21.06.2022

Keine Saison nach Wunsch

Thomas Kühlwetter

Als hätten die beiden vorausgegangenen Jahre nicht schon genug von den Betrieben, den sie führenden und dort arbeitenden Menschen abverlangt, schreibt der bisherige Saisonverlauf 2022 nochmal seine eigenen Gesetze. Und dies zu einer Zeit, in der eher Entspannung angesagt ist, stattdessen Anspannung aber kommt. Nein, es ist diesmal nicht das Virus, oder wenn, bestenfalls nur am Rande, das gewohnte Abläufe durcheinander bringt und die nach langer Zeit endlich erkennbaren positiven Vorzeichen verdrängt hat. Es ist der Krieg in der Ukraine mit seinen fast weltweit spürbaren Auswirkungen, die steigenden Energie- und Lebenshaltungskosten, die viele Menschen verunsichern und dazu führen, das Portemonnaie enger schnallen zu müssen. Und es ist auch der Einzelhandel, der im Wettbewerb um die Gunst der Kunden und das preisgünstige Angebot, das Importprodukt dem regional angebauten Produkt vorzieht. Aus Sicht des Einzelhandels mag dies in bestimmtem Ausmaß, nämlich in der Übergangsphase von der Importsaison zur heimischen Saison nachvollziehbar sein. Nicht mehr nachvollziehbar ist das Verhalten des Einzelhandels allerdings dann, wenn bis weit über die Mitte der heimischen Saison  große Mengen an Spargel und Erdbeeren importiert werden und zusätzlich z.T. erhebliche Margen auf das heimische Produkt aufgeschlagen werden. Auf der anderen Seite muss man sich durchaus einmal fragen, welche Bedeutung die Lippenbekenntnisse zur Regionalität und Stärkung der heimischen Landwirtschaft oder zur Nachhaltigkeit tatsächlich haben. In der aktuellen Situation und vor dem Hintergrund eines Wettbewerbs, der nahezu ausschließlich über den Preis ausgetragen wird, werden die hehren Ziele schon mal schnell über Bord geworfen und der kurzfristige Nutzen steht klar vor einer langfristigen Ausrichtung. Auch wenn dies wenig tröstlich ist, die Realität ist leider so. Natürlich kann oder muss man sogar in Richtung der Verbraucher ein kritisches Wort richten, denn mit ihrem Kaufverhalten unterstützen sie das Vorgehen des Einzelhandels und handeln im Gegensatz zu den eigenen Aussagen. Das trifft aber noch lange nicht auf alle Verbraucher zu, denn nach wie vor hat die Direktvermarktung erheblichen Zuspruch, wenn auch z.T. nicht mehr wie im Umfang der vorausgegangenen beiden Jahre. Noch vor wenigen Monaten hätte wohl kaum jemand geahnt, dass die Saison 2022 so eindimensional und schwierig verläuft, wie sie  sich aktuell präsentiert. Umso größer und verständlicher ist die Enttäuschung, die sich nun breit macht. Von besonderer Härte sind die wirtschaftlichen Konsequenzen, mit denen die Betriebe jetzt zu kämpfen haben. Und neben der hohen physischen ist die psychische und emotionale Belastung in dieser Situation nicht zu unterschätzen. Wenn es jetzt schon nicht gelingt, die Kosten zu decken und die erforderlichen Gewinne für zukunftssichernde Investitionen und Lebenshaltungskosten zu erwirtschaften, wie soll es dann erst in Zukunft bei deutlich steigenden Löhnen gelingen, werden sich viele Verantwortliche in den Betrieben fragen. Klar ist, dass es unter einem Preisdiktat, wie der Einzelhandel es in dieser Saison bislang vorgibt, nicht gelingen kann. In der Direktvermarktung sind die Kunden bereit, für ein nachhaltig erzeugtes Produkt, dessen Herstellungsprozess sie  kennen und dem sie ihr Vertrauen schenken, einen fairen Preis zu zahlen. Im Einzelhandel wurden große Anstrengungen unternommen, Produkte durch personifizierte Werbung aus der Anonymität zu führen, um das Vertrauen der Kunden für ein gewisses Produkt aus der Region zu erlangen. Soll nun dieses mit viel Aufwand geschaffene Vertrauen, dem Ruf nach kurzfristigem Profit folgend, binnen kurzer Zeit über Bord geworfen werden? Glauben kann man es nicht, die Zukunft wird es zeigen. Das ebenfalls wenig überzeugende Jahr 2018 liegt noch nicht weit zurück und kann auch kein echter Trost sein, zumal sich viele Vorzeichen in der Branche zwischenzeitlich geändert haben und die Kosten z.T. explodiert sind, denkt man nur an Löhne, Energie, Dünger, Folien oder an größere Investitionen in die betriebliche Infrastruktur. Ein „Weiter so“ und Festhalten an traditionellen Strukturen wird also voraussichtlich wenig vielversprechend sein. Es ist aber auch kaum zu vermuten, dass die Verbraucher auf lange Sicht und über viele Jahre sich weiter in Kaufzurückhaltung üben und dauerhaft auf das positive Lebensgefühl, dass Spargel oder frische Beeren ihnen bieten, verzichten werden und der Handel extrem die Preise drückt und auf Importprodukte setzt. Am Ende wird überall nur mit Wasser gekocht und wenn langfristig keine Kostendeckung erzielt werden kann, bricht eine Produktion weg. Gerade bei Produkten wie Spargel oder Beerenfrüchten und deren Beliebtheit bei den Kunden, ist das kaum vorstellbar. Dennoch heißt es jetzt zunächst einmal durchzuhalten und die Saison so gut wie möglich über die Runden zu bringen, denn schließlich ist auch vor jedem Sonnenschein auch schon einmal Regen gefallen. Thomas Kühlwetter Kernsatz: Es ist nicht nachvollziehbar, dass bis Mitte der Saison große Mengen an Spargel und Beerenfrüchten importiert werden.