14.06.2021
Spargel für die nächste Generation

Christina Ingenrieth blickt optimistisch in die Zukunft
Foto: Aldenhoff
Im Gespräch mit Christina Ingenrieth vom Genholter Hof
Auf dem Genholter Hof in Brüggen am Niederrhein werden seit Jahrzehnten Spargel, Erdbeeren und Kartoffeln angebaut. Die Inhaber des klassischen Familienbetriebs, Gertrud und Hermann Ingenrieth, haben sich über die Jahre neben der Landwirtschaft mit einem Hofladen, Ständen, Wochenmärkten, einem Hofcafé mit Spargelrestaurant sowie Gästezimmern einige Standbeine geschaffen, mit denen der Hof gut für die Zukunft gerüstet ist. Tochter Christina (28) ging zunächst mit einer Banklehre und einem BWL-Studium ihre eigenen Wege, bevor sie sich im letzten Jahr doch entschlossen hat, den elterlichen Hof zu übernehmen. Spargel & Erdbeer Profi fragte die Jung-Unternehmerin nach ihren Beweggründen, aktuellen Herausforderungen, ihren Zukunftsvorstellungen und ihrer Motivation.
Spargel & Erdbeer Profi: Sie haben sich die Entscheidung nicht leicht gemacht und durften sich dafür die nötige Zeit lassen. Was hat Sie letztlich daran gereizt, die Familientradition auf dem Genholter Hof doch fortzusetzen?
Christina Ingenrieth: Da kamen mehrere Aspekte zum Tragen: Meine Eltern haben über die letzten Jahrzehnte einen spannenden und breit aufgestellten Betrieb etabliert. Trotz der Tradition und ihrer Investition haben sie mir immer den nötigen (Spiel-)Raum gegeben, meinen eigenen Weg zu gehen, wofür ich ihnen sehr dankbar bin. Auf diesem Weg konnte ich meine eigene Vision vom GeHo 2.0 (Genholter Hof, zweite Generation) entwickeln und diese nun umsetzen.
Spargel & Erdbeer Profi: Welche Aspekte Ihrer Vorbildung können Sie im Betrieb gut einbringen? Wie gleichen Sie Ihre fehlende landwirtschaftliche Fachkenntnis aus?
Christina Ingenrieth: Landwirtschaftliche Betriebe sind ebenfalls Unternehmen, die wirtschaftlich geführt werden müssen. So kann ich durch meine Ausbildung zur Bankkauffrau und mein Betriebswirtschaftsstudium kaufmännisches Wissen und Erfahrungen einbringen. Die landwirtschaftlichen Fachkenntnisse werden von unserem angestellten Agrarbetriebswirt ins Team eingebracht. Außerdem kann ich mich mit meinem Lebensgefährten, der auch in der Landwirtschaft tätig ist, zu Agrarthemen austauschen.
Spargel & Erdbeer Profi: Wie sind Ihre Zukunftsvorstellungen, wenn der Betrieb einmal Ihrer ist?
Christina Ingenrieth: Grundsätzlich unterscheiden sich meine Vorstellungen für den GeHo 2.0 nichts so sehr von dem, wie meine Eltern den Betrieb aufgestellt haben. Denn gerade in diesen besonderen Zeiten hat sich gezeigt, dass meine Eltern vieles richtig gemacht haben, indem sie vier verschiedene Betriebszweige etabliert haben - meine BWL-Professoren wären begeistert, über die Art und Weise, wie hier Risiko diversifiziert wird.
So stelle ich mir zukünftig vor, die jeweiligen Betriebszweige noch stärker auszuprägen und nach außen zu kommunizieren. Dabei würde der Schwerpunkt im Hofladen wie auch im Hofcafé darin liegen, noch deutlicher aufzuzeigen, woher unsere Produkte kommen und welche tollen KollegInnen diese produzieren. Dass Kommunikation wichtig ist, zeigt sich insbesondere auch im landwirtschaftlichen Bereich. Hier ist es mein Ziel, gemeinsam mit unserem Agrarbetriebswirt die Hoftore analog und digital zu öffnen und die Verbraucher bei jedem Schritt mitzunehmen, damit diese ein größeres Verständnis für unsere Arbeit bekommen und auch bereit sind, diese Arbeit entsprechend zu honorieren.
Natürlich vertiefen wir aber auch Kooperationen mit anderen Produzenten, die unsere Werte teilen. Beispielsweise bieten wir nun hausgemachtes Eis eines jungen Konditors an. Auch beschäftigen wir uns zurzeit intensiv mit dem Thema Coworking-Spaces auf dem Land. Dafür möchten wir einen digital und modern ausgestatteten Bauwagen auf unserem Hof als stunden- oder tageweises Mietbüro für Interessenten aller Branchen zur Verfügung stellen und so neue Kundengruppen ansprechen.
Spargel & Erdbeer Profi: Wie lassen sich Kunden am besten erreichen?
Christina Ingenrieth: Es kommt auf die Zielgruppe an – die analoge und digitale Ansprache sind beide gleichermaßen wichtig. So kann ein Social-Media-Beitrag eine ähnliche Reichweite erhalten wie ein Artikel in der Tageszeitung. Wichtig ist nur, als Betrieb zu wissen, welche Zielgruppe(n) ich habe und auf welche Weise ich diese am besten erreichen kann. Unser Motto ist hier, dass wir analog wie digital unsere Hoftore öffnen müssen, um Authentizität zu schaffen und glaubhaft zu sein.
Spargel & Erdbeer Profi: Wie sehen Sie aktuelle Herausforderungen der Spargelbranche?
Christina Ingenrieth: Ich sehe die Herausforderung darin, die nächste Generation an das Produkt Spargel heranzuführen. Die ältere Generation kennt dieses Produkt und weiß es auch zuzubereiten. Unter den Jüngeren hat Spargel wahrscheinlich den gleichen Charme wie früher der Kräuterschnaps Jägermeister oder der Eierlikör von Verpoorten. Aber auch diese Traditionsprodukte haben es geschafft, sich neu zu erfinden. Genau das wollen wir für (den vielfältigen) Spargel erreichen.
Die Anforderungen seitens des Gesetzgebers sowie Bürokratie werden außerdem immer höher. Wir haben jetzt beispielsweise noch eine zusätzliche Arbeitskraft eingestellt, die sich nur um die Verwaltung der Beschäftigung unserer Saison-Arbeitskräfte kümmert. Im Großen und Ganzen halte ich diese Art von Herausforderungen aber für machbar, man muss eben flexibel sein, weil sich jedes Jahr wieder etwas ändern kann.
Spargel & Erdbeer Profi: Wie schätzen Sie die Zukunft der Spargelbranche ein? Was müsste sich ändern?
Christina Ingenrieth: Der Markt wird es, wie so häufig, selbst richten. Wichtig ist, dass die Regionalität weiterhin ein wichtiger Anker sein sollte, damit auch Direktvermarkter wie wir weiterhin eine Nische haben.
Spargel & Erdbeer Profi: Wie motivieren Sie sich auch in schwierigen Zeiten?
Christina Ingenrieth: Zu spüren, dass meine Eltern in den letzten Jahren durch die Diversifizierung des Betriebs die richtigen Entscheidungen getroffen haben, motiviert und macht mich stolz. Denn aus den aktuellen Umständen und Herausforderungen kann ich ja nur für die Zukunft lernen und viel mitnehmen. So werde ich im Laufe meiner Selbstständigkeit sicherlich noch andere schwierige Zeiten erleben, die dann nicht „Corona“ heißen, aber eben auch Durchhaltevermögen fordern!
Das Interview führte Sabine Aldenhoff