28.09.2020

Corona-Zwischenbilanz - Wo steht der Gartenbau?

In turbulenten Zeiten ist die Kontrolle der Ergebnisse besonders wichtig
Foto: Luer

Betriebswirtschaftliche Beraterinnen und Berater aus dem Expertennetzwerk des ZBG tauschten sich über die Situation im Gartenbau aus und berieten über die gewonnenen Erkenntnisse der vergangenen Monate. Die Corona-Zwischenbilanz soll Klarheit über die wirtschaftliche Situation bringen. Das Expertennetzwerk des Zentrums für Betriebswirtschaft im Gartenbau e.V. (ZBG), welches sich aus betriebswirtschaftlichen Beraterinnen und Beratern und darüber hinaus aus Vertreterinnen und Vertretern aus Ausbildung und Agrarverwaltung zusammensetzt, diskutierte bereits im Mai über die Situation in den Gartenbauunternehmen. Der Schwerpunkt des zweiten Austausches Anfang Juli lag auf den gemachten Erfahrungen und den gewonnen Erkenntnissen der zurückliegenden Wochen. Wie in allen Teilen der Gesellschaft, so war auch in vielen Gartenbauunternehmen zu Beginn der Pandemie die Verunsicherung sehr groß. Im Zierpflanzenbau wurden besonders große Einschnitte aus Schnittblumenbetrieben mit starkem Fokus auf Tulpen und Gerbera gemeldet. Ebenso mussten in zahlreichen Topfpflanzenbetrieben ein eigentlich umsatzstarker Satz Beet- und Balkonpflanzen vernichtet werden. In den Regionen, in denen Gartencenter geschlossen bleiben mussten, erschlossen sich einige Unternehmerinnen und Unternehmer in kürzester Zeit neue Absatzkanäle. Onlineshops wurden aufgebaut und Lieferservices eingerichtet. Spätestens nachdem die Bau- und Gartenmärkte im Laufe des Frühjahrs bundesweit wieder geöffnet hatten, war die Nachfrage der Verbraucherinnen und Verbraucher nach Produkten der Grünen Branche so hoch, dass sie nicht immer vollständig befriedigt werden konnte. Die Warenbeschaffung war demzufolge in vielen Einzelhandelsgärtnereien eine der zentralen Herausforderungen.  Im Gemüsebau profitierten in den ersten Wochen des Lockdowns vor allem die Unternehmen, welche an den Lebensmitteleinzelhandel (LEH) oder direkt an die Verbraucherinnen und Verbraucher absetzen konnten. Diese Unternehmen erzielten aufgrund der stark gestiegenen Nachfrage sowie eines – zumindest zwischenzeitlichen – Anstiegs der Großhandelspreise, Rekordumsätze. Auch im Gemüsebau konnten einige Unternehmerinnen und Unternehmer durch die Installation von Online-Shops und Lieferdiensten von diesem Trend profitieren. Hier zahlte sich die Flexibilität mit barer Münze aus. Doch, wo viel Licht ist, ist auch Schatten: Durch die geschlossenen Restaurants mussten die Gemüsebaubetriebe, welche sich auf den Absatzweg Gastronomie spezialisierten, zum Teil erhebliche Umsatzeinbußen hinnehmen. Darüber hinaus sorgten die Einreisebestimmungen ausländischer Saisonarbeitskräfte sowie die verschärften Hygienebestimmungen bei deren Unterbringung in der gesamten Branche für einen steigenden organisatorischen und finanziellen Aufwand. Daher ist nach wie vor nicht klar, ob aus den erzielten Rekordumsätzen auch Rekordergebnisse generiert werden oder ob die Zugewinne auf der Ertragsseite durch erhöhte Aufwendungen aufgezehrt wurden. Um diese Frage zu klären, ruft das ZBG zusammen mit betriebswirtschaftlichen Beraterinnen und Beratern zur Corona-Zwischenbilanz auf, dem Vergleich der 1. Halbjahre 2019 und 2020. Erfahrungen aus der Krise Die gesamte Branche erfuhr in den vergangenen Monaten eine hohe Wertschätzung seitens der Gesellschaft. Dies zeigte sich u.a.  in einer erhöhten Zahlungsbereitschaft der Kundinnen und Kunden. Eine der zentralen Herausforderungen der kommenden Monate wird nun sein, dieses Bild aufrechtzuhalten, um auch weiterhin davon profitieren können. Die Belastung der Belegschaft aber auch die der Unternehmerinnen und Unternehmer war im ersten Halbjahr 2020 sehr groß. Es zeigte sich wieder einmal, dass gegenseitige Wertschätzung und gute Teamstrukturen die Toleranz der Belegschaft gegenüber solchen Stresssituationen erhöht. Eine wichtige Frage in den Unternehmen ist nun, wie der große Einsatz der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter gerecht entlohnt werden kann. Einige Unternehmen planen daher, die steuer- und sozialversicherungsfreien Corona-Boni in Höhe von bis zu 1 500 € je Mitarbeiter auszuzahlen. Aus betriebswirtschaftlicher Sicht zeigten den Aussagen der Experten zufolge die vergangenen Monate, dass ein gutes Polster an Eigenkapital in Krisenzeiten besonders wichtig ist. Ein hoher Eigenkapitalanteil erhalte die Flexibilität der Unternehmen in der Krise und sorge dafür, dass wichtige Entscheidungen etwas gelassener getroffen werden können. In den vergangenen Jahren sei die Bedeutung des Eigenkapitalanteils möglicherweise etwas unterschätzt worden, sodass sich in einigen Betrieben ein sehr hoher Bestand an Fremdkapital angehäuft habe. Diese Entwicklung sei zum Teil durch schwache vorangegangene Jahre verursacht worden, aber auch durch die niedrigen Zinsen am Kapitalmarkt, die einige Betriebe zu einem höheren Fremdkapitalanteil verleitet hätten. Außerdem sei zu Beginn der Corona-Pandemie besonders deutlich geworden, dass es in vielen Unternehmen an geeigneten Controlling-Instrumenten mangele und keine Liquiditätspläne vorlägen. Mit Unsicherheit in die Zukunft Die vergangenen Monate waren von Lockerungsmaßnahmen geprägt, von einem normalen Zustand sind wir allerdings noch weit entfernt. Einzelne Corona-Hotspots und der Blick ins Ausland warnen, dass uns die Pandemie weiterhin beschäftigen wird. Sollte es z.B. tatsächlich zu einer zweiten Welle kommen, droht ein erneuter Lockdown. Außerdem konnten wir lernen, dass die Gesundheitsbehörden nicht davor zurückschrecken, ein Unternehmen temporär zu schließen und alle Beschäftigten unter Quarantäne zu stellen, wenn es zu einer großen Anzahl Ansteckungen im Umfeld des Betriebes gekommen ist. Ein weiterer Unsicherheitsfaktor sind die Konsumausgaben der Verbraucherinnen und Verbraucher. Sollte es nicht zu der erhofften schnellen Erholung der Wirtschaft kommen, droht der Wegfall vieler Arbeitsplätze in zahlreichen Branchen, was eine Reduzierung der Verbraucherausgaben zur Folge hätte. Die Planungen für die kommende Saison würden laut der Experten durch diese Unsicherheiten erheblich gestört.   Kontrolle schafft Sicherheit – Corona-Zwischenbilanz Die Kontrolle, ob sich das Unternehmen in die richtige Richtung entwickelt, ist in unsicheren und dynamischen Zeiten wie diesen besonders wichtig. Umsatzsteigerungen im deutlich zweistelligen Bereich sind ein tolles Ergebnis. Es sollte aber auf keinen Fall vergessen werden, gleichzeitig die Entwicklungen der Aufwendungen im Auge zu behalten. Auch auf den ersten Blick unbedeutende Veränderungen sollten hinterfragt werden, um später keine böse Überraschung zu erleben. Eine Auswertung des 1. Halbjahres ist für alle Unternehmen ab sofort kostenfrei und anonym mit der Corona-Zwischenbilanz des ZBG möglich. Neben der Analyse der eigenen Zahlen ist es jetzt besonders wichtig zu schauen, wie der eigene Betrieb im Vergleich zu anderen Unternehmen der Sparte das 1. Halbjahr abgeschlossen hat. Auf diese Weise erfährt man, wo man jetzt steht. Auf dieser Basis können sich Betriebsleiter und die Verantwortlichen in den Unternehmen optimal auf das Kommende vorbereiten und gegebenenfalls kurzfristig steuernd eingreifen. Wie entwickelte sich die Rohertragsquote im Vergleich zu anderen Unternehmen? Sie könnte z.B. zeigen, dass Spielräume bei der Preisgestaltung noch ungenutzt sind. Die Analyse der Wertschöpfung von Angestellten kann Aufschluss darüber geben, in welchem Umfang Sonderzahlungen möglich sind. Dies und vieles mehr erfährt man im Vergleich mit anderen Unternehmen durch die Corona-Zwischenbilanz. Neben diesen direkten Vorteilen profitieren Sie indirekt von einer Teilnahme. Um auch zukünftig geeignete Förder- und Hilfsprogramme für den Gartenbau auf den Weg bringen zu können, sind die politischen Entscheidungsträger auf eine verlässliche und neutrale Datengrundlage angewiesen. Dieser Halbjahresvergleich mit einer breiten Teilnahme bietet dazu eine gute Argumentationsbasis. Für die wichtige Corona-Zwischenbilanz hat das ZBG die Wege zur Teilnahme noch einmal vereinfacht. Alle Informationen zum Betriebsvergleich finden Sie unter www.zbg.uni-hannover.de/halbjahresvergleich oder registrieren Sie sich gleich unter bv-gartenbau.de. Für alle Fragen rund um den Betriebsvergleich stehen als persönliche Ansprechpartner beim ZBG Peter Kohlstedt und Robert Luer zur Verfügung (0511 762–5409, betriebsvergleich@zbg.uni-hannover.de). Robert Luer, Zentrum für Betriebswirtschaft im Gartenbau e.V.