21.04.2021
Breit aufgestellt in die Zukunft - Gut Böckenhoff

Die Nachfolge ist gesichert: Tochter Charlotte möchte den Betrieb von Bernhard Böckenhoff übernehmen
Foto: Gut Böckenhoff
Spargel, Erdbeeren, Heidelbeeren und Haselnüsse – in dieser Reihenfolge reifen sie übers Jahr und in dieser Reihenfolge haben die Kulturen auch nach und nach Einzug gehalten auf dem traditionsreichen Gut Böckenhoff in Raesfeld-Erle im Münsterland. Bernhard Böckenhoff, der der Branche auch als findiger Geist in Sachen Spargelfolien, deren Entsorgung und Maschinen rund um den Spargel- und Erdbeeranbau bekannt ist, führt das Gut in zehnter Generation. Seit sich seine Tochter Charlotte entschieden hat, das Unternehmen weiterzuführen, sieht der 56-Jährige noch zuversichtlicher in die Zukunft.
1595 ging das Gut unter dem damaligen Namen Bakenhof in Familienbesitz über. Die Kornbrennerei hat eine lange Tradition auf dem typisch münsterländischen Hof. Der Vater des heutigen Betriebsleiters betrieb Ackerbau, Bullenmast sowie eine Brennerei mit Spirituosengeschäft. Bereits 1977 begann er mit der Spargelkultur, woraufhin seine Ehefrau im Jahr 1983 das bis heute bekannte und beliebte Restaurant „Adelheids Spargelhaus“ auf dem Gut etablierte. Im Jahr 1988 übernahm Bernhard Böckenhoff das Unternehmen von seinem Vater und begann zwei Jahre später mit der Kultur von Erdbeeren. Die Heidelbeeren gesellten sich 2008 hinzu, während die ersten Haselnussbäume erst vor Jahren gepflanzt wurden.
Der Tüftler beschäftigte sich bereits frühzeitig damit, wie sich die Spargelernte vereinfachen ließe. In den neunziger Jahren bastelte er an einer Spargelstechmaschine herum und befasste sich deshalb auch mit Spargelfolien. 1996 brachte er die erste Spargeltaschenfolie auf den Markt, bereits ein Jahr später eine schwarz-weiße Taschenfolie. Es folgten Thermofolie, XXL-Folie und Thermo-Plus-Folie sowie viele Varianten, alle bekannt unter dem Markenname EHMO-TEC
®. Aktuell sind weitere Folien im Praxistest auf den eigenen Spargelfeldern, die in der kommenden Saison vorgestellt werden sollen. Ziel ist es, die Arbeitskosten zu verringern, indem ohne Qualitätsverluste nur noch alle zwei Tage geerntet werden muss. Passend zu den Folien bietet die Böckenhoff Folien GmbH seit sechs Jahren auch das Recycling gebrauchter Folien sowie Geräte zum Folienab- und aufrollen, letzteres bekannt unter dem Namen Wickelluchs, an.
Während die erste Spargelerntemaschine, der Spargelfuchs, zu teuer wurde und ihre Entwicklung daher nicht weiter verfolgt, schaffte es der Vollernter Spargelmolly 2012 in die Praxis. Allerdings räumt Böckenhoff ein, dass allgemein bei der nicht-selektiven Ernte das Problem der Vermarktung der kurzen Stangen und Köpfe besteht und sich diese Form der Ernte deshalb vorerst nicht durchgesetzt hat. Er selbst nutzt seine Spargelmolly aber noch, um Erntespitzen zu brechen.
Arbeit rund ums Jahr
Mit seinen vier Kulturen und der Folien GmbH hat Bernhard Böckenhoff das ganze Jahr über gut zu tun. Im Winter nutzt er die Zeit, um Folien und Maschinen an Berufskollegen zu verkaufen oder sich Innovationen einfallen zu lassen, wie zuletzt eine App zum Temperaturmanagement im Spargeldamm. Bereits ab Ende Februar kann dann der erste Spargel geerntet werden. Vor einigen Jahren ergab sich die Möglichkeit, 9 ha in der Nachbarschaft eines Biomassekraftwerks mit Warmwasserschläuchen auszustatten und das 32 °C warme Wasser unter den Spargelpflanzen zirkulieren zu lassen. Damit lässt sich die Ernte entscheidend verfrühen und der Spargelbauer kann als einer der Ersten im Jahr weit und breit das weiße Gold anbieten. Die Ernte des Heizspargels geht nahtlos über in Spargel aus dem Minitunnel, gefolgt von Spargel unter schwarzer Folie, normal kultiviertem Spargel und Spargel unter weißer Folie – bis zum 24. Juni.
Die ersten Erdbeeren der Sorte `Clery´ können ab Ende April unter Tunnel geerntet werden. Von den 4 ha unter Tunnel sind 2 ha im Substratdamm gepflanzt. Ansonsten werden Sorten wie `Sonsation´ und `Malling Centenary´ angebaut sowie stets neue Sorten getestet.
Zu den Heidelbeeren kam Böckenhoff, als er seine Spargelflächen langjährig bewirtschaftet hatte und Alternativen für die Belegung suchte. In die zeitliche Abfolge im Jahr passen die Heidelbeeren nach der Spargel- und Erdbeersaison prima rein. Außerdem können Kühltechnik und Saisonunterkünfte länger genutzt und beschäftigt werden. Angebaut werden die Sorten `Duke´, `Liberty´, `Draper´, `Cargo´ und `Blue Crop´. Bis auf einen natürlichen Standort werden alle Heidelbeerpflanzen in Substrat aus Torf und Holzhackschnitzel gepflanzt und während der ersten vier Kulturjahre wird der Damm mit Folie überspannt.
„Die Haselnüsse habe ich angepflanzt, weil es eine interessante Kultur ist, die es in Deutschland noch kaum gibt. Die Nuss ist die einzige Kultur, bei der man keine Erntehelfer braucht. Ich wollte eine Kultur haben, wo ich nicht mehr so abhängig vom Personal bin. Der Nussanbau ist komplett mechanisierbar“, erläutert der Unternehmer seine Motivation, im Jahr 2016 die ersten veredelten Bäume zu pflanzen. Überdies habe man ein Produkt mit einer Haltbarkeit von über einem Jahr, das man ohne Druck verkaufen könne, wann man selbst es wolle. Dafür werden die Nüsse getrocknet und für noch mehr Verzehrgenuss sogar geröstet. „Das ist ein schönes Produkt, gesund und lecker.“ Was den Absatz betrifft, so schätzt Böckenhoff die Haselnuss als Zukunftsprodukt ein.
Zum Gut Böckenhoff gehören auch 65 ha Wald. Das Stammholz wird in der Regel verkauft, während das Topholz genutzt wird, um mit einer Holzhackschnitzelheizung den gesamten Betrieb zu beheizen und einen Holzvergaser zur Stromproduktion zu befeuern. Für den Sommer wurde auf einer neu gebauten Halle eine Photovoltaikanlage installiert, die die Energie für die Kühlhäuser liefert, dann wenn sie gebraucht wird. So ist das Unternehmen ziemlich autark.
Breit gestreuter Absatz
Der Absatz erfolgt hauptsächlich während der Spargelsaison über den eigenen Hofladen und die benachbarte, inzwischen verpachtete Hofgastronomie mit angeschlossenem Bauernlädchen – sieben Tage die Woche geöffnet während der Saison. Ein „Spargellehrpfad“ führt die Gäste durchs Feld vom Restaurant zum Hofladen. Verkaufsstellen bieten während der Spargelsaison Anlaufstellen für weitere Kunden. Für Erdbeeren und Heidelbeeren wird Selbstpflücke angeboten. Außerhalb der Spargelsaison ist der Hofladen von montags bis samstags geöffnet, aber nicht unbedingt von eigenem Verkaufspersonal betreut. Eine kleine zweite Saison gibt es in der Adventszeit mit der Vermarktung der Haselnüsse inklusive Röst-Events und „Tag der offenen Nuss“. Darüber hinaus werden die Hofprodukte in Eigenregie auch an den Großhandel, Einzelhandel, Wiederverkäufer und Gastronomie vermarktet.
Werbung wird auf verschiedenen Kanälen gemacht, klassisch mit Zeitungsanzeigen, Treuekärtchen, Give-aways und Flyern. Tochter Charlotte bedient die Sozialen Medien wie Facebook und Instagram. Auch Pressearbeit spiele eine Rolle. „Das Produkt sollte unsere Werbung sein und die beste Werbung ist der Kunde, der unser Angebot weiterträgt.“ Darüber hinaus seien Verpackungen als Werbeträger nicht zu unterschätzen.
Sabine Aldenhoff