12.04.2022

Sicherung der Zukunftsfähigkeit (II)

Beim Einsatz nicht selektiver Vollernter steigt der Anteil kurzer Stangen, die Qualität der nachfolgenden Erntedurchgänge wird aber verbessert
Foto: Scheel

Im Augenblick steht der gesamte Erwerbsgartenbau vor enormen Veränderungen und daraus resultierenden Herausforderungen. Diese werden von vielen verschiedenen Bereichen beeinflusst. In der Fortsetzung des Artikels aus Ausgabe 01/22 werden weitere wichtige Aspekte kritisch angesprochen. Mechanisierungsmöglichkeiten: ·         Herkömmliche Handkörbe wirken sich extrem negativ auf die Stechleistung und die Leistungsfähigkeit aus. Laufwege werden bei langen Reihen mindestens verdoppelt. Die Arbeitskräfte müssen das Gewicht der Ernteware tragen. Dies führt in der Summe zur schnelleren Ermüdung. Zudem ist am Reihenende ein Umpacken notwendig, wodurch die Bruchgefahr steigt. Sie sollten der Vergangenheit angehören! Stechleistung 8-10 kg/h im Saisonmittel. ·         Handwagen transportieren 10-kg-Kisten. Das Gewicht muss nicht vom Erntehelfer getragen werden. Ein Umpacken entfällt in der Regel (Bruchgefahr sinkt). Aber die Foliensysteme werden nicht bewegt. – Ein Einsatz ist nur bei niedrigen Tageserntemengen (z.B. Erntestart) oder sehr kurzen Reihen (z.B. keilige Felder) sinnvoll. Stechleistung 10-12 kg/h im Saisonmittel. ·         Nicht angetriebene Erntehilfen, leichte Alu-Wagen, wie der Clevermax, welche die Kiste(n) transportieren und eine Folie bewegt. Vorteile liegen in dem niedrigen Kaufpreis (ca. ein Fünftel der Spinne) und der dafür annehmbaren Leistungssteigerung. Im hängigen Gelände, bei tiefgründigen und/oder schweren Böden und bei nassen Bedingungen geraten sie an die Grenzen. Dennoch kann bei ebenen, sandigen Flächen, bei begrenztem Investment, schnell eine Flächendeckung mit Erntehilfen erreicht und diese im Anschluss, bei Tunnelflächen beginnend, durch angetriebene Geräte ausgetauscht werden. Stechleistung 13-17 kg/h im Saisonmittel. ·         Angetriebene Erntehilfen sind ein- oder mehrreihige Systeme, welche die Folie anheben, das Wenden erleichtern, bei entsprechender Zusatzausstattung und M-Bögen auch Tunnel vollständig bewegen und die Kisten transportieren. Meist sind sie elektrisch angetrieben oder angehängt. Stechleistung 15 – über 20 kg/h im Saisonmittel.  Einreiher sind z.B. Spinne A1 von Engels oder die Geräte von Bagioni. ·      Nicht selektive Vollernter schneiden durch den Damm und sieben den abgeschnittenen Spargel aus dem Damm. Der Anteil der kurzen Ware ist auch nach mehreren Durchfahrten höher, als beim Handstechen. Allerdings wird die Qualität der nachfolgenden Ernten (gerade Stangen, weiße Farbe) angehoben. Anbieter aktuell sind z.B.ai-solution GmbH mit dem Kirpy oder Christiaens agro Systems mit dem kleineren Chrisje und dem größeren Chris. ·         Selektive Vollernter stehen am Start ihrer Entwicklung. Inzwischen sind erste Geräte im Einsatz. Der Spargel wird je nach Anbieter detektiert und automatisch maschinell gestochen. Anbieter sind zum Beispiel Cerescon BV oder AVL Motion. Eventuell sind zukünftig auch Kombinationen verschiedener Systeme sinnvoll. Denkbar aktuell wäre eine ständige Ernte mit Erntehilfe oder selektivem Ernteroboter, kombiniert mit ein oder zwei Durchfahrten eines nichtselektiven Vollernters, um die Erntequalität zu verbessern. Für die Kombinationsmöglichkeiten spielen die Investitionskosten eine entscheidende Rolle. Mechanisierungen in der Aufbereitung Auch in der Aufbereitung führt meist eine sinnvolle Mechanisierung zur deutlichen Erhöhung der Arbeitsleistung. So steigt z.B. in der Sortierung durch den Einsatz der Sortierautomaten die Arbeitsleistung pro Akh schnell auf über das Doppelte. Die Sortierzeiten werden verkürzt, was sich positiv auf die Qualität und die Kundenflexibilität auswirkt. Zudem können voreingestellte Programme und zusätzliche Schneideeinrichtungen Kundenwünsche besser sicherstellen. Ein positiver Zusatzeffekt der Automaten ist die deutlich höhere Flexibilität beim Personal. Am Handsortierband müssen zwingend geschulte Mitarbeiter eingesetzt werden. Dennoch ermüden sie im Verlaufe der Saison. Der Automat sortiert per Computer und selbst ein ständiger Wechsel des Personals führt zu einem gleichbleibend hohem Sortierbild! Allerdings sind die Investitionskosten bei Automaten um ein Vielfaches höher als bei der Handsortierung. Hier sind in Kleinstbetrieben eventuell Maschinenkooperationen denkbar. Gleiches gilt für  andere Bereiche, wie Wiegung oder Schälung. Hier entlasten sinnvolle Mechanisierungen das Personal, sichern das Qualitätsergebnis und erhöhen die Flexibilität im Personaleinsatz erheblich. Ausbeuten und Wirtschaftlichkeit Die Ausbeute, also der Anteil der Verkaufsware an der geernteten Rohware hat einen erheblichen Einfluss auf die Wirtschaftlichkeit. Meist werden die Löhne auf Basis der Rohware ermittelt, wogegen die Umsätze von der Verkaufsmenge abhängig sind.  Zu niedrige Ausbeuten führen zu einer massiven Schmälerung der Wirtschaftlichkeit und sind kaum von anderen Faktoren zu kompensieren. Im Spargel hängt die mögliche Ausbeute auch von den Vermarktungswegen ab. Ziel sollte für ungeschälte Stangenware eine Ausbeute von 70-75 % aus der geernteten Rohware sein (s. Modellrechnung). Modellrechnung: Ausbeuten und Wirtschaftlichkeit Ziel sollte für ungeschälte Stangenware eine Ausbeute von 70-75 % aus der geernteten Rohware sein. Nachfolgende Modellrechnung zeigt den Einfluss auf. Auch in anderen Kulturen wirken sich die Ausbeuten erheblich auf die Wirtschaftlichkeit aus. Dies kann am Beispiel der Erdbeere gezeigt werden. Aus phytosanitären Gründen müssen z.B. auch kranke und beschädigte Früchte gepflückt werden, um nachfolgend reifende Früchte nicht zu infizieren. Die Lohnkosten fallen auf die Pflückware an und die Umsätze werden von der Verkaufsware bestimmt. Nimmt der Anteil der Beschädigungen zu, z.B. durch Fruchtfäulen oder Hagelschäden, sinkt die Wirtschaftlichkeit erheblich. In den vergangenen Jahren konnte vielfach ein positiver Effekt auf die Fruchtgesundheit durch Überdachungen, wie Mini- oder Hochtunnel, festgestellt werden. Diese Effekte waren bei den Hochtunneln durch die dauerhafte Bedeckung stärker ausgeprägt. Zusätzlicher Einfluss von Schälabfällen Eine weitere Einflussgröße auf die Wirtschaftlichkeit entsteht durch die weiter verringerte Ausbeute durch die Schälung und muss bei der Preisgestaltung von Schälware berücksichtigt werden. Durch die Schälung sind zusätzliche Verluste von ca. 30-35 % einzukalkulieren. Diese Ausfälle werden entscheidend von der Qualität der Ausgangsware beeinflusst. Beispielsweise spielt die Krümmung eine entscheidende Rolle. Sollte der Kunde die ungeschälte Rohware erwerben, sind nur die Schälkosten (Maschinenkosten + Lohn + Verpackung) im Endpreis zu berücksichtigen. Wird der Preis für die fertige Schälware ermittelt, spielen zu den Schälkosten noch die Schälabfälle und die daraus resultierenden geringeren Endgewichte eine entscheidende Rolle. Einfluss bedarfsgerechter Pflege (Düngung, Pflanzenschutz Bewässerung) Eine bedarfsangepasste Pflege ist eine wesentliche Voraussetzung für die Leistungsfähigkeit der Anlagen. Dies betrifft sowohl die Quantität als auch die Qualität der Verkaufsware. Jegliche Art der Schwächung führt zu Mindererträgen, geringeren Qualitäten und auch oft zur verminderten Lager- und Transportfähigkeit. Hier muss das Liebigsche Minimumgesetz berücksichtigt werden. Die eine Ursache der Schwächung kann kaum von einer Überversorgung in anderen Bereichen kompensiert werden. Es muss berücksichtigt werden, dass Düngung, Pflanzenschutz und Bewässerung als Komplex zu betrachten sind und sich gegenseitig beeinflussen. Woraus können Schwächungen resultieren? Düngung Unterversorgung führt zu Mangelsymptomen. Diese wirken sich z.B. in schwachen Pflanzen (geringere Erntemengen und höhere Lohnkosten/kg), höheren Krankheitsanfälligkeiten (z.B. Botrytis an Blattnekrosen) und Kleinfrüchtigkeit (höhere Lohnkosten/kg) aus. Nährstoffmangel kann in vielen Kulturen auch die Lager- und Transportfähigkeit erheblich reduzieren. Überversorgung, z.B. mit Stickstoff, erhöht die Anfälligkeit für Krankheiten und Schädlingen und reduziert durch weiche Früchte erheblich die Lager- und Transportfähigkeit. Der Bedarf richtet sich u.a. nach Kultur, Anlagenalter, Leistungsfähigkeit und Bodenvorrat an Nährstoffen. Er sollte über Bodenanalysen bestimmt werden. Allerdings können beispielsweise eine geringe Bodenfeuchte und andere Faktoren, wie Nährstoffwechselwirkungen, die Aufnahme behindern. Hier helfen rechtzeitige Blattanalysen, den Nährstoffgehalt in der Pflanze zu beurteilen und beugen Schäden durch Mangel vor. Pflanzenschutz Bedarfsgerechter Pflanzenschutz sichert gesunde Bestände, hohe Erträge und stabile Fruchtgrößen und Stangenstärken. Dabei müssen jedoch alle für die jeweiligen Kulturen relevanten Krankheiten und Schädlinge berücksichtigt werden. Beispielsweise wurde in den Jahren 2018 und 2019 deutlich, dass eine trockene Witterung nicht automatisch zu einem geringeren Pflanzenschutzbedarf im Spargel führt. Spargelrost benötigt für die Sporenkeimung Blattfeuchte und entwickelt sich, im Gegensatz zu Stemphylium und Botrytis nach der Keimung auch bei trockenen und heißen Bedingungen gut weiter. Ein vorbeugender Pflanzenschutz kann den Pflegebedarf nachfolgend massiv reduzieren. Dazu zählen z.B. die bessere Abtrocknung durch Pflanzung in Hauptwindrichtung, ausreichend breite Reihenabstände (mindestens 2 m in Spargeleinzelreihen) und stabile und gesunde Pflanzen. Letztere können durch geeignete Blattdünger und Pflanzenstärkungsmitteln erfolgreich unterstützt werden. In diesem Bereich liegen noch erhebliche, ungenutzte Optimierungspotentiale. Bewässerung Eine bedarfsgerechte Zusatzwassergabe ist in vielen Regionen eine massive Einflussgröße auf die Wirtschaftlichkeit. Dabei kann der Bedarf je nach Art der Zusatzwassergabe berechnet (z.B. mittels Klimatische Wasserbilanz bei Überkopfberegnung Spargel) oder gemessen (über Sensoren oder Tensiometer) werden. Eine Unterversorgung führt zu Mangelerscheinungen durch Wasser- und Nährstoffmangel, geringerer Laubmasse (verringerte Regeneration) und Kleinfrüchtigkeit bzw. dünnen Spargelstangen (geringere Erlöse und hohe Lohnkosten). Eine Überversorgung kann zu Nährstoffauswaschungen, Pflanzenschutzreduzierungen und Pflanzenschwächung durch Staunässe führen. Einfluss der Vermarktung Die sinnvolle Vermarktung sichert den Erfolg aller vorangegangener Maßnahmen. Alle Vermarktungswege, ob Direktvermarktung oder Lebensmitteleinzelhandel müssen dabei durch ausreichende Preise die notwendigen Gewinne sicherstellen. Eine Korrektur im Nachgang ist nicht möglich. Aus diesem Grund sind Preise unter den Erstellungskosten auch kurzfristig nicht akzeptabel. Insbesondere Lieferungen ohne vorherige Preisabsprache  nehmen dem Produzenten jeglichen Entscheidungsspielraum. Das Risiko trägt ausschließlich der Produzent! Sollte die Erntemenge das Vermarktungspotential übersteigen, muss über die Größe der Erntefläche nachgedacht werden. Im Gegensatz zu Beerenobst können u.U. beim Spargel auch vorübergehend einzelne Felder aus dem Ertrag genommen werden. Die Möglichkeiten sind jedoch, z.B. in Abhängigkeit vom Boden, unterschiedlich und müssen betriebsindividuell betrachtet werden. Kein Vermarktungssystem beinhaltet nur Vorteile. Die Direktvermarktung erzielt zwar meist die höheren Preise, produziert jedoch auch deutlich höhere Kosten (Standmiete, Transport und Personal). Zudem muss deutlich mehr Personal zur Verfügung gestellt werden. Die Art und Mischung der genutzten Absatzwege werden von den betriebsindividuellen Rahmenbedingungen beeinflusst. Dabei sind jedoch gewinnbringende Durchschnittspreise zu erzielen. Arbeitskräftemanagement Ein erfolgreiches Arbeitskräftemanagement sichert die flüssige Arbeitserledigung und die Wirtschaftlichkeit. Dabei hat aus verschiedenen Gründen die Fluktuation in den Unternehmen zugenommen. Für den gleichen Arbeitsplatz sind nacheinander heute in der Regel eine höhere Anzahl von Mitarbeitern notwendig, da der Einzelne im Durchschnitt oft kürzer im Unternehmen arbeitet. Dies führt zu mehreren zu berücksichtigenden Folgen. Neue Mitarbeiter müssen erneut angelernt werden und die durchschnittliche Arbeitsleistung droht zu sinken. Weiterhin steigt an entscheidenden Schlüsselpositionen die Abhängigkeit des Unternehmens. Wie kann gegengesteuert werden? Ein gutes Betriebsklima sichert zufriedene Mitarbeiter. Dies reduziert die Fluktuation erheblich. Für ein gutes Betriebsklima sind neben einer leistungsanerkennenden, ausreichenden Entlohnung eine Vielzahl weiterer Faktoren entscheidend, z.B.: ·         Klare Arbeitsstrukturen ·         Angenehme Arbeitsplätze (hell, wo möglich klimatisiert, Arbeitserleichterungen durch sinnvolle Mechanisierungen, wie Erntehilfe oder Sortier- und Schälmaschinen) ·         Freundliche Unterkünfte ·         Einfache Möglichkeit mit der Heimat zu kommunizieren (z.B. WLAN) ·         Gute Hygienekonzepte sichern das Vertrauen der Mitarbeiter ·         Sinnvolle Mechanisierungen erhöhen die Flexibilität des Mitarbeitereinsatzes ·         Optimierte Betriebsabläufe reduzieren den Bedarf an Mitarbeitern. Beispielsweise reduziert der Einsatz der M-Bögen, in Kombination mit der geeigneten Erntehilfe den Arbeitskräftebedarf deutlich.  Gute Mitarbeiter sind Erfolgsgaranten im Unternehmen. Die rechtzeitige Organisation hat einen wesentlichen Einfluss auf den Unternehmenserfolg. Dabei sind auch die sich ständig verändernden Rahmenbedingungen mit zu berücksichtigen. Grundsätzlich kann folgende Herangehensweise hilfreich sein: 1. Ermittlung der Ernteflächengröße auf Basis des Vermarktungspotentiales 2. Ermittlung des Arbeitskräftebedarfs für die notwendigen Arbeiten und rechtzeitige Einladung. Dies beinhaltet auch die notwendigen, aktuell bekannten Informationen zu den Rahmenbedingungen. Aktuell fließen hier auch die Informationen und Voraussetzungen für ein sicheres Arbeiten ein, welche durch die Regelungen zur Corona-Pandemie festgelegt werden (Testungen, eventuelle Erleichterungen durch ausreichenden Impfstatus u.ä.) 3. Ermittlung der notwendigen Unterkünftekapazität (unter Berücksichtigung notwendiger Quarantänebereiche), gegebenenfalls rechtzeitige Planung und Beantragung von Erweiterungen 4. Planung der notwendigen Arbeitsgruppen unter Beachtung der Coronaregelungen und deren erfolgreiche Abgrenzung nach dem geforderten Prinzip „Gemeinsam wohnen, gemeinsam arbeiten“ Auch neue Einflussfaktoren, wie die Corona-Pandemie spielen bei der Arbeitskräfteplanung eine entscheidende Rolle und sind bei der Planung ausreichend zu berücksichtigen. Jürgen Schulze, UBIGA GmbH