21.06.2022

Spargelsaison 2022: Wo bleibt die Nachfrage?

Wenig Grund zur Freude: Nach zwei von der Pandemie geprägten Jahren hofften die Betriebe auf einen guten Saisonverlauf 2022. Ihre Erwartungen wurden im bisherigen Saisonverlauf jedoch weitgehend enttäuscht
Foto: Heinz

Die Spargelsaison 2022 ist weit fortgeschritten, Zeit für einen ersten Rückblick. Doch wie fällt das bisherige Fazit aus? Anfang des Jahres, vor Beginn der Spargelsaison, war die Stimmung positiv. Die Hoffnung auf eine gut laufende Gastronomie nach zwei Jahren Corona-Beschränkungen war groß, die Stimmung in der Bevölkerung positiv. Doch mit dem Krieg in der Ukraine änderte sich ab Ende Februar alles. Neben einer allgemein getrübten Stimmung und Unsicherheit stiegen die ohnehin bereits hohen Preise für Energie und für andere Güter des täglichen Gebrauchs. Auch die Produktionskosten in der Landwirtschaft stiegen spürbar. Auf der anderen Seite verblieb auch bei den Verbrauchern nach dem Tanken und einer Rücklage für die kommende Nebenkostenabrechnung weniger Geld im Portemonnaie. Die Schwierigkeit der Preisbildung bei einerseits höheren Produktionskosten und auf der anderen Seite weniger zahlungskräftigen Verbrauchern beschäftigte die Betriebe bereits mit dem Anlaufen der Saison. Mit den Ereignissen in der Ukraine ergab sich kurzfristig auch Unsicherheit, ob alle Saisonarbeitskräfte aus Polen und Rumänien nach Deutschland reisen würden. Schließlich reisten aber zahlreiche Saisonarbeitskräfte ein, und man hörte kaum, dass Betrieben Saisonarbeitskräfte fehlten. Nach den beiden Jahren unter dem Einfluss der Corona-Pandemie, in denen 2020 zum einen die Einreise problematisch war und auch im vergangenen Jahr mitunter Zurückhaltung bei der Einreise nach Deutschland bestand, stieg somit die Anzahl der Saisonarbeitskräfte wieder an. Einer Ausschöpfung des Ertragspotentials stand in diesem Jahr somit nichts im Wege. Die Spargelsaison begann in diesem Jahr aufgrund der vielen Sonnenstunden im März früh und damit deutlich eher als noch im vergangenen Jahr. In Anlagen unter Mini-Tunneln wurde ab Mitte März gestochen. Die Nachfrage war zu dem frühen Saisonzeitpunkt noch recht verhalten. Insbesondere Produzenten mit beheizbaren Flächen beklagten das Geschäft. Der Anteil der stark verfrühten Spargelflächen stieg zuletzt, und in Kombination mit der Sonneneinstrahlung gab es zum Heizspargel bereits vielfach Konkurrenz zu niedrigeren Produktionskosten in einem noch nicht angelaufenen Markt. Anfang April setzte dann allerdings nochmals eine Kältewelle ein. Stellenweise gab es enorme Schneefälle und starke Fröste. Zwar gab kurzfristig auch das Angebot aufgrund der gesunkenen Dammtemperaturen nach, noch deutlicher sank aber die Nachfrage. Mit der dann aber wieder frühlingshaften Witterung, angeheizt von dem bevorstehenden Ostergeschäft gab es zu Wochenbeginn der Woche vor Ostern vielerorts zu wenig Spargel. Auf den Großmärkten in Deutschland stiegen die Preise deutlich. Im Mittel der 15. Woche kostete weißer Spargel aus Deutschland (Klasse 1, 16-26mm) 12,80 €/kg. Dies waren 25 % mehr als in der Vorjahreswoche und ein Plus von 38 % zum Mittel der vergangenen fünf Jahre. Doch folgt nach dem Osterfest meist eine Zäsur am Markt. Die Nachfrage ist für einige Tage erst einmal gesättigt, und das Preisniveau nimmt entsprechend ab. In diesem Jahr verstärkte sich dieser Preisrückgang durch die sonnige Witterung, die die Dammtemperaturen anheizte und so zu steigenden Mengen an Spargel führte. Niedrige Preise führten kaum zu höherer Nachfrage In der Woche nach Ostern fielen die Preise für Spargel sowohl an den Großmärkten als auch im Geschäft mit dem LEH deutlicher. Mit dem nun niedrigeren Preisniveau hofften viele auf eine sich nun aufbauende stärkere Nachfrage. Doch diese blieb weitestgehend aus. Das Spargelessen, was in Verbindung mit Freude, Genuss und nicht zuletzt einem oft höheren Preis in Verbindung gebracht wird, fand weiterhin wenig Anklang. In den unsicheren und von Krieg und Inflation getrübten Zeiten steht der Spargel wie auch andere Produkte, die vermeintlich höherpreisig sind und auf die auch in gewisser Weise verzichtet werden kann, nicht oben auf den Einkaufslisten. Hinzu kommt, dass zu Saisonbeginn der Spargel in der Presse oft im Zusammenhang mit Preissteigerungen gebracht wurde. Omnipräsente Überschriften wie „Spargel wird teurer“ und drastischere Wortlaute brannten sich im Gedächtnis fest, für einige Verbraucher war damit die Spargelsaison bereits „gegessen“. In der Phase nach Ostern kam zudem hinzu, dass diejenigen Haushalte, die die allgemeinen Teuerungen weniger tangierten, tendenziell häufiger verreisten. Zu hohe Margen im LEH Auch zu Muttertag, einem traditionellen Tag mit hoher Nachfrage nach Spargel, blieben trotz Belebung die Verkäufe hinter den Erwartungen zurück. Wenig förderlich für den Absatz zeigten sich zunehmend auch Partien, die bereits lange gelagert waren. Andererseits wurde Seitens des LEH über lange Zeit mit zu hohen Margen gearbeitet, was den Abfluss bremste und viele Erzeuger zu Recht verärgerte. Mitte Mai, in der 20. Woche, scheint das Preistief an den deutschen Großmärkten erreicht zu sein. Mit einem Mittelwert von 4,35 €/kg für weißen Spargel aus Deutschland (Klasse 1, 16-26 mm) wurden die Tiefpreise der vergangenen Saisons deutlich unterboten. Rückblickend gab es erst im Jahr 2018 mit 3,82 €/kg einen niedrigeren Wert bei einem gänzlich anderen Marktumfeld und niedrigeren Produktionskosten. Auch die von der AMI berechneten Erzeugerpreise stiegen in der 21. Woche wieder an. Hier lag das bisherige Minimum bei 4,10 €/kg (weiß, Klasse 1, 16-26 mm), dies sind 15 % weniger als das Tief im vergangenen Jahr und damit der niedrigste Wert seit 2016. Importe: Druck auf Angebot an grünem Spargel Auch wenn die Nachfrage nach grünem Spargel in Deutschland tendenziell steigt und die Einkaufsmengen zunehmen, gestaltet sich die Vermarktung von grünem Spargel aus Deutschland nicht immer einfach. So auch in diesem Jahr. Nach dem Kälteeinbruch Anfang April entwickelte sich das Angebot erst wieder langsam, die Mengen stiegen insbesondere im Mai bei den hohen Temperaturen dann rasant. Bei den fortwährenden Importen aus Spanien und Italien staute sich schnell die Ware. Einige Beteiligte des LEH kündigten an, erst deutlich später auf die niedrigpreisigen Importe zu verzichten, andere nahmen in diesem Jahr erst gar keinen deutschen grünen Spargel in ihre Listungen auf. Die Folge war ein rasanter Preisverfall Mitte Mai. Die eingeschränkte Lagerbarkeit führte zu minimalen Preisen, während auch Mengen entsorgt werden mussten. Im Anschluss drehte sich das Bild mit Beginn der 21. Woche. Der überregional starke Befall durch das Spargelhähnchen reduzierte die Mengen und grüner Spargel wurde mitunter gesucht. Aufgrund im Vorfeld festgeschriebener Preise erholte sich das Preisgefüge insgesamt nur mäßig. Spargel wird wieder stärker beworben Die Werbeintensität für Spargel nahm in diesem Jahr leicht zu. Zwischen der 13. und 21. Woche 2022 warb der LEH insgesamt 439-mal für Spargel. Mit 63 % entfiel der Großteil davon auf weiße bzw. weiß/violette Stangen. Bei grünem Spargel, auf den 37 % der Werbeanstöße entfielen, finden sich Angebote mit deutscher Herkunft selten. Lediglich bei 24 % trägt das Etikett die Herkunft Deutschland. Bei weißem bzw. weiß/violettem Spargel waren hingegen sogar 79 % der Aktionen mit der Herkunft Deutschland deklariert. Der niedrigste Aktionspreis dabei lag mit 3,33 €/kg (1-kg-Bund) deutlich unter dem Tiefstpreis von 5,00 €/kg des Vorjahres. Der häufigste beworbene Preis lag zuletzt, wie auch im Jahr 2021 bei 7,98 €/kg. Mit 44 % der Aktionen für weißen bzw. weiß/violetten Spargel wird ein großer Anteil mit Tagespreisen beworben. Im vergangenen Jahr lag der Anteil mit Tagespreisen noch bei 55 %. Anbaufläche wurde erneut eingeschränkt Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes wurde 2021 in Deutschland auf einer Fläche von 25 683 ha Spargel angebaut. Dies ist ein Rückgang von 0,8 % zu 2020. Das Minus wird vor allem durch den Rückgang der Junganlagen geprägt. Diese gingen um 2,1 % auf 3 400 ha zurück. Die Spargelflächen im Ertrag lagen 2021 nach Angaben des Statischen Bundesamtes bei 22.283 ha. Sie gingen lediglich um 0,6 % zurück und damit deutlich geringer als die Rückgänge in den beiden Jahren zuvor, die bei 1,9 und 2,5 % lagen. Die Veränderungen der Anbaufläche bei den einzelnen Betrieben wird deutlich drastischer ausgefallen sein. Je nach Struktur und Vermarktungswege bauten insbesondere Betriebe mit hohen Anteilen an Kunden aus der Gastronomie Flächen ab. Andere Betriebe bauten die Direktvermarktung weiter aus und setzten auf Flächenerweiterungen. Die Erntemengen stiegen im vergangenen Jahr trotz der verringerten Fläche um 1,5 % auf 119 268 t. Abgesehen von 2020 ist das der niedrigste Wert seit 2017. Die Erntemenge entspricht einem Ertrag von 5,4 t/ha, dies sind 2,0 % mehr als im Vorjahr. Der Grund dafür dürfte aber vor allem an dem im Jahr 2020 nicht ausgeschöpften Ertragspotenzials liegen. Nachfrage nach Spargel deutlich abgeflacht Dass die Nachfrage in diesem Jahr deutlich geringer ausfiel, zeigte sich in nahezu allen Vermarktungswegen. Lediglich in Richtung der Gastronomie wurde nach zwei sehr mageren Jahren wieder mehr abgesetzt. Allerdings liegt die Nachfrage dort nicht selten unter dem Niveau von 2019 und davor. In der Direktvermarktung, in der insgesamt noch ein oft zufriedenstellendes Preisniveau herrschte, lag die Nachfrage deutlich hinter den beiden vergangenen Jahren, und es wird oft an das Niveau von vor der Corona-Pandemie angeknüpft, teils liegen die Werte auch etwas höher. In einer AMI-Analyse auf Basis der GfK-Daten zum Einkaufsverhalten der privaten Haushalte zeigt sich der Rückgang der Einkaufsmengen deutlich. Bereits im März wurden mit durchschnittlich rund 60 g je Haushalt (HH) 37 % weniger Spargel (grün + weiß) als im Vorjahr eingekauft. Auch im relevanteren Monat April lagen die Einkaufsmengen mit 427 g/HH rund 28 % unter Vorjahresniveau. Seit 2015 gab es keinen geringeren Wert. Das Mittel der vergangenen fünf Jahre wurde um 35 % verfehlt. Auch der Blick ins Detail zeigt nichts Erfreulicheres. Weißer Spargel aus Deutschland wurde im April rund ein Viertel weniger eingekauft als im Vorjahresmonat. Die 353 g/HH liegen 37 % unter dem Mittel der vergangenen fünf Jahre. Die durchschnittlichen Ausgaben lagen mit 10,47 €/kg zwar nur 1 % unter denen des Vorjahres und über denen der Jahre zuvor, dennoch ergibt sich ein um 27 % geringerer Wert der Ausgaben. Während im April 2022 jeder Haushalt durchschnittlich nur 2,76 € für weißen Spargel aus Deutschland ausgab, waren es im Jahr zuvor noch genau 1,00 € mehr. Zu 2020 zeigt sich gar eine Differenz von 47 % und auch 2019 waren es rund 27 % mehr. Ein ähnliches Niveau wurde zuletzt 2018 erreicht. Bei grünem Spargel aus Deutschland fiel der Rückgang im April mit 15 g/HH zum Vorjahr mit -22 % auf den ersten Blick minimal weniger drastisch aus. Grund dafür ist aber auch der ohnehin geringe Vorjahreswert wegen des überschaubaren Angebotes an grünem Spargel im kälteren Frühjahr 2021. Im April des Jahres 2020 wurden noch mehr als doppelt so viel Ware wie in diesem Jahr eingekauft. Auch im Mai blieb die Nachfrage nach Spargel spürbar hinter den Vorjahren zurück. Die Daten zur vorläufigen Käuferreichweite lagen spürbar und konsequent hinter allen Werten der Vorjahre bis zurück ins Jahr 2014. Bei den Werten zur Haushaltsnachfrage ist allerdings zu beachten, dass Ware, die in die Gastronomie geht, nicht erfasst wird. Diese, in diesem Jahr etwas höheren Mengen, gleichen das Minus der gesamten Absatzmenge gegenüber den beiden Vorjahren etwas aus, dennoch bleibt es bei einer sehr schwachen Nachfrage. Claudio Gläßer, Agrarmarkt Informations-Gesellschaft mbH