12.04.2022
Direktvermarkter haben von Corona profitiert - expoDirekt: Anregungen für Hofladenbesitzer

Jan und Frank Kaltenthaler hatten im aktuellen Jahr alle Hände voll zu tun, um Balsamicos für ihre Kunden herzustellen. Diese wurden gerne von der Kundschaft in den Hofläden gekauft
Foto: Setzepfand
In den vergangenen zehn Jahren hat sich die Zahl der Direktvermarkter in Deutschland auf rund 25 000 Betriebe verdoppelt. Dementsprechend groß ist auch die Nachfrage nach ergänzenden Produkten zum eigenen Sortiment. Dabei bieten die Lieferanten für Hofläden meist ein breites Sortiment einer Kultur an.
So hat sich die Cassismanufaktur Danner aus Brackenheim-Stockheim bei Heilbronn auf die Schwarze Johannisbeere spezialisiert. Secco, Wein, BBQ-Sauce, Brände, Schokolade, Senf oder Meerrettich aus und mit Cassis werden verkauft. Insgesamt 36 Cassis-Produkte können Heiko Danner und sein Team anbieten. Seit 2013 ist er damit auf dem Markt. „Wir beliefern Feinkostläden und Hofläden bundesweit. Unser Sortiment werden wir im kommenden Jahr um Bonbons und getrocknete Schwarze Johannisbeeren ergänzen“, erläuterte der gelernte Landwirt, der 60 ha Schwarze Johannisbeeren anbaut und zudem noch Weinbau und Obstbau betreibt.
Möglichst natürliche Produkte sind gefragt
Auf Meerrettich hat sich seit vielen Generationen die Familie Schmidt aus Höchstadt an der Aisch im Fränkischen spezialisiert. Unter der Marke Marga´s Kren wird nach alten Rezepturen Gemüsemeerrettich, Meerrettich pur (rund zwei Monate haltbar) und Tafelmeerrettich, mit Branntweinessig und etwas Zucker fünf Monate haltbar, hergestellt.
Auf Schokolade setzt die Chocolaterie Holzderber aus Worms seit 75 Jahren. Ob zu Wein, Käse oder Früchten, Schokolade passe zu vielem und werde gerne als Ergänzung in den Hofladen aufgenommen, sagte Inhaberin Miriam Holzderber. Neben fertigen Produkten, bietet Holzderber auch an, Weine oder Brände ihrer Kunden in die Trüffel aufzunehmen. Trüffel sind in diesem Fall, nicht die Pilze, die im Boden gesucht werden müssen, sondern runde Pralinen, die mit einer gewellten Außenschicht durch Zutat von Kokos oder anderen Fruchtstückchen diesen ähnlich sehen. Aus 0,75 l Wein oder Brand werden dann rund 3 kg Trüffel hergestellt. Die Nachfrage aus den Hofläden sei in Coronazeiten extrem gestiegen, auch jahrelange Kunden steigerten den Bedarf deutlich. Nachteilig haben sich Lieferengpässe bei den Rohstoffen ausgewirkt, so Holzderber, die 20 Mitarbeiter beschäftigt.
Heimischer Anbau von Quinoa funktioniert
Auf heimischen Anbau setzt Thomas Knab vom Obsthof Knab mit seinem Bruder. „Damit Quinoa nicht um die halbe Welt transportiert werden muss, bauen wir seit vier Jahren zwischen 15 und 25 ha Quinoa auf unserem Obsthof an. Das funktioniert gut“, so Knab. „Zudem testen wir gerade Reis“, so der junge Betriebsleiter. Die Produkte des elterlichen Betriebs seien Spargel, Erdbeeren und Kürbisse, diese werden zunehmend über Verkaufsautomaten an Mann und Frau gebracht. Zukünftig möchten die Brüder ihre besonderen Getreidearten unter dem Namen „Dein RegioKorn“ vermarkten. Eine 300-g-Packung Quinoa werde für 2,99 € an die Endkunden verkauft.
Auf südamerikanische Knollen setzt der Gemüsesaatgutproduzent Volmary. „Die Süßkartoffel ist ein passendes Produkt für Spargel- und Erdbeeranbauer. Denn sie kommt nach diesen beiden Kulturen und ermöglicht den Anbauern, ihre Arbeitskräfte weiterhin zu beschäftigen“, sagte Gartenbautechniker Manuel Scheuring. Die zahlreichen Sorten seien von einem kanadischen Züchter speziell für den Anbau in nördlichen Breiten gezogen worden und problemlos in der Kultur. Die Nachfrage sei vorhanden und somit spare man lange Transportkosten durch regionalen Anbau. Nur eines müsse man wissen, die Süßkartoffel benötige eine Wärmebehandlung nach der Ernte, um die Schale zu festigen. Anschließend könne sie bis zu zwölf Monate gelagert werden. Die Kulturzeit betrage 90 bis 120 Tage.
Generationenwechsel bahnt sich in vielen Unternehmen an
Auf allerlei Mühlenprodukte setzt Herbert Nägele, Inhaber der Firma Müfagro Naturkosthandel aus Gomadingen. Der gelernte Bäcker und Konditor beliefert rund 300 Mühlen und 100 Hofläden. Er liefert besondere Getreidearten, wie Quinoa und Emmerflocken, Backzutaten, Nudeln, Nüsse, auch Mischungen in Bioqualität und vor allem mit regionalem Bezug. „Ich führe die Nachfrage nach besonderen Getreidearten im deutschsprachigen Raum zusammen. Denn erst ab 2 t lohnt es sich für einen Müller ein bestimmtes Korn zu mahlen“, erklärt Nägele, der einen Trend zu mehr Hülsenfrüchten in den vergangenen Jahren bemerkt. Seine Tochter ist nun in die Firma mit zehn Mitarbeitern eingestiegen. „Es wird nun digitaler“, sagte er.
Auch bei der Wein- und Essigmanufaktur Kaltenthaler in Worms ist seit April Sohn Jan in das Dienstleistungsunternehmen eingestiegen. „Wir fertigen Essig, Balsamico, Secco, Senf, Sirup und Weine aus den Früchten unserer Kunden. Die Coronazeiten bescherten uns stetige Aufträge. Die Hofladenbesitzer wurden überrannt und wir mit ihnen“, sagte Geschäftsinhaber Frank Kaltenthaler. Zu seinen Kunden zählen viele Obstbaubetriebe von Belgien bis nach Baden.
Wer Säfte oder Wein besitzt, für den könne Kaltenthaler innerhalb von drei bis vier Monaten Balsamico herstellen. „Während der Riesenernte 2018 mussten die Kunden jedoch 56 bis 58 Wochen auf ihr Produkt warten. Alle kamen an die Reihe.“ Mit vier Mitarbeitern habe die Familie den Betrieb gerade modernisiert und vergrößert. Aus einem Liter Saft werden 0,2 l Balsamico im traditionellen Verfahren auf einem offenen Kessel gewonnen.
Wie sich aus einem Lohnabfüller für Weine ein Unternehmen mit einem breitgefächerten Sortiment entwickelt, das macht EB-Secco GmbH aus Wörrstadt vor. Ob Fruchtseccos, Säfte oder Sekt, ob aus Trauben, Kirschen, Beeren oder Äpfeln, EB füllt diese ins gewünschte Gefäß, das kann neben der herkömmlichen Flasche auch eine Dose oder Bag-in-Box sein. Auch besondere Produkte werden für Kunden kreiert, dafür wurde im Jahr 2018 die EB Consulting gegründet, womit sich der Kundenkreis deutlich erweiterte. EB hat mittlerweile drei Standorte in Rheinhessen. In Wörrstadt läuft die Dosen- und Spezialabfüllung, in Stadecken-Elsheim findet die Fruchtanlieferung statt sowie das Abfüllen in Kleinflaschen und Bag-in-Box und in Ingelheim findet die Lohnabfüllung von Weinen, Sekt oder Säften statt.
Edith Decker-Bermes bemerkte, dass im Unternehmen kaum noch Weine abgefüllt werden, dafür umso mehr Seccos. Die Abfüllung kann heiß, kaltsteril oder kaltsteril mit anschließender Pasteurisierung sein. Seit Corona bietet EB an, Verkostungspakete an Teilnehmer von Online-Weinproben zu verschicken. In einem Karton sind zwei Gläser und jeweils sechs 0,1 l-Fläschchen mit den verschiedenen Weinen.
Verpackungen werden zunehmend aus Pappe gewonnen
Waren vor einigen Jahren die Verpackungen aus Papier hinten in der Auslage zu finden, ist dieses Schicksal nun den Kunststoffverpackungen vorbehalten. Nachhaltigkeit spielt eine immer größere Rolle, sodass nun eine Vielzahl an Wellpappschalen, -körben und -steigen zu finden sind. Die Firma Martin Dradrach aus Herxheim liefert seit 35 Jahren Tragetaschen und Verpackungsmaterial, teils kompostierbar, an seine Kunden. Mitarbeiter Andreas Gruber ist seit zehn Jahren dabei und sieht klar den Trend weg von den Kunststoffen. „Auch Tragegriffe an den Körben sollen nicht mehr aus Plastik sein, ebenso wenig wie Beschichtungen auf den Pappen“, so Gruber.
Neben deutlich längeren Lieferzeiten sprach Gruber auch von Preissteigerungen für Wellpappen um die 60 % beim Einkauf. „Wir versuchen, die Preissteigerungen an die Kunden so moderat wie möglich zu halten. Doch auch die Erzeuger müssen die Preissteigerungen an ihre Kunden weitergeben“, sagte Gruber.
Auch die Firma Elledi aus Italien sieht klar den Trend zu ökologischeren Verpackungen. Das Unternehmen versucht den Anteil an Polyethylen so niedrig wie möglich zu halten. Livio Dalvit bemerkte dazu: „Die Kunden möchten die Plastikschalen ersetzen, doch der doppelt so hohe Preis von Pappschalen schreckt manche ab.“
Fabian Folz von der Verpackungsfirma Kühling wird konkret. Es gebe drei Arten von Pappschalen: Die klassischen Holzschliffschalen für Erdbeeren, Schalen aus Wellpappe und Vollpappschalen. „Die Holzschliffschalen sind die günstigsten von den Dreien, doch auch sie werden zu Beginn des kommenden Jahres wohl teurer“, bemerkte Folz, der neben dem Trend zur Ökologie auch einen Trend zu immer kleineren Gebinden sieht. Das Familienunternehmen mit neun Mitarbeitern aus Emstek in Niedersachsen sei gut durch die Coronazeiten gekommen, „denn Verpackungen werden immer gebraucht.“
Dass durch die Pandemie das Thema Nachhaltigkeit in den Verpackungen etwas mehr in den Hintergrund gerückt sei, das sagte Rainer Jung, seit 40 Jahren Mitarbeiter bei der Firma Boss Vakuum aus Friedberg. Sie bieten mit Kunststoff beschichtete Pappschalen zum Vakuumisieren an, die mit einer Kunststofffolie laminiert werden. Diese Folie sei lasergelocht und lasse Kohlendioxid entweichen, sodass die Produkte länger haltbar bleiben. Beim Recyclen muss jedoch die Beschichtung von der Pappe getrennt werden. Reine PE-Schalen seien leichter zu recyclen. „Insgesamt wird das Vakuumisieren stark nachgefragt“, so Jung.
Ökologisch: Tüten aus Kartoffelstärke
Die Endlösung im Bereich Verpackungen pries Sasa Peric von packtato an. Zu 100 % aus Kartoffelstärke werden Hemdchen-Tüten in verschiedenen Größen, Folien und Müllbeutel angeboten. In diesem Fall seien die Produkte zu 100 % kompostierbar, sodass sie für Biokompost verwendet werden können und wie dieser zu Dünger werden. Dies sei in Übereinstimmung mit der EU-Norm EN 13432:2000 und weiteren. Doch die Hemdchentüten seien zuvor bis zu zwölfmal wiederverwendbar bevor sie einer Kompostierung zugeführt werden. Somit ist es zukünftig keine leichte Aufgabe für die Entsorger, die richtigen kompostierbaren Tüten von den Falschen mit Polyethylenanteil zu unterscheiden. Eine Aufgabe, die bereits bei der Inverkehrbringung beachtet werden sollte.
Möbel aus Paletten
100 % Natur sind auch die großen Holzkisten der Firma Schlesselmann aus Asendorf zwischen Bremen und Hannover. Seit 100 Jahren existiert das Unternehmen, das einst eine Schreinerei war, dann zum Sägewerk wurde und nun rund 1,5 Mio. Paletten im Jahr herstellt, sagte Luca Schlesselmann, die fünfte Generation im Unternehmen. Ganz nebenbei werden auch Holzkisten in verschiedenen Maßen für Kartoffeln, Äpfel oder sonstige Lagerprodukte produziert. Vor fünf Jahren sprang die Firma auf den Hype der Möbelherstellung aus Paletten auf. Seither gibt es Stehtisch Uwe, Sitzgarnitur Stefan oder Raumtrenner Emil – allesamt aus geschliffenen Paletten zum Zusammenstecken, benannt nach Mitarbeitern. Das Holz wird aus einem Umkreis von 100 km gewonnen.
Ganz auf Holz setzt auch die Firma Gieco mit Geschäftsführer Markus Gies aus dem Sauerland beim Bau von Verkaufshäusern für Erdbeer- und Spargelanbauer. In einer Größe von 2,7 x 3 m koste eine Holzhütte 2 500 € netto. „Wir hoffen sehr, dass sich die Holzpreise langsam einpendeln, es war ein schwieriges Jahr“, sagte Hermann Gies. Das Gute an den Verkaufshäusern der Gies: Sie sind nur mit Hammer, Leiter und Wasserwaage aufzubauen und leicht auch wieder abzubauen.
Elke Setzepfand