommt ja auch, dass wir noch gar nicht genau wissen, wie die Wirtschaft das alles überstehen wird. Das ist die größte Unbekannte. Was passiert mit dem Mittelstand? Wie wird sich der Arbeitsmarkt entwickeln? Und so weiter. Spargel & Erdbeer Profi: Welche Hilfen oder Maßnahmen erwarten Sie? Was fordern Sie von der Politik? Enno Glantz: Da muss ich auch einmal leicht kritisch werden: Um die finanzielle Unterstützung, die die Bundesregierung ins Leben gerufen hat, wird viel Wind gemacht. Aus meiner Sicht ist das jedoch nicht gerade zielführend, wenn man an notleidende Unternehmen Kredite vergibt, für die auch noch ordentlich Zinsen verlangt und die in engem Zeitraum zurückgezahlt werden müssen. Es wird den Unternehmen ja in Zukunft nicht auf einmal wieder besser gehen, sodass Kredite auch zurückgezahlt werden können. Sinnvoller und hilfreicher wäre es, zu schauen, welche Betriebszweige die meisten Verluste haben und diese dann über Steuererleichterungen zu entlasten. Das wäre der richtige Weg. Für die Gastronomie z.B. könnte man dauerhaft und nicht nur ein paar Monate, die Mehrwertsteuer von 19 % auf 7 % senken, wie dies für jede Imbissbude gilt. Spargel & Erdbeer Profi: Vielen Dank für das Gespräch. Das Interview führte Josefine von Hollen