05.01.2016

Die Zukunft im Spargelanbau

Wie kann man sich den Herausforderungen stellen

Einfluss der Anlagenleistung auf die Stechkosten

Seit einigen Jahren steht der Spargelanbau, wie auch andere handarbeitsintensive Obst- und Gemüsekulturen, vor gravierenden Herausforderungen. Aktuell und wahrscheinlich an erster Stelle sind die letzten und noch folgenden Lohnsteigerungen zu nennen. Zudem ist die Fluktuation der Saisonarbeitskräfte in den letzten Jahren angestiegen. Weiterhin sind die Verkaufspreise vielerorts durch das ständig steigende Angebot unter Druck geraten. Dies wird in der Direktvermarktung durch die teilweise sehr hohe Dichte an Verkaufsstandorten weiter verschärft. Die Vermarktung schlechterer Qualitäten gestaltet sich deutlich schwieriger und ist - in Hitzeperioden - kaum noch über Preisanpassungen möglich. Hinzu kommt eine schwieriger werdende Akquise von Verkaufspersonal. Weitere Beispiele für die Herausforderungen sind problematische Flächen- und Beregnungswasserverfügbarkeiten (Nachbauproblematik), deutlich steigende Direktkosten, ein rasant gestiegener Verwaltungsaufwand und vieles mehr. Anbau optimieren und nicht maximieren Spargelanbau „nebenbei“ ist nicht nur problematisch, sondern nicht mehr wirtschaftlich. Nur eine intensive Spargelproduktion und –vermarktung kann durch die zu erwartenden Effizienzsteigerungen die Wirtschaftlichkeit erhalten und verbessern. Dabei gilt es, den Anbau zu optimieren und nicht zu maximieren. Die Anbaugröße richtet sich in erster Linie nach Ernte- und Vermarktungskapazitäten. Jedoch gibt es nicht den „Standardbetrieb“. Regionale Unterschiede (z.B. Absatzdichte, Preisniveau) wirken sich gleichermaßen auf die Optimierung aus, wie betriebliche Unterschiede (z.B. Flächen- und Beregnungswasserverfügbarkeit, Bodenart auf das Ertragsniveau, Relief auf die Mechanisierungsmöglichkeiten). Durch diese Individualität ergeben sich neben einer schwierigeren Vergleichbarkeit aber auch Vorteile durch eine mögliche Nischennutzung. Für Vergleiche wurden Statistiken und Modellrechnungen genutzt. Die Anwendungsmöglichkeiten sind durch die Betriebsindividualität unterschiedlich und Lösungsvorschläge eventuell bereits umgesetzt oder zum Teil nicht anwendbar. Es sollen jedoch potentielle Optimierungswege aufgezeigt werden. Erntekostenentwicklung: Einfluss von Leistungsfähigkeit der Anlage und Mechanisierungsmöglichkeiten In Tab. 1 wurde in einer Modellrechnung die Entwicklung der reinen Stechkosten pro kg Verkaufsware berechnet. Dabei wurde eine Ausbeute von 70 % Verkaufsware aus der Rohware unterstellt. In den Zeilen 1-3 wurden dabei unterschiedliche Leistungsvermögen unterstellt. Dabei wurden, in Abhängigkeit der Erntemenge, unterschiedliche Stechleistungen pro Stunde (7-10 kg/h) unterstellt. Die Zeile 4 betrachtet eine Variante mit einer elektrisch angetriebenen Erntehilfe. Diese wurde mit einer Ernteleistung von 15 kg/h berücksichtigt. Stechleistungen variieren erheblich Für die Bewertung ist zu berücksichtigen, dass die Stechleistungen in Abhängigkeit von Fläche und Mechanisierungsmöglichkeiten stark variieren können. Zusätzlich können lange Stechintervalle die Stechleistung verbessern, führen jedoch bei warmer Witterung schnell zu deutlichen Minderqualitäten. Diese sind nicht akzeptabel. Bei einem Stundenlohn von 6,00 € in der Vergangenheit betrugen die Stechkosten bei 4 000 kg/ha Rohware (Zeile 1) und einer Stechleistung von 7 kg/h 1,22 €/kg Fertigware. Leistungsstarke Anlagen erforderlich In der leistungsstarken Anlage (Zeile 3) lag der Stechkostenanteil bei einem Stundenlohn von 6,00 €/h und einer Stechleistung von 10 kg/h nur bei 0,86 €/kg. Selbst eine Lohnsteigerung auf 9,10 € hebt diesen, mit 1,30 €/kg, nur wenig über den Betrag der leistungsschwachen Anlage (dort bei 6,00 €/h). Dies zeigt das Potential von Hochleistungsanlagen für die Kostenstabilisierung auf. Auf Hochleistungsanlagen mit ausreichenden Reihenlängen können mechanische Erntehilfen die Stechleistung weiter erhöhen und somit die Stechkosten pro kg weiter reduzieren. Dies belegt die Berechnung in Zeile 4 eindeutig. Hier wurde, bei einem Stundenlohn von 9,10 € ein Wert von 0,87 €/kg ermittelt. Die anteiligen Kosten der Erntehilfen (im Modell ca. 0,22 €/kg Fertigware) müssen noch zusätzlich berücksichtigt werden. Diese können stark variieren und wurden hier relativ hoch angesetzt. In Tab. 2 wird der Einfluss des Anlagenalters in einer Modellrechnung dargestellt. Ausgehend von 8 t/ha Rohware im 4. und 6. Standjahr wird der Ertrag im 10. Standjahr auf 6 t/ha reduziert. Dies kann mit Pflanzenausfällen, schwächeren Pflanzen und dünnerer Ware begründet werden. Der Durchschnittspreis sinkt im 10. Standjahr von 4,50 €/kg (im 4. und 6. Standjahr) auf unterstellte 3,80 €/kg im 10. Standjahr, da der Qualitätsdurchschnitt sinkt. Daraus errechnet sich ein Umsatzrückgang von 25 200 € auf 13 680 €/ha (um 46 %). Auswirkungen der Stangendicke Für die genannten Standjahre wurden durchschnittliche Einzelstangengewichte unterstellt. Diese reduzierten sich von 58 g/Stange über 52 g/Stange auf 40 g/Stange im 10. Standjahr. Durch die erhöhte Stangenanzahl/kg errechneten sich steigende Stechkosten von 4 933,33 €/ha auf 5 365 €/ha. Die Differenz aus Umsatz abzüglich reine Stechkosten sank von 20 267 € (100 %) im 4. Standjahr über 19 697 €/ha (97 %) im 6. Standjahr auf 8 315 €/ha (41 %) im 10. Standjahr und führt deutlich die Gefahr der Unwirtschaftlichkeit überalterter Anlagen vor Augen. Eine Verallgemeinerung ist bei dieser Betrachtung jedoch nicht möglich. Effekte aus Boden, Sorten, Anbausystem, Pflege und nicht zuletzt aus der Erntedauer können diese Alterungseffekte verlangsamen oder beschleunigen. Alter der Anlagen Ein sinnvolles Durchschnittsalter sollte zwischen 4,5-5 Jahren im Betrieb liegen. Zu junge Anlagen bringen meist hervorragende Qualitäten, erreichen jedoch meist nicht die Erntemengen. Altanlagen weisen meist Schwächen in Erntemenge und –qualität (Berostung, krumme Stangen, Verwachsungen u.ä.) auf. Dabei beginnt die mangelnde Wirtschaftlichkeit oft schon, bevor sie sich gravierend optisch auf dem Feld auswirkt. Massive Pflanzenausfälle nicht alleiniges Kriterium für Bestandsbewertung Die in den vergangenen Jahren gesunkene sinnvolle Standzeit führt zum einen zu höheren Pflanzaufwendungen. Zum anderen bringt sie aber auch nutzbare Vorteile. Intensivere Anbausysteme, wie Flachpflanzungen, sinnvolle Dichtpflanzungen und ähnliche Intensivierungsformen werden möglich. Zum Ermitteln des Pflanzbedarfes ist unbedingt die aktuelle Marktsituation mit in Betracht zu ziehen. Das Verkaufspotential ist ein wesentlicher Begrenzungsfaktor für die Anbaugröße. In den letzten Jahren wurde in vielen Betrieben in geringerem Umfang gepflanzt. Dies führte zur drohenden Überalterung der Bestände. Schlechtere Qualitäten und hoher Ernteaufwand setzten die Wirtschaftlichkeit unter Druck. Zudem ist durch die notwendigen Pflanzraten ein höherer Liquiditätsbedarf notwendig. Um dies zu vermeiden, sind regelmäßige Pflanzungen sinnvoll. Dies sollte in Zukunft ausschließlich in intensiven Formen erfolgen, wie die vorangegangenen Modellrechnungen belegen. Dabei spielt die Wahl der geeigneten Fläche und eine ausreichende Vorbereitung eine entscheidende Rolle für die Wirtschaftlichkeit der kompletten Standzeit. Wasserversorgung sicherstellen Ein gravierender Einflussfaktor ist im pH-Wert zu sehen. Ist dieser zu niedrig, kann sich die Anlage nicht entwickeln. Er sollte in der Wurzelzone (0-90 cm Tiefe) über 5,5 liegen. Dabei muss berücksichtigt werden, dass eine schnelle Anhebung im stehenden Bestand kaum möglich ist, sondern diese muss in der Vorbereitung gegebenenfalls erfolgen. Boden „richtig“ lockern Die geeignete Tiefenlockerung sorgt u.U. für eine ausreichende Durchwurzelungsfähigkeit des Bodens. Diese sollte bei Bedarf, wenn möglich (begrenzt z.B. durch Drainage), bis zu einer Tiefe vom 90 cm erfolgen. Die Wahl der Tiefenlockerungsvariante richtet sich nach dem Standort. Eine falsche Tiefenlockerung kann kritische Bodenteilchen (scharfen Kies, Steine, Ton u.ä.) aus dem Untergrund an die Oberfläche befördern und Staunässe fördern oder bei Einarbeitung im Damm Stechleistung und Qualitäten für die gesamte Standzeit negativ beeinflussen. Aus diesem Grund ist die Kenntnis des Untergrunds (bis 90 cm) notwendig. Diese kann über Grabung von Bodenprofilen erlangt werden. Versäumnisse aus dem Zeitraum der Vorbereitung bis inkl. 2. Standjahr sind danach nicht oder kaum auszugleichen. Einfluss der Stangenstärke auf die Wirtschaftlichkeit In Tab. 3 ist der Einfluss der Stangenstärke bei einem Stundenlohn von 9,10 €/h modellhaft dargestellt. Dabei kann die Stechdauer/Stange je nach Bodenart und Dammstruktur stark schwanken. Zu feste Dämme reduzieren die Geschwindigkeit erheblich. Grundsätzlich ist jedoch der Zeitbedarf zum Stechen einer dicken und einer dünnen Stange ähnlich bis gleich. Die 48 g/Stangen entsprechen einer dünneren Frühsorte. Wird diese jedoch überstochen oder altersbedingt zu dünn, kann sich der Stechkostenanteil/kg mehr als verdreifachen. Dieser Effekt ist auch in der nachfolgenden Aufbereitung zu finden. Deshalb ist eine Anhebung der durchschnittlichen Stangenstärke im Betrieb zu überdenken. Dies kann zum einen über eine Veränderung der Sortenstruktur erfolgen. Hier sind jedoch aus Vermarktungsgründen zum Teil Grenzen gesetzt. Eine Umstellung des Sortiments kann unter Umständen mehrere Jahre dauern. Auf rechtzeitiges Stechende achten Eine weitere Möglichkeit bietet das rechtzeitige Stechende. Gerade verfrühte Anlagen werden häufig zu lange beerntet und fallen dabei zum Stechende teilweise erheblich in der Stangenstärke ab. Zur Vermeidung sollte im Sortiment eine ausreichend große Anzahl an späten Anlagen (mit späten Sorten) zur Verfügung stehen. Dabei schwankt die Größenordnung betriebsindividuell und liegt vermarktungsbedingt zwischen 30-50 %. Der Anteil Spätanlagen von 30 % reicht meist nur, wenn die Nachfrage zum Ernteende erheblich nachlässt. Dabei sind die Erfahrungen aus dem Mittel mehrerer Jahre entscheidend. Überstochene Anlagen können sich - mangels Laubentwicklung im Sommer - schlecht erholen und die negativen Effekte können sich über mehrere Jahre negativ auswirken. Ein weiterer Einflussfaktor ist in der ausreichenden Dammtemperatur zu sehen. Zu kalte Böden (unter 16 °C in 20 cm Tiefe) können das Wachstum dünnerer Stangen fördern. Aus diesem Grund ist die Verspätung früher und meist dünner Sorten mit einer weißen Folie zu vermeiden, zumal diese meist ohnehin nicht ausreichend ist. Einfluss des Ernteverfahrens Die Stechleistung pro Stunde kann in Abhängigkeit von verschiedenen Faktoren stark schwanken. Unter anderem wirken sich folgende Faktoren negativ aus:
  • Schwere Böden (sind meist kälter)
  • Feste Dämme
  • Staunässe u.a.
Aber auch das Ernteverfahren hat einen erheblichen Einfluss. Wurden in der Vergangenheit bei unbedeckten Dämmen und der qualitätsbedingt notwendigen zwei Stechdurchgänge/Tag eine Stechleistung um die 5 kg/h erreicht, können Anlagen unter Schwarz-Weiß-Folie mit Stechleistungen von 8-12 kg/h im Schnitt aufwarten. Der sinnvolle Einsatz angetriebener Erntehilfen kann diese Leistung auf über 15 kg/h anheben. Im Gegensatz dazu kann der Einsatz von zu kleinen Erntekisten die Leistung deutlich schmälern. Reicht das Transportvolumen nicht bis zum Reihenende, erhöhen sich die Laufwege enorm. Aus diesem Grund sind bei langen Reihen größere Volumen notwendig und gegebenenfalls ist über geeignete Transportmöglichkeiten (z.B. von geschobenen Handwagen bis hin zu Erntehilfen) nachzudenken. Dabei sind für die Gerätewahl die Standortbedingungen, wie Reihenlänge, Bodenart, Bedeckungsformen und gegebenenfalls Hangneigungen entscheidend. Interessantes neues Minitunnel-Verfahren Ein neues Verfahren mit sehr interessanten Ansätzen ist der M-Bogen-Tunnel. Hier werden, im Gegensatz zum herkömmlichen Minitunnel, die Bögen parallel zum Damm gesteckt. Diese Veränderung ermöglicht die mechanische Abnahme und Wiederauflage beider Folien (Schwarz-Weiß-Folie und Tunnelfolie) mittels der umgerüsteten Erntehilfe „Spargelspinne“. Der Arbeitskräftebedarf wird deutlich reduziert. Die Einsatzmöglichkeiten der Minitunnel erheblich erweitert. Da dieses Verfahren noch sehr jung ist, sollten erste Einsätze auf Teilflächen stattfinden, um sich mit diesem vertraut zu machen und Erfahrungen zu sammeln. Erste Erfahrungen waren jedoch positiv. Teilweise sind nichtselektive Vollernter (Kirpy, Chrisje) im Einsatz. Die Einsatzmöglichkeiten und eventuelle Personaleinsparungen hängen ebenfalls von den Standortbedingungen und Vermarktungsanforderungen ab. Ein durchaus interessantes Aufgabengebiet dieser Technik kann zudem die Verbesserung der Dammstruktur sein. Hierzu kann eine Durchfahrt (z.B. in Hitzeperiode) die Lockerheit, Geschlossenheit und Höhe des Damms verbessern und einen deutlich positiven Einfluss auf die Erntequalität (gerade Stangen, Berostung) und die nachfolgende Stechleistung bei der Handernte haben. Die durch die Qualitätsverbesserung erreichte Durchschnittspreisanhebung kann die Wirtschaftlichkeit positiv beeinflussen. Mechanisierung hört nicht bei Sortierung auf Weitere Möglichkeiten sinnvoller Mechanisierungen sind zusätzlich in der Aufbereitung zu finden. Sortiervollautomaten haben die Sortierleistung im Vergleich zur Handsortierung beispielsweise verdoppelt bis verdreifacht. Ähnliche Effekte sind im Bereich des Bündelns, Verwiegens und Schälens zu finden. Bei der Verwiegung wird der positive Effekt durch die deutlich höhere Genauigkeit der Verwiegetechnik verstärkt. Eine sinnvolle Erntemechanisierung führt in der Regel zu einem geringeren Arbeitskräftebedarf. Dies reduziert die Abhängigkeiten vom Arbeitsmarkt erheblich. In der Folge vermindern sich die Fehler, welche aus der Fluktuation der Arbeitskräfte entstehen. Es entstehen geringere Arbeitskosten (Lohn- und Lohnnebenkosten), im Vergleich zur Handernte. Das Arbeitsklima wird verbessert und in der Regel ruhiger und die Betriebssicherheit wird erhöht. Wie Sie sich den weiteren Herausforderungen der Zukunft stellen können, erfahren Sie in der Fortsetzung des Artikels in der nächsten Ausgabe von Spargel & Erdbeer Profi. Jürgen Schulze, UBIGA GmbH