12.04.2023
Sarah Wieners neuer großer Kampf

Die frühere Fernsehköchin Sarah Wiener arbeitet jetzt als EU-Abgeordnete
Foto: dpa/Uli Deck
In der europäischen Landwirtschaft zeichnet sich ein Großkonflikt ab. Der Entwurf einer neuen Pestizidverordnung sieht eine drastische Reduzierung von chemischen Unkrautbekämpfungsmitteln vor. Bauern fürchten um ihre Existenz. Im Mittelpunkt des milliardenschweren Kampfes steht eine alte Bekannte: Sarah Wiener.
Haarspaltereien sind gewöhnlich nicht ihr Ding. Sarah Wiener, den meisten Deutschen wohl noch als zupackende TV-Köchin mit Vorliebe für praktische Rezepte und gesundes Essen bekannt, beginnt die Veranstaltung am Dienstag im Europa-Parlament mit einem beklemmenden Hinweis. Die jetzige österreichische Grünen-Europa-Abgeordnete hat zur Vorbereitung des anstehenden Kampfes um die Zukunft der Pestizide in Europa ihre eigenen Haare untersuchen lassen. Ergebnis: Sie enthalten Abbauprodukte von DDT, jenem Insektenbekämpfungsmittel, das bereits Anfang der 1970er Jahre verboten wurde. Die zehnjährige Deutsch-Österreicherin muss also aufgenommen haben, was die 60-jährige Politikerin immer noch mit sich trägt.
In Brüssel mag sie das zusätzlich motivieren für ihren aktuellen Job als Verhandlungsführerin in Sachen Pestizidverordnung. Die EU-Kommission hat den Vorschlag auf den Tisch gelegt, die Anwendung von chemischen Pestiziden bis 2030 zu halbieren. Wiener hat dazu nun einen Gegenvorschlag vorbereitet, der sowohl Zwischenziele bis 2026 vorsieht, als auch radikalere Vorgaben sowohl für Schutzgebiete als auch für die gefährlichsten Pestizidarten. Die will sie sogar um 80 % reduzieren. Das klingt nach großem Ärger. Längst sind nicht nur die deutschen Landwirte empört über die Brüsseler Pläne, die für viele von ihnen das berufliche Aus bedeuten würden. Auch die Verbände und Produzenten machen mit ihren EU-Lobbyisten mobil. Denn es geht um Milliarden.
Parallel dazu steigt die Spannung, wie es mit dem wirksamsten und weltweit am meisten verbreiteten Pflanzenschutzmittel Glyphosat weiter geht. Die Verwendung in der EU wird seit fünf Jahren verlängert, und eigentlich sollte die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit bis letzten Herbst eine aktualisierte Bewertung vorlegen. Doch die erbat sich mehr Zeit für die Auswertung jüngster Studien. In einigen Wochen soll die Empfehlung jedoch vorliegen. Sie hat das Zeug, die Lebensmittelpreise weltweit zu erschüttern. Eigentlich wollten viele Landwirte nicht weniger, sondern mehr Pestizide, berichtet Wiener. Und sie weiß: „Das wird ein harter Kampf.“
Dafür rüsten sich die Grünen an diesem Dienstag mit viel branchenspezifischer Prominenz. Sogar Dewayne Lee Johnson haben sie einfliegen lassen. Der an Krebs erkrankte Amerikaner berichtet, wie er den ersten Prozess gegen den Glyphosat-Produzenten Monsanto gewann. Der niederländische Toxikologe Norbert Fraeman geht auf die Krebsrisiken verschiedener Stoffe ein. Nach seiner Grafik ist das bei Glyphosat nur ein Achtel des Krebsrisikos von Rauchern, ein Fünftel des Risikos nach Alkoholgenuss, aber immer noch höher als bei Diesel-Abgasen und Fleischkonsum.
In mehreren Runden widmen sich die Grünen und ihre Gäste den Alternativen - allem voran dem „Unkrautmanagement“. Landwirte schildern, wie sie durch neue Fruchtfolgen, spätere Bearbeitung, den Einsatz von Insekten und Pilzen, zudem intensiver Beratung über neue Techniken die teuren Pestizide absetzen und gleichzeitig doch 90 % des früheren Ertrages erwirtschaften konnten - weil Verbraucher ihnen mehr Geld gezahlt und mehr Zeit ermöglicht hätten. Dazu sind an der Wand des Sitzungssaales Schafe im Weinberg zu sehen - als natürliche Unkrautvernichter.
Wie heftig die Auseinandersetzung wird, geht auch aus einer Einschätzung von Norbert Lins hervor, dem Vorsitzenden des Agrarausschusses des Europa-Parlamentes. „Landwirtinnen und Landwirte setzen Pflanzenschutzmittel nicht willkürlich ein“, sagt der CDU-Agrarexperte unserer Redaktion. Was Wiener vorgeschlagen habe, sei nicht nur unverhältnismäßig, sondern setze auch ganze Ernten und damit die Ernährungssicherheit aufs Spiel. Die europäische Landwirtschaft und die Gesetzesvorschläge müssten Hand in Hand gehen. Lins hofft, „in den bevorstehenden Verhandlungen denjenigen die Augen öffnen zu können, welche den äußerst fragwürdigen Ansatz der Kommission noch immer unterstützen und diesen wie im Falle von Frau Wiener noch verschärfen“.
Quelle: Rheinische Post